Lenninger Tal

Teckbahn fährt über drei marode Brücken

Verkehr Knapp 1 100 Bahnbrücken sind in Deutschland in einem schlechten Zustand. Auch drei Brücken der Teckbahn gehören dazu. Sie sollen 2026 erneuert werden. Von Peter Dietrich

Auch in Brucken ist die Brücke über die Lauter in einem schlechten Zustand.Foto: Carsten Riedl
Auch in Brucken ist die Brücke über die Lauter in einem schlechten Zustand.Foto: Carsten Riedl

Das Tempo auf der Teckbahn ist mit 60 Kilometer pro Stunde nicht gerade rasant. Die Zählung der gesamten Strecke beginnt bei Kilometer 6,3 am Kirchheimer Bahnhof und endet bei Kilometer 17,4 in Oberlenningen. Kurz vor Streckenkilometer 7,0 fährt der Zug über das, was das Brückenportal der Deutschen Bahn als „Eisenbahnüberführung über anderen Wasserlauf“ beschreibt. Die Brücke ist in der schlechtesten Zustandskategorie „ZK4“ eingestuft. „Bei Brücken dieser Zustandskategorie ist eine Instandsetzung nicht mehr wirtschaftlich“, sagt Bahnsprecher Roland Kortz. „In diesen Fällen ist es sinnvoller, die Brücke komplett zu ersetzen.“ Erneuerung sei nach heutiger Planung im Jahr 2026 vorgesehen. Die Zustandskategorie sage aber nichts über die Betriebssicherheit. „Selbst Brücken der schlechtesten Zustandskategorie sind sicher.“

1 086 marode Bahnbrücken in Deutschland hatte die Bundestagsfraktion der Grünen vor Kurzem gemeldet - das fand in der Presse ein reges Echo. Die Deutsche Bahn wehrte sich: Die Daten stammten aus dem Monat April, die Bahn habe damals bereits umfassend informiert, sie unterhalte in Deutschland mehr als 25 000 Eisenbahnbrücken und habe in den letzten beiden Jahren schon 200 Brücken erneuert. Laut der Leistungs- und Finanzierungsvereinbarung zwischen Bahn und Bund sind zwischen 2015 und 2019 rund 28 Milliarden Euro in die Schieneninfrastruktur geflossen, allein aus diesen Mitteln würden 875 Brücken modernisiert.

Doch die 1 086 maroden „ZK4-Brücken“ sind nicht alles. Auch Brücken der Zustandskategorie 3 haben umfangreiche Schäden, die aber die Standsicherheit nicht beeinflussen. Die Teckbahn hat gleich drei solcher Brücken: Es sind die Fachwerkbrücke bei Kilometer 12,9 in Owen und die Stahlbrücken bei Kilometer 7,6 südlich vom Haltepunkt Kirchheim-Süd und bei Kilometer 15,0 in Brucken, die letzte Brücke über die Lauter vor dem Endpunkt.

Nach heutigem Planungsstand, so Bahnsprecher Kortz, seien diese drei Brücken ebenfalls 2026 zur Erneuerung vorgesehen. Das ist kein Zufall, denn Streckensperrungen will die Bahn möglichst bündeln. „Bei der Auswahl wird auch die Entwicklung des technischen Zustandes berücksichtigt“, sagt Kortz, „die Belastung der Strecke und die Geschwindigkeit.“

Die Brücke über die Lauter an Kilometer 12,9 sollte nicht mit ihrem direkten Nachbarn verwechselt werden, der Betonbrücke über die Schießhüttestraße an Kilometer 13,0. Sie wurde 2008 erneuert und ist Zustandsklasse 1, die Bestnote. Warum schleicht der Triebwagen dann trotzdem mit Tempo 20 darüber? Kurz danach kommt ein ungesicherter Bahnübergang. Bekommt dieser endlich Schranken? Nein, sagt Bahnsprecher Kortz, er solle im Jahr 2021 zurückgebaut werden. „Daher ist eine technische Nachrüstung nicht mehr vorgesehen.“

Teckbahn schafft Tempo 120

Warum eigentlich darf die Teckbahn höchstens Tempo 60 fahren? Das liegt nicht an den Brücken, der Oberbau würde deutlich mehr erlauben und der Triebwagen der Baureihe 650 locker Tempo 120 schaffen, sagt dazu Bahnfachmann Roland Kortz. Durch viele Halte ergäbe sich auch bei mehr Tempo kein nennenswerter Fahrzeitgewinn.

Bleibt die Frage, was nennenswert ist: Die sehr ähnliche Tälesbahn nach Neuffen hat ebenfalls fünf Zwischenhalte, die noch dichter aneinanderliegen, und ist dennoch ein ganzes Drittel schneller.

Die Grünen setzen auf Erhalt statt Neubau

Die Bahninfrastruktur in Deutschland befindet sich in einem maroden Zustand, sagt Grünen-Bundestagsabgeordneter Matthias Gastel. So befinden sich aktuell mehr als 1 100 Brücken in Deutschland in einem Zustand, bei dem der Abriss kostengünstiger und wirtschaftlicher wäre, als eine Sanierung der bestehenden Infrastruktur.

Ein gutes Beispiel ist laut Matthias Gastel die Bahnbrücke über die Lauter auf der Teckbahn vor dem Bahnhof Kirchheim-Süd. Der Zustand dieser Brücke habe sich offenbar erst in den letzten zwei Jahren deutlich verschlechtert, denn im Jahr 2014 wurde sie noch nicht als gravierend beschädigt aufgelistet.

Bei Lebensdauer der bundesweit rund 25 700 Bahnbrücken von 100 Jahren wäre eine Erneuerung von 257 Brücken laut Gastel jedes Jahr notwendig. Tatsächlich, so das Ergebnis der Bundestagsanfragen der Grünen, wurden in den vergangenen Jahren jährlich gerade einmal 115 Bahnbrücken erneuert.

Auch das Ziel der Bundesregierung, mit der Finanzierungsvereinbarung zwischen Bund und Bahn innerhalb von fünf Jahren deutschlandweit 875 Brücken zu sanieren, werde dem Bedarf nicht ansatzweise gerecht. So sind die Bahnbrücken in vielen Bundesländern auch trotz zahlreicher Neubauprojekte in einem hohen Alter. In Baden-Württemberg ist mit 3,5 Prozent aller Bahnbrücken mehr als jede 30. Bahnbrücke stark beschädigt.

Matthias Gastel stellt fest: Die Große Koalition hat entschieden zu wenig gemacht, um unsere Bahninfrastruktur in Schuss zu halten. Statt das Schienennetz zu erhalten, hat sich Verkehrsminister Dobrindt um eine Autobahnmaut und bayerische Ortsumfahrungen gekümmert. Was wir brauchen, sind mehr finanzielle Mittel und deutlich mehr Planungskapazitäten für das Bahnnetz. Gastel kündigt an, sich in nächsten Wahlperiode verstärkt um die Teckbahn zu kümmern.

Eine vernünftige Verkehrspolitik wünscht sich der Grünen-Abgeordnete. Sie soll auf Erhalt vor Neubau setzen. „Wir wollen daher ein Investitionsprogramm auflegen, das den Erhalt unserer Infrastruktur in den Mittelpunkt rückt“, sagt Gastel.pm

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