Lenninger Tal

Über Schlattstall in die Frankfurter Paulskirche

Rückblick Im Gasthaus „Hirsch“ wurde vor 70 Jahren das große Rad in der Nachkriegspolitik gedreht.

Lenningen. Heute locken Tafelspitz, Rostbraten und Alb-Forelle Touristen ins hintere Lenninger Tal. Vor 70 Jahren war im „Hirsch“ in Schlattstall - wie fast überall im Land - Schmalhans Küchenmeister. Auf dem Tisch landete, was gerade zu bekommen war oder selbst angebaut wurde. Wie Gottlob Steudle, - damals einziger Speisewirt im Flecken - dieses Problem am 9. Juli 1948 löste, ist nicht überliefert. Steckrüben und Brotsuppe haben die Präsidiumsmitglieder des neuen Deutschen Landkreistages, die sich an diesem Freitag im „Hirsch“ zu ihrer ersten Sitzung im Kreis Nürtingen trafen, jedenfalls nicht vorgesetzt bekommen. Hungrig und durstig blieb keiner. Im Keller in Schlattstall lagerten zwei Fässer Wein, dazu gab es Hirnsuppe, Fleischküchle und Kartoffelsalat bevor es zum Abendessen weiter auf den Hohenneuffen ging.

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Die Versorgungslage war schlecht, die Lebenslust drei Jahre nach Kriegsende dafür umso besser, wie eine andere Episode zeigt: Einen Monat nach dem Treffen der Landräte in Schlattstall fand am 2. August 1948 auf dem Hohenneuffen die Dreiländerkonferenz mit den führenden Köpfen der Südweststaaten statt. Sie gilt als die Geburtsstunde des heutigen Landes Baden-Württemberg. Dass bei der Länderfusion nicht nur hart verhandelt wurde, zeigt die Wirtsrechnung, die sich sechs Wochen nach der Währungsreform auf stolze 1 550 Mark und 95 Pfennige belaufen haben soll. 130 Mark gingen allein für Zigarren drauf.

Auch damals hatten die Kontrahenten Gebhard Müller (Württemberg-Hohenzollern), Reinhold Maier (Württemberg-Baden) und Leo Wohleb (Baden) bei einem Geheimtreffen im „Hirsch“ in Schlattstall hinter verschlossenen Türen nachverhandelt. Das so genannte „Geheimtreffen“ am 21. Juni 1949 warf viele Fragen auf. Was führte den langjährigen Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, den Bundesvorsitzenden der FDP und den badischen Staatspräsidenten, der sieben Jahre später im Frankfurter Rotlichtmilieu in den Armen einer Prostituierten an Herzlähmung starb, in den hintersten Winkel des Lenninger Tals? Und vor allem: Was wurde dort ausgehandelt? In der „Mutter aller Schlachten“, wie Beobachter später festhalten, habe der Protestant Maier den oberschwäbischen Katholiken Müller an diesem Abend im „Hirsch“ nach allen Regeln der Kunst über den Tisch gezogen. Maier jedenfalls wurde am 25. April 1952 zum ersten Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg gewählt. Der Südweststaat war damit offiziell gegründet.

Über den Tisch gezogen wurde beim Treffen der Landräte im Juli 1948 in Schlattstall keiner. Dafür war man sich schlicht zu einig. Beim Ringen um eine gemeinsame Stimme in der politischen Nachkriegsordnung saßen erstmals seit 1932 die Vertreter aller Länder mit am Tisch, auch die Landräte aus der französisch besetzten Zone. Den Vorsitz hatte der Hesse Heinrich Treibert. Den Kreis Nürtingen vertrat der damals erst 31-jährige Landrat Ernst Schaude, der bis zur Kreisreform 1972 im Amt blieb.

Es war die neunte Präsidiumssitzung des im Jahr zuvor gegründeten Deutschen Landkreistages, und es ging natürlich um die Folgen der Währungsreform. Im Februar hatten amerikanische Militärlaster heimlich über Nacht die D-Mark ins Land geschleust, wo Warentausch und Kohlenklau den Überlebensalltag bestimmten.

Die Landräte fürchteten, dass mit der Einführung des neuen Geldes das Sozialgefüge im Land in Schieflage geriete. Der ländliche Raum, so die einhellige Meinung, werde von den Großstädten abgehängt. Gleichzeitig ging es um die Frage der kommunalen Selbstverwaltung. Die Landkreise und Kommunen, die zur Bildung von Rücklagen verpflichtet waren und damals ohne eigene Einnahmequellen waren, sahen sich gegenüber der Privatwirtschaft als die Verlierer der Währungsreform. Man berief sich auf die Zusage der Besatzungsmächte, Deutschland zu einer dezentralisierten Demokratie mit starken Gebietskörperschaften formen zu wollen.

Für das Treffen im „Hirsch“ mögen auch geopolitische Gründe gesprochen haben. Schlattstall lag an der Grenze der Besatzungszonen im amerikanischen Sektor. Droben auf der Alb in Böhringen begann der französische Teil. Der „Hirsch“ wurde so zur Station auf dem langen Weg zur ersten Landkreisversammlung am 23. März 1949 mit deutschlandweit rund tausend Teilnehmern. Die fand damals ausnahmsweise nicht in Schlattstall, sondern in der Frankfurter Paulskirche statt. Bernd Köble