Lenninger Tal

Unterrichten, wo andere Urlaub machen

Austauschprogramm Von Schwaben in die Normandie: Ein Jahr verbringt die Owener Lehrerin Christine Reichow in Frankreich. Hier bringt sie Schülern deutsche Traditionen und die Sprache näher.

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Einige meiner Freunde haben das Gefühl, mein Leben hier in der Normandie wäre nichts anderes als ein Urlaub, der ein ganzes Jahr anhält“, sagt Christine Reichow. Eigentlich unterrichtet sie in der Sibylle-von-der-Teck-Schule in Owen. Für ein Schuljahr nimmt Christine Reichow aber an einem Grundschullehrer-Austausch teil, der vom Deutsch-Französischen Jugendwerk und der französischen Partnerorganisation „Office franco-allemand pour la Jeunesse“ angeboten wird. Entstanden sind diese beiden Institutionen aus dem Elysee-Vertrag, der die deutsch-französische Zusammenarbeit schon vor 55 Jahren etabliert hat und somit stärken wollte.

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Bis die Owener Lehrerin in die Normandie gereist ist, mussten viele Punkte auf ihrer Checkliste abgehakt werden. „Die Vorbereitung für meinen Aufenthalt verlief in mehreren Etappen, jeweils abwechselnd in Frankreich und Deutschland“, erzählt sie. Den Abschluss bildete ein knapp dreiwöchiger Vorbereitungskurs in Berlin, bei dem es um ganz praktische Dinge wie Lehrpläne, Mietverträge, Telefonanbieter und anderes im Nachbarland ging. „Eingeschlossen war auch ein Tandem-Sprachkurs, der uns in Kleingruppen und unterschiedlichen Niveaustufen die Fremdsprache näherbrachte, in dem Elterngespräche, Verhandlungen mit Vermietern und andere lebensnahe Situationen simuliert und geübt wurden“, berichtet Christine Reichow.

Botschafterin für Deutschland

Seit September verbringt die Owener Lehrerin das Schuljahr in Hérouville-Saint-Clair, einer Stadt mit 20 000 Einwohnern, der drittgrößten Stadt im Departement Calvados. Hier unterrichtet sie an insgesamt fünf Grundschulen. „Meine Aufgabe heißt eigentlich ‚Sensibilitation à la Langue et la Culture Allemande‘, was bedeutet, dass ich als Botschafterin Deutschland vorstelle und erste Schritte in unserer Sprache vermitteln soll“, erzählt die Lehrerin. Die Kinder, die sie unterrichtet, sind zwischen acht und elf Jahre alt. Die Ältesten wechseln im nächsten Jahr auf die weiterführende Schule, das Collège. Dort können sie zwischen Englisch und Deutsch als Fremdsprache wählen. In der Grundschule werden bereits beide Sprache angeboten. „Normalerweise unterrichten diese Sprachen die französischen Kollegen selbst. Da aber so gut wie niemand hier Deutsch spricht, sind alle froh, dass ich diese Aufgabe in diesem Jahr übernehme“, erzählt Christine Reichow.

Zur Freude der Lehrerin sind die meisten Schüler an Deutschland interessiert. „Sie wissen sehr wenig über ihr Nachbarland, aber sie lassen sich begeistern von Liedern, kleinen Gedichten, Bildern, Filmchen und Erzählungen“, berichtet die Owenerin. „Da in Frankreich eine strenge Trennung von Kirche und Staat herrscht, ist es nicht ganz einfach, über unsere christlichen Traditionen zu erzählen.“ Doch sie merkt: Genau dafür interessieren sie sich am meisten.

Christine Reichow macht ihre Arbeit bisher großen Spaß - und das, obwohl sie wöchentlich weit mehr als 300 Schüler unterrichtet. „Es ist dabei nicht immer leicht, sich auf so viele Schüler einzustellen“, stellt sie fest. Außerdem hat sie bemerkt, dass die französischen Kollegen meist deutlich strenger mit den Schülern sind. „Deswegen drehen die Kinder in meinem Unterricht immer voll auf, denn hier wird viel gesungen, und man tauscht sich über Neuigkeiten in Deutschland aus“, erzählt Christine Reichow.

In der Freizeit geht‘s ans Meer

Trotz der vielen Unterrichtsstunden bleibt ihr noch genügend Zeit für das Erkunden der Landschaft. Oft zieht es Christine Reichow ans Meer. Auch ihre Liebe zur Musik kann sie in Frankreich ausleben: „In der Universitätsstadt Caen spiele ich als eine der Ältesten und einzigen Deutschen im Uni-Orchester mit.“

Das Jahr in Frankreich ist für sie eine besondere Erfahrung: „Hier habe ich die Möglichkeit, über den Tellerrand zu blicken.“pm

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