Lenninger Tal

Wenn die Rettung zum Rätsel wird

Unfälle Die Technik entwickelt sich rasant. Um eingeklemmte Menschen aus Autos zu befreien, bildet sich die Feuerwehr regelmäßig fort. Von Daniela Haußmann

Bei einer Rettungsaktion zählt jede Sekunde, doch die moderneTechnik legt der Feuerwehr oft Steine in den Weg.Fotos: Daniela Hau
Bei einer Rettungsaktion zählt jede Sekunde, doch die moderneTechnik legt der Feuerwehr oft Steine in den Weg.Fotos: Daniela Haußmann

Wieder und wieder krachen Fahrzeuge ineinander oder überschlagen sich. In schweren Fällen werden sie unter der Wucht des Aufpralls bis zur Fahrgastzelle zusammengedrückt. Wer überlebt, ist nicht immer in der Lage, sich selbst zu befreien. Das Warten auf die Rettungskräfte beginnt. Sind Menschenleben in Gefahr, zählt jede Sekunde. Doch gerade nach schweren Unfällen vergeht oft wertvolle Zeit. Denn die Fahrzeugkonstruktionen. die eigentlich sicherer sind als früher, haben laut ADAC eine Kehrseite: Sie erschweren die Arbeit der Einsatzkräfte.

Das beweist eine Fortbildung der Freiwilligen Feuerwehr Kirchheim. Zentimeter für Zentimeter frisst sich die Rettungsschere durch einen Ford Escort. Krachend gibt das Metall unter dem Druck des Gerätes nach. Markierungen, die verraten, wo die Gasgeneratoren sitzen, die die Airbags auslösen, suchen die Feuerwehrleute vergebens. Diese Information ist laut Kerstin Ambacher aber wichtig. Denn Airbags, die sich während des Unfalls nicht öffnen, sind eine Gefahr für Helfer und Insassen. „Ein Schnitt an der falschen Stelle, die Gasladung zündet, der Airbag schießt aus der Vorrichtung und kann zu Verletzungen führen“, berichtet die Gruppenführerin der Freiwilligen Feuerwehr Kirchheim, Abteilung Stadtmitte.

An einem alten Peugeot bringen die Lehrgangsteilnehmer im Türrahmen einen Hydraulikzylinder an. Stück für Stück schiebt das Gerät die eingedrückte Front des Pkws nach vorne. „Bei Unfällen mit modernen Autos sind die Fahrer häufiger als früher im Pedalraum eingekeilt“, sagt Ambacher. Fahrer und Beifahrer lassen sich oft nur befreien, wenn der Fußraum mechanisch vergrößert wird. Doch anders als bei dem Übungswagen vom Schrottplatz, stellt sich für die Feuerwehrleute bei modernen Autos die Frage, an welchen Punkten das Rettungsgerät angesetzt werden muss. „Das Gerät arbeitet mit einem Druck von bis zu 92 Tonnen “, erklärt Michael Briki von der Feuerwehr Kirchheim. „Wird es an der falschen Stelle angesetzt, kann sich das verformte Material den Patienten zusätzlich verletzen.“

Heutige Fahrzeuge bieten einen deutlich besseren Schutz. So ist die Zahl der tödlichen Unfälle laut Briki zurückgegangen. Doch im Notfall erschweren die Sicherheitskomponenten die Arbeit der Einsatzkräfte: „Jedes Fahrzeug ist anders. Wir sehen uns einer steigenden Anzahl von Komponenten gegenüber, die je nach Hersteller an ganz unterschiedlichen Orten verbaut sind.“

Die ersten Fahrzeuge mit Rettungskarte an Bord rollen deshalb bereits aus den Werkshallen der Hersteller. Im Handschuhfach oder hinter einer Sonnenblende verstaut nutzt die Karte unter Umständen jedoch wenig. „In Ausnahmefällen sind diese Stellen nach einem Unfall für die Feuerwehr nur schwer zugänglich“, betont Markus Taxis. Um zu wissen, wo bestimmte Bauteile sitzen, muss die Einsatzleitstelle erst das Internet durchforsten, ehe sie das passende Datenblatt weiterleiten kann. „Von der Alarmierung bis zur Versorgung der Verletzten im Krankenhaus vergeht bei den meisten Unfällen mit eingeklemmten Personen etwa eine Stunde.“ Da die Entwicklung im Automobilsektor nie stillsteht, besuchen die Feuerwehren immer wieder Fortbildungen der Fahrzeughersteller, um auf dem aktuellen Stand zu sein.

„Ein Schnitt an der falschen Stelle – und der Airbag schießt aus der Verankerung.

Kerstin Ambacher

Auch Helfer brauchen Hilfe

Markus Taxis
Markus Taxis

Rund 2,5 Millionen Unfälle ereigneten sich nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 2015 auf deutschen Straßen. Mehr als 3 400 Menschen kamen dabei ums Leben, über 305 600 Personen trugen Verletzungen davon. Solche Ereignisse sind nicht nur für Opfer traumatisch, sondern auch für die Retter, wie Markus Taxis, der Kommandant der Owener Feuerwehr, weiß.

Welchen Einfluss hat der Zustand des Patienten auf die Arbeit der Feuerwehr?

Markus Taxis: Bevor die Feuerwehr mit der Arbeit am Fahrzeug beginnt, muss der Notarzt feststellen, welche Verletzungen ein Insasse erlitten hat. Der Grad der Verletzung entscheidet letztlich darüber, ob nur die Türe oder das Dach entfernt wird, um den Patienten zu befreien. Die technische Rettung orientiert sich immer am Zustand des Unfallopfers, sie muss so schonend wie möglich ablaufen und kann erst erfolgen, wenn der Notarzt den Patienten stabilisiert hat.

Werden die Betroffenen psychologisch betreut?

Viele Unfallopfer stehen unter Schock und sind verzweifelt. Deshalb werden sie während der Rettung von einer Einsatzkraft betreut, die sie beruhigt. Nicht jeder verarbeitet ein so traumatisches Erlebnis gleich. Manche Menschen brauchen nach dem Unfall jemanden, mit dem sie über das Erlebte sprechen können. In solchen Fällen vermitteln wir den Betroffenen Kontakt zum Notfall-Nachsorge-Dienst des Deutschen Roten Kreuzes oder zur Notfallseelsorge.

Wie gehen Feuerwehrleute mit solchen belastenden Einsätzen um?

Bei ihren Einsätzen begeben sich Feuerwehrleute manchmal in psychische Extremsituationen. Die Bilder, die sie sehen sind nicht schön. Deshalb wird jeder Einsatz besprochen. Die Kameraden unterstützen sich gegenseitig. Sie haben ein offenes Ohr und helfen, wenn jemand einen Einsatz schwer verarbeitet.

Sie bieten also ein Netzwerk?

Für viele Einsatzkräfte ist es schwierig, mit Angehörigen über Erfahrungen im Einsatz zu sprechen. Denn oft können sich Außenstehende nicht in ihre Lage versetzen. Deshalb ist es wichtig, dass Feuerwehrleute unter ihren Kameraden ein soziales Netzwerk vorfinden, das aus Menschen besteht, die Gedanken und Emotionen nachvollziehen können.

Die Kameraden geben Rückhalt und helfen bei der Bewältigung?

Zu wissen, dass man mit seinem Problem nicht alleine ist, hilft bei der Verarbeitung traumatischer Erlebnisse. Ein Umfeld, das einen ernst nimmt und bei der Bewältigung psychischer Belastungen unterstützt, bietet Rückhalt. Die Kameraden erfahren so Wertschätzung.Daniela Haußmann

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