Lenninger Tal

Vollgas auf dem Dachboden

Rennbahn Emotionen wie im richtigen Fahrerlager: In Westerheim treffen sich regelmäßig „Carrera“-Fans und jagen kleine Flitzer im Maßstab von 1 zu 24 über die Strecke. Von Brigitte Scheiffele

Ob Jung oder Alt spielt keine Rolle: In Westerheim toben sich alle Altersklassen an der 43 Meter langen Carrera-Bahn aus.Foto: B
Ob Jung oder Alt spielt keine Rolle: In Westerheim toben sich alle Altersklassen an der 43 Meter langen Carrera-Bahn aus.Foto: Brigitte Scheiffele

Auf einer Fahne, die an einem Hauseingang in Westerheim gleich neben der Türe an einer Fensterscheibe klebt, ist „Carrera“ zu lesen. Das gleiche Wort steht auch auf dem Schild an der Klingel. Wer hier schellt, der kommt mit Koffer und sensiblem Material. Codewort: „Slotcar Racer“. Es geht hinauf bis unters Dach und wenn sich dann die Türe zum Clubraum öffnet, glänzen selbst Männeraugen beim Anblick des Carrera-Racer-Paradieses: Ein Jugendtraum mit einer Strecke auf 43 Meter Länge, Maßstab 1 zu 24, die Wagen digital steuerbar, sechs können gleichzeitig auf die Bahn. Echter Fahrspaß - sogar mit Bastelmöglichkeiten beim Boxenstop. Mittendrinnen: Ein Rennbildschirm für sechs Fahrzeuge, der die jeweiligen Platzierungen mit den Rundenzeiten anzeigt.

Auf den Daumen, fertig, los: Mit Vollgas jagt Heiner aus Kirchheim seinen BMW-M1-Procar auf die Strecke. Bei hohem Tempo kann der 51-Jährige den Wagen gerade noch so in der Kurve halten. Front-, Rück und sogar Bremslichter leuchten, kein einziges Mal fällt das Fahrzeug in dieser Runde trotz Höchstgeschwindigkeit aus der Bahn. Konzentriert steuert der 52-jährige Thomas Föschle aus Filderstadt seinen kleinen Boliden hinterher. Vergebens: Die Kurve kurz vor dem Ziel befördert den kleinen Flitzer ins Aus.

Kein Motor röhrt, kein stinkender Benzingeruch, keine grölenden Zuschauer, nur ein sanftes Surren ist hier oben zu hören. Und im Ziel ein lautes „Jaaa!“. Trotzdem wird das Dachgeschoss über dem kleinen Einkaufsladen am Kirchplatz in Westerheim regelmäßig zu einem mit Adrenalin geschwängerten Ort. Begeisterte Slotcar-Racer liefern sich hier immer wieder beim Team Schwabenpower „Alb-Race-Slotter“ heiß umkämpfte Rennen. Die deutsche Bezeichnung „Spurbahnfahrer“ verwendet längst niemand mehr.

An diesem Nachmittag wird in Westerheim, in einer von insgesamt 14 Stationen, für das Rennen der „Carrera Profi Liga“ trainiert. Dann nämlich treten die besten Fahrer aus Deutschland und Österreich an. In Westerheim haben sich Racer aus dem Raum Stuttgart, aus Kirchheim und Nürtingen, aus Biberach und dem Alb-Donau-Kreis und auch aus dem „Bayerischen“ auf das Rennen vorbereitet.

2014 haben der 50-jährige Klimatechniker Andreas Colbus aus Laichingen und der 49-jährige Systemingenieur Andreas Schönmann aus Ichenhausen das Dachgeschoss des Wohnhauses gemietet, als sie nach ihrer Bewerbung als „freier privater Carrera Club“ ausgelost wurden, um Rennveranstaltungen austragen zu können. „Ich hatte immer eine Carrera-Bahn und keine Eisenbahn. Und auch unsere Kinder fuhren im Freien Kart. Problematisch war es dann im Winter. Also bauten wir daheim die Carrera-Bahn auf mit 150 Metern Strecke“, erzählt Colbus. Als echter Fan hat er selbst sogar schon an 24-Stunden-Rennen teilgenommen. „Sieben Satz Reifen hat das runtergezogen, das gab richtig Abrieb.“

Freaks wie er dürfen in Westerheim zum Trainieren kommen. Wenn die Rennen stattfinden, schickt Carrera einen Moderator mit vier Fahrzeugen. Die BMW-M1-Procars kommen dann nagelneu aus der Schachtel, damit sie von den Teilnehmern im Vorfeld nicht manipuliert werden können.

Pro Rennen müssen 15 Runden überstanden werden, jeder Teilnehmer fährt jedes der vier Autos. Heißt: 60 Runden. Der Fahrer steht am Startplatz und Streckenposten sind eingesetzt, falls ein Auto aus der Bahn fliegt. Gewertet wird dann die Gesamtzeit von vier Rennen. 13 bis 14 Sekunden pro Runde schaffen die Top-Fahrer, zwischen sechs und sieben Minuten dauert ein Rennen.

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