Lenninger Tal

Tropfsteine sind die Makkaroni

Gymnastik fürs Gehirn an einem besonderen Ort: die Gutenberger Höhlen

Gedächtnistraining hat Konjunktur. Gymnastik fürs Gehirn kann helfen, die geistige Leistungsfähigkeit zu steigern. Wie das gelingt, zeigte eine Führung durch die Gutenberger Höhlen.

Gesteinsformationen als Gedächtnisstütze: Unter Anleitung von Stefan Stümpflen (vorne) konnten Dietmar Jauss (Zweiter von links)
Gesteinsformationen als Gedächtnisstütze: Unter Anleitung von Stefan Stümpflen (vorne) konnten Dietmar Jauss (Zweiter von links), Wolfgang Häußler und sein Sohn John-Luke die Gutenberger Höhlen entdecken. Fotos: Daniela Haußmann

Lenningen. Als Stefan Stümpflen die Türe zur Gutenberger Höhle aufschloss, waren es nur wenige Besucher, die sich für seine spezielle Führung im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Kultur an besonderen Orten“ interessierten. Und das, obwohl sich Gehirnjogging bei Jung und Alt in den vergangenen zehn Jahren schon fast zum Volkssport entwickelt hat. Dietmar Jauss hingegen war ganz gezielt den schmalen Pfad zur Gutenberger Höhle hinaufgestapft. Schließlich stand bei der Führung die Erstellung einer Einkaufsliste im Mittelpunkt, deren einzelne Positionen sich die Teilnehmer in der richtigen Reihenfolge einprägen sollten. „Zum Leidwesen meiner Frau vergesse ich beim Einkauf oft das ein oder andere. Wer kennt das nicht?“, lachte der 69-jährige Gutenberger Ortsvorsteher, der sich sicher war, dass sein nächster Besuch im Supermarkt mit Stefan Stümpflens Hilfe zum vollen Erfolg wird. Kaum hatten die Besucher die Schwelle zur Höhle überschritten, legte Stümpflen den Lichtschalter um. „Die Glühbirne ist der erste Punkt auf unserer Einkaufsliste“, betonte der 41-jährige Höhlenführer, der sich gleich darauf einem Flipchart zuwandte, auf dem sich Flyer, Buchausschnitte und allerhand interessante Informationen über die Höhle befanden.

„Optisch erinnert das Flipchart an eine Zeitung. Das wäre die zweite Position auf unserer Liste“, sagte Stümpflen. Der Experte für die Steigerung der geistigen Leistungsfähigkeit erklärte, dass viele hilfreiche Merktechniken mit dem Mittel der Assoziation arbeiten. Sie sei für den Prozess des Lernens von fundamentaler Bedeutung. „Lernen geschieht, indem neue Informationen mit alten, im Langzeitgedächtnis bereits gespeicherten Daten verglichen und assoziiert werden“, berichtete der 41-Jährige. „Am leichtesten geht das über Bilder. Umso prägnanter diese sind, desto geringer ist die Gefahr, dass Informationen vergessen werden.“

Im Winter 1889/1890 wurde in der Gutenberger Höhle ein 13 Meter langes, drei Meter breites und zwei Meter hohes Knochenlager entdeckt. Unter dem Fund befanden sich auch Knochen von Alpenwolf und Berberaffe, die sich in einem kleinen Schaukasten betrachten lassen. „Die rund 300 000 Jahre alten Skelettteile sind ein markantes Bild für ein Steak, das beim Metzger besorgt werden muss“, sagte Stümpflen.

Tropfsteine entstehen durch he­rabtropfendes Wasser. „Aus dem Kalkstein der Alb löst das Wasser Calciumcarbonat, also Kalk, der sich mit dem Kohlenstoffdioxid zu Calciumhydrogencarbonat verbindet.“ Das ist nichts anders als Kohlensäure, die in die Felsspalten dringt und sich unter dem Zutritt von Luft wieder zu Kalk wandelt, aus dem sich nach dem Verdunsten des Wassers Tropfsteine bilden. Unter ihnen auch einige längliche, sehr filigrane, die Stefan Stümpflen an Makkaroni erinnerten. „Und über das herabtropfende Wasser und die kleinen Pfützen lässt sich die Brücke zum Mineralwasser mit oder ohne Kohlensäure schlagen“, sagt er.

Beim Spaziergang durch die engen, feuchten und verschlungenen Gänge fiel Wolfgang Häußler und seinem Sohn John-Luke auf, dass es überall in der Höhle funkelt und glitzert. „Dabei handelt es sich um Calcit, das zur Mineralklasse der Carbonate gehört“, klärte Stefan Stümpflen auf. Der Zehnjährigen knüpfte sofort eine Verbindung. Für ihn war klar, dass ein Päckchen Zucker auf der Einkaufsliste nicht fehlen darf. „Natürlich lassen sich die Informationen auch in eine Geschichte verpacken, die man sich ausdenkt“, berichtete Stümpflen. „Zahlen lassen sich über Codierungen leicht einprägen. Eine Null lässt sich mit einem Reifen oder einer Faust verbinden, die Eins mit einem Bleistift, die Zwei mit einem Bonbon und bei der Drei hilft der Reim ‚Drei ist Brei‘.“

Beim Marsch in die etwa 200 Meter entfernte Gussmannshöhle gingen Dietmar Jauss, Wolfgang Häußler und John-Luke die Punkte der Einkaufsliste durch. Während Stefan Stümpflen sämtliche Punkte in der richtigen Reihenfolge aus dem Gedächtnis abrief, ließ sich Wolfgang Häußler nicht entmutigen. „Ich denke, dass ich das mit einiger Übung hinbekomme“, ist der 45-Jährige überzeugt. „Ansonsten gibt es ja noch immer Stift und Papier, die dafür sorgen, dass alles im Einkaufswagen ist.“

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