Lenninger Tal

Vom Schwäbischen in den Französischen Jura

Mit seiner Auswanderung nach Frankreich erfüllt sich Helmut Staiger einen Herzenswunsch

Helmut Staiger sagt „Au revoir“. Der Mann, der fast fünf Jahrzehnte seines Lebens am Fuße der Teck verbracht hat und der vielen als Kandidat aus verschiedenen Wahlen bekannt ist, wandert aus. Der 49-Jährige erfüllt sich seinen lang gehegten Traum vom Leben in Frankreich.

Dreieinhalb Jahre lang hat Helmut Staiger in Gutenberg gelebt. Im Frühjahr hatte er als Kandidat am Lenninger Bürgermeisterwahlk
Dreieinhalb Jahre lang hat Helmut Staiger in Gutenberg gelebt. Im Frühjahr hatte er als Kandidat am Lenninger Bürgermeisterwahlkampf teilgenommen. Nun kehrt er dem Tal den Rücken. Seine neue Wahlheimat ist Frankreich.Foto: Daniela Haußmann

Lenningen. Mit einem Schulausflug in der elften Klasse fing alles an. Damals durfte Helmut Staiger im Elsass erstmals französische Kultur und Lebensfreude hautnah erleben. Von da an schlug das Herz des Mannes, der in den vergangenen dreieinhalb Jahren in Gutenberg lebte, für das Nachbarland. „La vie est belle en France“, ist für den 49-Jährigen nicht nur ein Satz, den er einfach dahinsagt, sondern eine tiefe Überzeugung, die in ihm in den vergangenen Jahrzehnten mit jedem neuen Frankreichaufenthalt mehr und mehr gewachsen ist.

Im März dieses Jahres war er im Lenninger Bürgermeisterwahlkampf noch gegen Amtsinhaber Michael Schlecht angetreten. Und nun wandert er aus. „Wenn die Bürger mir durch ihre Wahl einen Auftrag erteilt hätten, hätte ich diesen natürlich acht Jahre lang mit hohem Engagement erfüllt“, betont Helmut Staiger. „Aber so kann ich mir nun meinen Traum erfüllen.“

Staiger, der sich in der Ökologisch-Demokratischen Partei (ÖDP) zunächst als Mitglied und dann als Landesgeschäftsführer engagiert hat, schätzt das Protest- und Streikverhalten der Franzosen. Es sei Teil der französischen Identität. Die hohe Bereitschaft, politische und gesellschaftliche Konflikte auf der Straße auszutragen und dabei zu öffentlichkeitswirksamen Maßnahmen wie Blockaden oder Besetzungen zu greifen, findet Staiger gut, der diese revolutionäre Richtung in Deutschland manchmal vermisst. Der studierte Betriebswirt, dessen berufliche Perspektive in Frankreich noch in den Sternen steht, kommt aus einem politischen Elternhaus. „In meiner Familie gab es einige Verwandte, die in einem Gemeinderat saßen oder sich zur Wahl stellten“, erinnert er sich. „Und mein Vater hat mich immer dazu angehalten, mich mit politischen Inhalten und Entscheidungen auseinanderzusetzen.“ Deshalb will er sich auch in seiner neuen Wahlheimat bei der Partei Mouvement Démocrate (MoDem) engagieren.

Darüber hinaus gefällt Helmut Staiger nicht nur die französische Sprache, sondern auch die kulturelle Besonderheit des Système D. Dabei handelt es sich keinesfalls um eine Band, sondern um eine Einstellung, mit der die Franzosen die vielfältigen Herausforderungen und Probleme des Alltags meistern. Das D steht dabei für „débrouillage“, was so viel heißt wie „zurechtkommen“ oder „sich durchwurschteln“. Die Franzosen nehmen aus Sicht von Helmut Staiger das Leben leichter als die Deutschen. „Sie genießen es mehr und wollen nicht alles regeln“, erzählt er.

Während seiner zahlreichen Frankreichaufenthalte hat Helmut Staiger viele Freunde gefunden, die ihm in seinem neuen Wohnort, Andelot-en-Montagne, helfen, in der Gesellschaft anzukommen. „Mein neuer Lebensmittelpunkt vereint die Vorzüge des Schwäbischen Jura und des Schwarzwaldes“, berichtet Staiger. „Der Französische Jura bietet hervorragende Möglichkeiten zur Naherholung, aber auch für verschiedenste Sport- und Freizeitaktivitäten.“

Der 49-Jährige, der die Christliche Initiative Kirchheim (CIK) mitbegründete, kann sich auch gut vorstellen, schon sehr bald die französische Staatsbürgerschaft anzunehmen. In den Kirchheimer Raum wird er aber immer wieder kommen, um Freunde und Bekannte zu besuchen. „Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, bilanziert Helmut Staiger, der auf sein Leben in Frankreich gespannt ist.

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