Lenninger Tal

Wie die Welt satt bekommen?

Vortrag Hunger ist keine unheilbare Krankheit – das sagt die Forscherin Regina Birner von der Uni Hohenheim, die über die globale Ernährungssicherung beim Männerstammtisch „50Plus“ in Oberlenningen sprach. Von Iris Häfner

Die Landwirtschaft muss effizienter in der Produktion werden, damit die Menschen weltweit keinen Hunger leiden. Foto: Markus Brä
Die Landwirtschaft muss effizienter in der Produktion werden, damit die Menschen weltweit keinen Hunger leiden. Foto: Markus Brändli

Um nichts Geringeres als die Ernährung der Weltbevölkerung, die nach Schätzungen der Vereinten Nationen bis zur nächsten Jahrhundertwende auf rund elf Milliarden Menschen anwachsen wird, ging es beim Männerstammtisch „50Plus“ in Oberlenningen. Der hatte die Professorin Dr. Regina Birner eingeladen. Die Wissenschaftlerin von der Uni Hohenheim mit Wohnort Beuren und landwirtschaftlicher Lehre sprach über „Globale Ernährungssicherung - können wir die Weltbevölkerung auch in Zukunft noch ernähren?“

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Gleich zu Beginn konfrontierte sie die Zuhörer mit schrecklichen Bildern aus Äthiopien, die bis auf die Knochen abgemagerte Menschen zeigten. „Hunger ist keine unheilbare Krankheit“, erklärte sie. Nicht die fehlenden Nahrungsmittel sind das Problem, sondern die fehlenden Wege, um sie zu den Menschen zu bringen. „In Ländern mit freier Presse und in Demokratien funktioniert die Versorgung, in Diktaturen weniger“, sagte sie. Immer wieder sprach Regina Birner vom versteckten Hunger. Das ist Mangelernährung, die zu gesundheitlichen Problemen führt - und die es auch in den Industrieländern gibt. Wer zu wenig Obst und Gemüse oder tierische Nahrungsmittel zu sich nimmt, dem fehlen lebenswichtige Vitamine und Mineralien. „Wir sprechen vom „Tausend-Tage-Fenster“, das ist die Zeit der Schwangerschaft und die ersten zwei Lebensjahre. Bei Mangelernährung in den ersten Jahren bleiben lebenslange Schäden, und davon sind rund zwei Milliarden Menschen betroffen“, so Regina Birner.

Asien ist der bevölkerungsreichste Kontinent, in Indien und China leben allein schon jeweils über eine Milliarde Menschen. „In Afrika ist jedoch der größte Zuwachs zu erwarten“, erklärte die Professorin. Bis 2050 sollen etwa 9,77 Milliarden Menschen auf der Erde leben. Die Nahrungsmittelproduktion muss dann um 60 bis 70 Prozent steigen. „Tank oder Teller“, warf Regina Birner als Stichwort beim Thema Bioökonomie in den Raum. Sind die fossilen Rohstoffe zur Neige, geht es um Bio-Plastik aus Zucker oder Mais - und die Landwirtschaft muss noch mehr produzieren. „Das ist nicht so einfach und eine Herausforderung in Zeiten des Klimawandels“, sagte sie.

Die Übernutzung des Wassers durch zu viel Bewässerung ist ein weiteres Problem. So wird vielerorts mehr Wasser entnommen als nachkommt. „70 Prozent des Wasser geht in die Landwirtschaft. Wir müssen viel effizientere Systeme der Bewässerung entwickeln“, erklärte Regina Birner. An den Pranger stellte sie die Fusionen von Pharma-Riesen. So teilen sich vier Konzerne den globalen Markt: Bayer hat Monsanto übernommen, Chemchina kaufte Syngenta aus der Schweiz, DuPont und Dow AgroSciences fusionierten, und schließlich BASF.

Seit den 1960er-Jahren wurden die Ackerflächen nicht ausgeweitet. „Jeder Landwirt ernährt heute mehr Menschen, allerdings zulasten der Umwelt“, so die Professorin. Die Alternative sieht sie nicht in der Ausdehnung in die Savannen, sondern in der effektiveren Nutzung der vorhandenen Flächen. Abgesehen von einigen Betrieben, die mehrere 100 000 Hektar Land bewirtschaften - hauptsächlich in (ex-)kommunistischen Ländern - ist der Großteil der Flächen im Besitz von Bauernfamilien. Hier sieht sie enormes Potenzial in den Entwicklungsländern selbst. Oft besitzen die Familien vier Hektar Land, bewirtschaften aber nur zwei, weil in reiner Handarbeit nicht mehr möglich ist. Hier lautet ihr Vorschlag: Technisierung, auch mithilfe von Genossenschaften, vor allem aber Digitalisierung.

 

Zur Person Regina Birner ist Leiterin des Lehrstuhls „Sozialer und institutioneller Wandel in der landwirtschaftlichen Entwicklung“ an der Uni Hohenheim und weit gereist, außerdem Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat Agrarpolitik des Bundeslandwirtschaftsministerium sowie in der Senatskommission für Agrarökosystemforschung der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Regina Birner
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