Lenninger Tal

„Wer nur verwaltet, ist hier falsch“

Im September ist wieder Bürgermeisterwahl in Owen: Verena Grötzinger hofft auf acht weitere Jahre im Rathaus

Klein aber fein: In Owen fühlt sich Verena Grötzinger wohl. Für eine mögliche zweite Amtszeit träumt sie von einem Mehrgenerationenhaus im Ort.

Fühlt sich wohl im Owener Rathaus: Bürgermeisterin Verena Grötzinger. Foto: Jean-Luc Jacques
Fühlt sich wohl im Owener Rathaus: Bürgermeisterin Verena Grötzinger. Foto: Jean-Luc Jacques

Im Juli werden Sie sich für acht weitere Jahre Bürgermeisteramt in Owen bewerben. Was macht den Beruf in dieser Stadt aus?

VERENA GRÖTZINGER: In Owen ist alles sehr eng beieinander – noch mehr als ich es in Dettingen empfunden habe, meiner vorigen Station. Man muss die Menschen und ihre Bedürfnisse kennen. Und man wird natürlich überall erkannt. Das ist einem entweder lieb – oder eben nicht. Ich hoffe, es wird wahrgenommen, dass ich diese Nähe schätze.

Hand aufs Herz: Manchmal geht das doch auf die Nerven, oder?
GRÖTZINGER: Man könnte meinen, ich hätte den kürzesten Arbeitsweg der Stadt. Stimmt nicht: Von der Zeit, die ich von meiner Wohnung zum Rathaus brauche, kann es manchmal der längste sein. Aber Spaß beiseite. Mir gefällt das. Wenn ich rausfinden will, wo in einem Ort wie Owen der Schuh drückt, sind direkte Gespräche das beste Mittel.

Sie sind die Chefin der Verwaltung: Wie viel verwalten steckt denn in dem Job – und wie viel kann man auch von seine Ideen einbringen?
GRÖTZINGER: Wenn man mit dem Ansatz in das Amt reingeht, dass man die Dinge nur verwaltet, ist man hier falsch. Das klingt jetzt profan, aber: Mir liegt die Stadt am Herzen. Wir müssen die Menschen mit ins Boot nehmen. Wenn der Bürgermeister zum Ort passt, sind seine Wünsche und der Wille der Bürger deckungsgleich.

Ein leichter Job?
GRÖTZINGER: Tatsächlich ist die Umsetzung meist schwieriger. Hundertprozentige Zufriedenheit schafft man nie. Nehmen wir das Beispiel Streuobstwiesen: Der Erhalt funktioniert nur gut, wenn es Leute gibt, die das mit viel Idealismus und Liebe betreiben. Wirtschaftlich lohnt es sich nicht – so ehrlich muss man sein. Wir als Stadt wollen Anreize schaffen. Eigentlich müssten die Äpfel den Menschen einen bestimmten Betrag einbringen. Doch wir haben nicht das Geld, um den Lohn auszugleichen, den die Kunden nicht zahlen. Wir müssen andere Lösungen finden.

Zum Beispiel?
GRÖTZINGER: Wir haben frühzeitig die Neuanpflanzung von Obstbäumen gefördert, um altersschwache Bäume ohne großen Verlust ersetzen zu können. Wir haben einen Hochentaster angeschafft und an einem Modellprojekt für Schnittgut-Sammelplätze teilgenommen. So was können wir leisten. Subventionen leider nicht.

Das Spiel mit den Streuobstwiesen erinnert ein bisschen an die Insel Sylt, wo ständig künstlich Sand aufgeschüttet wird, um zu verhindern, dass sie im Meer verschwindet. Dabei ist ihr Schicksal längst besiegelt.
GRÖTZINGER: Der Vergleich ist nicht ganz falsch. Aber es ist etwas anderes, ob man gegen Naturgewalten kämpft oder gemeinsam eine Kulturlandschaft erhalten will. Die Streuobstwiesen spielen in Owen eine große Rolle: Sie schaffen Identität und Heimat. Es ist doch einfach schön, wenn man im Auto nach links und rechts schaut und die blühenden Bäume sieht. Auch Streuobstwiesen können Wertschöpfung schaffen – zur Naherholung beispielsweise. Man muss die Produkte nur richtig vermarkten.

