Lenninger Tal

Wenn die Brille plötzlich fehlt

Experte: Vergesslichkeit bedeutet noch längst nicht Alzheimer

Die Brille ist weg und der PIN für die Bankkarte fällt einem partout nicht mehr ein. Häufen sich solche Dinge, beschleicht jeden jenseits der 50 die Angst: „Ist das schon Demenz?“ Professor Dr. Christoph Laske ging bei seinem Vortrag in Owen dieser Frage nach.

Rät zu gesunder Ernährung und zu Bewegung zur Vorbeugung gegen Alzheimer: Professor Dr. Christoph Laske.Foto: Rainer Hoffelner
Rät zu gesunder Ernährung und zu Bewegung zur Vorbeugung gegen Alzheimer: Professor Dr. Christoph Laske.Foto: Rainer Hoffelner

Owen. Der Facharzt der Memory Klinik in Tübingen beruhigte zunächst einmal: „Wir alle haben gelegentlich Probleme mit dem Gedächtnis.“ Mal fehlt das passende Wort, mal weiß man im Keller nicht mehr, was man gerade holen wollte oder die Schlüssel sind irgendwo verschwunden. Das kann ein Frühsymptom für Demenz sein, muss es aber nicht. „Es gibt viele Ursachen für Gedächtnisstörungen“, sagt der Mediziner. Zu wenig Schlaf, zu wenig Bewegung, zu viel Stress oder eine Depression wirken sich ebenso negativ auf die Leistungsfähigkeit unseres Gehirns aus.

Ob sich vielleicht doch eine beginnende Demenz dahinter verbirgt, lasse sich schnell abgrenzen, so Laske: Treten diese Gedächtnislücken nur gelegentlich auf und läuft im Alltag alles ohne Probleme, gibt es Entwarnung. Verändert sich aber das Verhalten, funktioniert die Orientierung bisweilen nicht mehr auf Wegen, die man eigentlich gut kennt oder gibt es Beeinträchtigungen von praktischen Fähigkeiten wie dem Umgang mit Geld, sieht es schon anders aus: „Dann sollte von einem Arzt abgeklärt werden, woran es liegt“, rät der Demenz-Forscher.

Rund 46 Millionen Menschen weltweit leiden unter Demenz. Am häufigsten dabei ist die Alzheimer Erkrankung, die ‑ rein oder in Mischformen - rund Dreiviertel der Patienten entwickeln. Ein äußerst schleichender Prozess, der sich da im Gehirn abspielt, wie Laske erklärt. Jahre, nachdem Merkmale wie die für Alzheimer typischen Plaque-Ablagerungen im Gehirn längst pathologisch sind, zeigen Patienten erst Symptome. – Ein Grund, warum Demenzerkrankungen nach wie vor meistens erst recht spät diagnostiziert werden.

Dabei wäre es aus Sicht des Experten wünschenswert, die Betroffenen weitaus eher zu behandeln als das zurzeit der Fall ist. Zwar gibt es nach wie vor kein Heilmittel gegen Alzheimer, jedoch zeigen sogenannte Antidementiva vor allem im frühen Stadium der Erkrankung nach Erfahrung des Arztes gute Wirkung: „Das Fortschreiten der Krankheit verzögert sich mit den Medikamenten deutlich“, so Professor Christoph Laske.

An anderen Arzneien wird derzeit weltweit mit Hochdruck geforscht. Unter anderem gibt es Studien, den Patienten mit einem Impfstoff anzuregen, Antikörper gegen die schädlichen Eiweißablagerungen zu bilden. „Biologisch ist die Wirkung nachzuweisen, leider aber profitieren die Patienten nicht davon: Die Plaque verschwindet, aber die Krankheit schreitet weiter voran“, berichtet der Tübinger Spezialist über die aktuelle Forschung. Versuche mit der direkten Verabreichung von Antikörpern hingegen zeigten auch klinische Wirksamkeit. Derzeit werde getestet, welchen Effekt Impfungen in einem früheren Krankheitsstadien haben.

Auch präventiv kann man einiges tun, um das Risiko einer Demenzerkrankung zu senken: „Bei Alzheimer ist die Ernährung hoch relevant“, rät Laske seinen Zuhörern zu mediterraner Kost. Auch ein Blick auf den Body-Mass-Index schadet nicht: Im mittleren Lebensalter sollte der die 25 nicht überschreiten. Hingegen im Alter schütze etwas mehr Fett auf den Rippen eher als dass es schade, so der Fachmann. Ausreichend Schlaf und Bewegung, dazu regelmäßiges Training auch für das Gehirn sollen das ihre dazu tun, das Risiko einer Demenz zu senken. Vaskuläre Erkrankungen oder auch andere Risikofaktoren wie Diabetes sollten gegebenenfalls mit Medikamenten so behandelt werden, dass sie nicht einen Ausbruch der Demenz begünstigen.

Vor allem aber sollten Betroffene nicht aus Angst den Gang zum Arzt scheuen, so Laskes Appell an die knapp 100 Zuhörer, die zu diesem Infoabend der Projektgruppe DOLE nach Owen gekommen waren. Owens Bürgermeisterin freute sich über die große Resonanz. Für sie ein Zeichen, dass die Kampagne der vier Kommunen am richtigen Ort ansetzt und das Thema Demenz endlich etwas aus der Tabuzone herausgeholt wird.

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