Archäologen geben nicht auf, das weiß Benjamin genau. Morsches Holz, lose Steine, rutschiger Untergrund - davon lässt sich der neunjährige Forscher nicht entmutigen. Zwischen Moosen, Laub und Geröll sucht er im Wald bei Krebsstein nach Spuren aus der Vergangenheit. Zusammen mit neun anderen Kindern, die am Sommerferienprogramm des Fördervereins für Archäologie, Kultur und Tourismus (FAKT) Erkenbrechtsweiler teilnehmen, dreht Benjamin jeden Quadratzentimeter um.
Nach einem kurzen Regenguss reißt endlich der Himmel auf. Sonnenstrahlen fallen durchs dichte Blätterdach und erhellen den Boden. Benjamins Blick wandert über grüne Pflanzen und Baumwurzeln. Nur wenige Schritte entfernt funkelt etwas. Der Schüler streicht sachte das Laub und die Erde beiseite. Und tatsächlich kommt eine Scherbe zum Vorschein, die er stolz dem FAKT-Mitglied Bea Weiss zeigt. „Die Scherbe ist lasiert. Das deutet darauf hin, dass sie zu einem Gefäß gehört, das im Haushalt von reicheren Leuten stand“, erklärt sie.
„So was hab ich auch gefunden“, jauchzt Carl-Magnus, der sein mehrere Jahrhunderte altes Fundstück stolz in die Luft hält. Dass die Kinder an dem Hang, der hinter Krebsstein ins Tal abfällt, so viel finden, hat seine Gründe. „In früheren Epochen haben die Menschen hier ihren Müll und anderen Unrat abgeladen“, erzählt FAKT-Mitglied Franz Weiss. „Teile von Kettenhemden, Messern oder Lanzen sind hier im Rahmen des Sommerferienprogramms schon aufgetaucht.“ Bei solchen Worten fangen die Augen der jungen Forscher an zu leuchten. „Vielleicht finden wir ein Keltenschwert oder Goldmünzen“, sagt einer aus der Runde. Und schon keimt bei so manchem die Hoffnung auf, dass tief in der Erde etwas Spektakuläres schlummert.
Als FAKT vor zehn Jahren das Sommerferienprogramm initiiert hatte, waren die Erdschichten, die die altertümliche Müllhalde überzogen, noch deutlich höher. „Es ist vor allem der Frost, der für die Verwitterung in den Boden- und Gesteinsschichten sorgt, die sich dadurch leicht mit der Erosion abtragen lassen“, erklärt Franz Weiss. „Hinzu kommt, dass wir durch die Begehung des Steilhangs zur Erosion beitragen.“ Deshalb ruft Bea Weiss die Kinder zurück. „Oben werdet ihr kaum fündig. Ihr müsst im Mittelteil oder im unteren Drittel suchen“, klärt sie auf. Das lassen sich die Grundschüler nicht zweimal sagen. Eifrig suchen sie weiter. Als Carl-Magnus den beiden FAKT-Experten zwei dunkle Scherben zeigt, muss Franz Weiss nicht lange überlegen: „Das ist gotisch“, sagt er.
Vor zehn Jahren stammten die Hauptfundstücke aus dem Zeitalter der Renaissance und des Barock. Heute können die Kinder an derselben Stelle Zeugnisse aus dem späten Mittelalter finden. „Teilweise tauchen auch schon Stücke aus dem Hochmittelalter auf“, berichtet der Hobbyarchäologe. „Wir dringen also aufgrund von Verwitterung, Erosion, Begehung und dem daraus folgenden Schichtabtrag in immer ältere Epochen vor.“ Und genau das begeistert Sina. Krebsstein ist zwar nicht Troja oder Pompeji, aber für die 18-Jährige ein Stück lokale Menschheitsgeschichte. „Und das finde ich unheimlich spannend, denn das was hier zum Vorschein kommt, sind die historischen und kulturellen Wurzeln eines Ortes, zu dem ich eine Verbindung habe“, macht Sina deutlich. „Wer weiß, vielleicht haben hier einmal Vorfahren meiner Familie gelebt.“
Die 18-Jährige, die Sonderpädagogik studieren will, kam vor rund acht Jahren zu FAKT nach Erkenbrechtsweiler. „Damals hab ich in der Schule ein Referat über die Kelten gehalten“, erinnert sie sich. Seither brennt Sina für die Altertumsforschung und fehlt bei keinem Sommerferienprogramm. Plötzlich kommen einige Kinder mit ein paar ziemlich schweren Brocken den Waldweg heruntergelaufen. „Das sind Teile eines barocken Kachelofens“, sagt Franz Weiss. „Da haben wir schon Teile in der Werkstatt.“ Sina lächelt. „Solche Funde erzählen eine Geschichte und eröffnen Einblicke in den Alltag der Menschen“, betont sie. Auch Benjamin freut sich über seine vielen Funde. „So gut läuft das nicht immer. Aber Durststrecken muss jeder Archäologe mal überwinden. Da muss man dann halt durch“, meint der Neunjährige. „Ich kann mir gut vorstellen, das zu studieren. Deshalb hab ich mir das heute auch angesehen.“