Letztlich gibt es das gleiche Problem in der Landwirtschaft.
GRÖTZINGER: Auch hier gilt: Wir brauchen Menschen, die den Job in Zukunft machen, sodass andere davon profitieren können. Zum Glück haben wir in Owen im Moment nicht die Situation, dass die Höfe aussterben, weil sich kein Nachfolger findet. Solang es Familien gibt, die diese Werte an ihre Kinder weitergeben, wird es auch Bauernhöfe geben. Künstliche Kampagnen helfen wenig.

 

In Owen will man die Dinge oft angehen, bevor sie wirklich nötig sind – gute Beispiele sind die Kinderbetreuung oder die LED-Straßenbeleuchtung. Was ist das Geheimnis? Woher weiß man, was irgendwann wichtig wird?
GRÖTZINGER: Ich habe keine Glaskugel. Aber wenn man etwas über den Tellerrand guckt, erkennt man Probleme, die sich aus der gesellschaftlichen Gesamtentwicklung ergeben. Ich muss wissen, wie meine Gemeinde funktioniert. Dann kann ich frühestmöglich reagieren und habe genug Spielraum, Dinge auch mal zu schieben, falls es woanders brennt. Wenn ich weiß, was ich in fünf Jahren brauche, habe ich genug Zeit, mir ein gutes Konzept zu überlegen. Außerdem lassen sich mögliche Förderprogramme besser einplanen und nutzen.

Andererseits ist es ein Spiel mit dem Feuer. Arbeiten Sie nicht oft für die Schublade?
GRÖTZINGER: Tatsächlich kann ich mich an keinen einzigen Fall erinnern, bei dem wir in letzter Zeit umsonst gearbeitet haben. Als wir vor sieben Jahren 50 000 Euro in die Gemeindeentwicklungsplanung gesteckt haben, kam ein Owener auf mich zu und sagte, so ein Konzept könnte die Stadt doch auch selbst entwickeln. Letztlich hat uns dieser Plan aber rund 500 000 Euro aus dem Landessanierungsprogramm beschafft. Und die können zu fast drei
Millionen Euro aufgestockt werden. Die Ergebnisse von damals sind uns immer wieder von Nutzen. Auch wissen wir jetzt, wie wir in Owen noch Wohnraum schaffen können – und wie viel wir brauchen. Wegen Owens Lage sind die Möglichkeiten nach außen sehr begrenzt. Und auch in der Innenentwicklung sind unsere Möglichkeiten bald ausgeschöpft.

Das Thema Wohnraum spielt seit dem Flüchtlingsstrom eine noch wichtigere Rolle. Wie will Owen 2016 damit umgehen?
GRÖTZINGER: Bis Ende des Jahres müssen wir in der Erst- und Anschlussunterbringung noch etwa 45 Plätze für Flüchtlinge schaffen. Bis jetzt hatten wir sehr gute Bedingungen. Wir konnten die Menschen dezentral unterbringen, weil wir viele städtische Gebäude zur Verfügung hatten. In Zukunft wird das schwieriger. Wir sind darauf angewiesen, dass Owener ihre Wohnungen an Flüchtlinge vermieten. Ansonsten lässt sich ein großer Neubau wohl nicht mehr vermeiden. Kleine Einheiten zu bauen, kann sich die Gemeinde nicht leisten.

In Owen waren Sie die erste Frau an der Spitze. War das anfangs nicht schwierig?
GRÖTZINGER: Im Wahlkampf 2008 wurde schon heiß diskutiert, ob man das machen kann: eine Frau zur Bürgermeisterin wählen. Nach der Wahl war das überhaupt keine Frage mehr. In dem Job muss man ohnehin sehr durchsetzungsfähig sein – ob als Mann oder Frau ist eigentlich egal. Jedenfalls hatte ich nicht den Eindruck, dass anders mit mir umgegangen wurde.

Angenommen, Sie würden im September wiedergewählt: Was wäre Ihr großes Projekt für die nächsten acht Jahre?
GRÖTZINGER: Im Neubaugebiet Pflaumenäcker werden wir neue Wohnraumflächen schaffen. Mein Traum ist ein Mehrgenerationenhaus in Owen. Dort könnten Menschen unterschiedlichen Alters zusammenwohnen – auch mit Behinderung. Natürlich müsste man ein entsprechendes Betreuungsangebot organisieren. Diese bunte Mischung wäre mir sehr sympathisch. Die Menschen könnten sich gegenseitig unterstützen.

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