Lenninger Tal

Virtuelle Realitäten aus Hülben

Digitalisierung Arbeitsplätze wandeln sich, gerade auch im ländlichen Raum. Ein erfolgreiches Unternehmen von der Alb zeigt, wie es gehen kann. Von Alexander Thomys

Max Hirrlinger trägt eine VR-Brille. Mit den Bedienelementen, die ihm Julian Hermle reicht, kann er auch virtuelle Maschinen bed
Max Hirrlinger trägt eine VR-Brille. Mit den Bedienelementen, die ihm Julian Hermle reicht, kann er auch virtuelle Maschinen bedienen. Das ist anschaulich auf Messen oder hilfreich für Schulungen.Foto: Alexander Thomys

Was tun, wenn die neu entwickelte Indus­triemaschine so groß ist, dass für sie selbst in den größten Messehallen kein Platz vorhanden wäre? Und sich ein Aufbau der Maschine nur für Vorführzwecke ohnehin nicht lohnen würde?

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Früher waren die Vertreter von Maschinenbauern auf Kataloge angewiesen. Heute gibt es dagegen neue Möglichkeiten der Präsentation: Mithilfe eines Beamers und einer 3D-Brille kann die Maschine auf einer Leinwand vermeintlich dreidimensional gezeigt werden. Aber nicht nur das: Die Brille erkennt die Bewegungen ihres Trägers, dementsprechend ändert sich das Bild. Der Betrachter kann unter Bauteile schauen - oder sogar in die Maschine hinein, während der Arbeitsprozess live dargestellt wird. Unterstützt ein Moderator mit einer Fernbedienung, kann der Standort wie im Flug gewechselt werden .

Solche virtuellen Realitäten gehörten auf den jüngsten Technologiemessen zu den viel diskutierten Highlights. Ein Unternehmen, das in diesem Bereiche vorne mit dabei ist, ist die CMC Engineers. Standort: Hülben auf der Schwäbischen Alb. Von wegen abgehängter ländlicher Raum. „Über unsere Internetverbindung konnten wir bisher nie klagen“, sagt Julian Hermle, der das Unternehmen zusammen mit Max Hirlinger gegründet hat.

2014 gründeten die beiden Hülbener ihr Unternehmen als „klassisches Start-Up“, wie Hermle sagt. Dank der guten Internetverbindung und ihrem Know-how sei es „eigentlich egal, von wo aus wir arbeiten“. Auch wenn sie natürlich zugeben, dass ihre Firma „untypisch für die Alb“ sei. „In Stuttgart sitzen viel mehr Firmen aus dem 3D-Bereich“, weiß Hermle. „Alle Animationen für Game of Thrones stammen aus der Landeshauptstadt“, erzählt Hermle. Doch mit der boomenden Film- und Computerspielebranche haben die Hülbener nichts am Hut.Ihre Nische ist eine andere: Sie programmieren 3D-Modelle und virtuelle Realitäten vor allem für Industriebetriebe und ermöglichen es so, riesige Industriemaschinen mit kleinsten Mitteln auf Messen erlebbar zu machen. Die Anwendungsmöglichkeiten sind aber viel größer: So könnten etwa Schulungen für Mitarbeiter aus anderen Standorten ohne Reisekosten durchgeführt werden, verbunden mit Sensoren könnten auch Defekte an den Maschinen visualisiert und die Reparatur abgesprochen werden.

Ein weiteres Standbein ist die erweiterte Realität: Wenn etwa auf einer VR-Brille oder einem Smartphone mehr zu erkennen ist, als wirklich da ist. Aus Produktkatalogen können so etwa 3D-Modelle erwachsen. Und auch im Tourismus tummeln sich die CMCler: Für die Stadt Baden-Baden produzierten die Hülbener eine App, die einen virtuellen Rundgang durch die Touristenmetropole ermöglicht.

Einziges Hindernis für das Unternehmen mit seinen vier Mitarbeitern ist der Fachkräftemangel. „Die Branche ist sehr klein, gute Leute sind schnell weg“, nennt Hermle ein Problem. Eine weitere Schwierigkeit: „Die Berufsbilder entwickeln sich aktuell erst.“

Für den Geschäftsführer der CMC Engineers stellt sich daher eine klare Frage: „Wie mache ich mich als kleine Firma attraktiv?“ Die Hülbener gehen mehrere Wege: In Albstadt wurde eine Tochterfirma gegründet, als zweiter regionaler Standort. Und auch dezentrales Arbeiten von zu Hause aus ist bei den CMC Engineers möglich. „Einer unserer Mitarbeiter lebt und arbeitet von Bad Saulgau aus“, erzählt Hermle und ergänzt schmunzelnd: „Von wo aus unsere Mitarbeiter in den Computer reinstarren, ist uns relativ egal.“

Dennoch gebe es natürlich regelmäßige Abstimmungstreffen in Hülben, oftmals wird auch auf Videotelefonie über das Internet zurückgegriffen. Und: Urlaub gibt es für die Angestellten theoretisch unbegrenzt. Die einzige Bedingung dabei ist: „Die Projekte müssen laufen.“ Das ist ein schmaler Grat zwischen Selbstverpflichtung, Engagement und Selbstausbeutung. Oder wie es Hermle formuliert: „Der Übergang zwischen Arbeit und Privatem ist fließend.“

Deshalb gibt es auch in den Hülbener Geschäftsräumen Raum für Kreativität und für Pausen. Spielkonsolen sind im Freizeitraum zu finden, in der Küche sind nicht nur Süßigkeiten zu finden, sondern auch „freie Getränke bis hin zum Alkohol“, so Hermle schmunzelnd. „Und ein Tischkicker kommt demnächst auch noch.“ Macht jemand eine Pause, schaut ihn im Büro niemand schief an. „Bei uns haben wir eine sehr familiäre Atmosphäre.“ Manche Mitarbeiter kommen auch erst spät abends zur Arbeit. „Hauptsache, die Arbeit wird gemacht“, sagt Hermle.