Lenninger Tal

Wenn der Kranich einmal falsch abbiegt

Ornithologie Wulf Gatter und seine Mitstreiter an der Forschungsstation Randecker Maar konnten erstmals ganze Kranich-Trupps am Himmel vorbeiziehen sehen. Von Iris Häfner

Im Formationsflug geht es an der Teck vorbei: Kraniche haben eine neue Route für sich entdeckt. Foto: Dorothea Gatter
Im Formationsflug geht es an der Teck vorbei: Kraniche haben eine neue Route für sich entdeckt. Foto: Dorothea Gatter

Einmal auf dem Flug falsch abgebogen, und flugs ist eine neue, nahrungstechnisch lohnende Route gen Süden gefunden - so in den vergangenen Jahren bei den Kranichen geschehen. Zunächst trauten die Ornithologen bei ihren Beobachtungen an der Forschungsstation Randecker Maar ihren Augen nicht. „Doch zwischenzeitlich wissen wir, was los ist“, erklärt Dr. Wulf Gatter.

Seit rund 50 Jahren gibt es die Forschungseinrichtung am Albtrauf bei Ochsenwang. „In 40 Jahren haben wir drei oder vier Kraniche gesehen. Dann kamen kleine Trupps, und in den vergangenen zwei bis drei Jahren kamen verstärkt Kraniche aus Richtung Osten. Da haben wir uns gewundert“, sagt Wulf Gatter. So viele wie in diesem Jahr waren es jedoch noch nie. Zwei Wochen lang konnten sich die Vogelkundler regelmäßig an den Flugformationen und Rufen der majestätischen Vögel erfreuen. Deutlich zu erkennen sind sie dank ihres langen Halses und Schnabels.

Neuerdings läuft einiges ganz anders beim Zug der Kraniche. Die Tiere sind seit geraumer Zeit europaweit geschützt. Im Gegensatz zu kleinen Singvögeln lässt sich ein erlegter Kranich nicht so einfach und unbesehen transportieren. Die Kranichbestände erholen sich dank dieses Schutzstatus- es, denn in einigen südeuropäischen Ländern landen heute noch Vögel sämtlicher Art auf dem Tisch. „Mir wurde gesagt, Kranich schmeckt wie junge Ziege“, berichtet Wulf Gatter.

Und jetzt noch eine neue Flugroute über die Alb. „Wir haben laufend Anrufe bekommen. Bei Hochnebel fliegen sie relativ tief und bis in die tiefe Nacht hinein“, so der Ornithologe. Ein Teil der Vögel ist das Lautertal ab Owen beziehungsweise Brucken hochgeflogen, dabei orientieren sie sich tatsächlich an den Lichtern der Ortschaften. „Noch spannender war es bei Laichingen und Geislingen, wo ein riesiger Schwarm gesehen wurde. Bei Gosbach wurden sie gesichtet, sind dann nach Geislingen geflogen und schließlich im rechten Winkel aus dem Tal abgebogen“, konnten Mitarbeiter der Forschungsstation beobachten, die im Oberen Filstal wohnen. „Für uns ist das eine tolle Abwechslung, das ist eine aufregende Sache“, freut sich Wulf Gatter.

In Lothringen gibt es einen bei Ornithologen berühmten Rastplatz der Kraniche. Die Vögel steuern auf ihrer Reise von der Ostsee dort ein Teichgebiet an und nutzen das Nahrungsangebot zwei bis drei Wochen lang, ehe sie weiter nach Südfrankreich und Spanien ziehen. Die Route ist nahrungsabhängig.

„Wenn einer falsch fliegt und findet den Tisch dann reich gedeckt vor, sagt er das den anderen. So kann sich eine Tradition rasch ausbilden“, so die Beobachtung der Ornithologen. Die „Albkraniche“ haben vor einiger Zeit die Puszta als lohnenden Zwischenstopp entdeckt. „Dort gibt es auf den großen, abgeernteten, aber noch nicht gepflügten Ackerflächen wohl noch genügend Maiskolben und kleine Kartoffeln“, erklärt Wulf Gatter. Ist alles abgevespert oder kommt die kontinentale Kälte, zieht es die Vögel in Richtung atlantisches Klima zum nächsten Rastplatz. „Kraniche werden sehr alt und pflegen Familienbande. Sie nehmen ihre Jungtiere mit und geben so ihre Kenntnisse weiter“, sagt der Ornithologe. Die Brutplätze der europäischen Kraniche liegen vorwiegend in Skandinavien und dem Baltikum, in Deutschland leben sie bevorzugt in den östlichen Bundesländern, beispielsweise an der Darß-Zingster-Boddenkette und auf Rügen. „Im Osten gibt es viel mehr Moore als hier bei uns, und die Kraniche sind nicht übermäßig anspruchsvoll. Mit großflächigen Agrarlandschaften kommen sie gut zurecht“, sagt Wulf Gatter.

Foto: Pixabay
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Keine Rauchschwalben und keine Schwebfliegen

Die Rauchschwalben sind dieses Jahr ohne Nachwuchs über die Forschungsstation Randecker Maar ins Winterquartier geflogen. Normalerweise tritt die erste Brut die Reise in den Süden ohne die Altvögel an, die zu der Zeit noch mit der Aufzucht der zweiten Brut beschäftigt sind. Kann die für sich selbst sorgen, fliegen die Altvögel fort. Noch etwa zwei Wochen brauchen die Jüngsten, um sich genügend „Reisespeck“ anfressen zu können, ehe auch sie den langen Flug antreten. „Wir haben dieses Jahr nur alte Rauchschwalben gehabt. Noch nie war der Anteil der Durchzügler so gering“, sagt Wulf Gatter. Das Frühjahr war sehr früh sehr warm, dann kam ein Kälteeinbruch. „Viele Bruten sind dabei umgekommen. In den Nistkästen haben wir Eier oder tote Vögel gefunden“, so der Ornithologe. Die Vögel haben seinen Beobachtungen nach kein zweites Mal mehr zu brüten begonnen.

Eine erschreckende Bilanz muss Wulf Gatter bei den Schwebfliegen ziehen, von denen es über 100 Arten gibt. Sie sind nahezu komplett verschwunden. An der Forschungsstation stehen Reußen mit einer zehn Quadratmeter großen Fläche, mit deren Hilfe die Insekten abgefangen werden: vier Mal eine Minute pro Stunde. Waren vor Jahren etwa 40 bis 50 Exemplare drin, fand sich heuer fast nichts. „Diesen starken Rückgang müssen wir erst auswerten. Zur Ursache können wir jedoch nichts sagen, damit müssen andere sich befassen“, lässt sich Wulf Gatter zu keiner Deutung hinreißen. ih

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