Lenninger Tal

Zu Fuß unterwegs im höchsten Weinberg

Ausflugstipp Das sonnig-milde Oktoberwetter lädt ein zu einer Wanderung im Neuffener Tal. Am Fuß von Jusi und Hohenneuffen gedeihen außer dem weißen Silvaner auch etliche rote Rebsorten. Von Christina Hölz

Im Neuffener Tal gedeihen die Trauben in den höchst gelegenen Weinbergen Deutschlands.Archiv-Foto: Jürgen Holzwarth
Im Neuffener Tal gedeihen die Trauben in den höchst gelegenen Weinbergen Deutschlands. Archiv-Foto: Jürgen Holzwarth

Wie heißen die höchst gelegenen Weinorte Deutschlands? Es handelt sich um die Weinberge hoch über Frickenhausen, Beuren und Neuffen. Und kaum einer weiß es: Das kleine Kappishäusern ist das höchste Weindorf Deutschlands. Dort am Jusi bauen die Winzer seit Jahrhunderten die Silvanertraube an. Denn die gilt als besonders resistent gegen die Kälte.

Wer sich ein Bild machen will, wie die Reben am Jusi gedeihen, der kann jetzt an einem sonnigen Herbsttag eine Weinwanderung im Neuffener Tal machen. Schon der Aufstieg entschleunigt und bringt den Puls in Schwung. Ein kurzer, aber steiler Weg führt vom Ermstal aus nach oben. Von dort schweift der Blick schon oben am Albtrauf über eine idyllische Weinlandschaft, die Fremde dort kaum vermuten.

In Kappishäusern reicht die Aussicht weit nach Süden, über das enge Ermstal, dann nach Norden, über die weiten Flächen und Hügel am Neckar. Der kleine Neuffener Stadtteil, von Einheimischen nur „Kappis“ genannt, entstand einst aus zwei Weilern am ehemaligen Vulkanberg Jusi.

Besenwirtschaften laden ein

Heute thront das 500-Seelen-Örtchen wunderschön über dem Ermstal. Wer schon vom Aufstieg müde ist, kann dort Wein und Most in diversen Besenwirtschaften probieren. Und konditionsstarke Wanderer und Radfahrer haben von „Kappis“ aus alle Möglichkeiten, die touristischen Leuchttürme der Region zu erklimmen: Die Ruine Hohenneuffen ist ebenso zu Fuß erreichbar wie der benachbarte Berg Florian, das Freilichtmuseum in Beuren, die Ziegen am Kohlberger Jusi, und vieles mehr.

Kenner reden ja gerne vom „Garten Gottes“ - und meinen die fruchtbaren Rebstöcke des Remstals vor den Toren Stuttgarts. Es müssen aber nicht immer die großen deutschen Weinbaumetropolen sein. Ein Mönch des Klosters Zwiefalten, offenbar leicht berauscht, schwärmt im Jahr 1135 beispielsweise von dem Weinberg Hofbühl bei Neuhausen, man habe 64 Fässer füllen können - „so vom Honig überfließend ist zur Zeit dieser Himmelsstrich. . . .“

Aus Kappishäusern berichtet die Journalistin und Buchautorin Gudrun Mangold: „Bis ungefähr 1960 hat man hier oben ausschließlich Silvaner angebaut. Reinhold Schur, der auf ganzen fünf Ar seinen Weinbau betreibt, erzählt, der Silvaner habe sich einfach als am widerstandsfähigsten erwiesen, weil er spät austreibt. Seine Stöcke hätten in Kappis schon Temperaturen von minus 25 und 27 Grad Celsius überstanden.“

Geadelter Winzer Dolde

Die Kälte der Schwäbischen Alb ist kein Problem für die Reben im Neuffener Täle. Nur wenige Meter von Kappishäusern entfernt liegt nämlich eine weitere Top-Adresse für Insider: Im Frickenhäuser Teilort Linsenhofen wächst der Bergwein des renommierten Winzers Helmut Dolde. Und ausgerechnet über einen Weingärtner vom Rande der Schwäbischen Alb geraten die Schreiber diverser Weinfibeln ins Schwärmen: „Nebenerwerbswinzer Helmut Dolde gilt als Geheimtipp im südwürttembergischen Weinland rund um Tübingen. . . mit besonderer Liebe für den Silvaner. Im Jahrgang 2012 gelangen ihm tolle Weine mit feinsalziger Mineralität aus dieser Rebsorte“, adelt etwa der „Gault Millau“ die Produkte des Linsenhofeners.

Keine Frage, Dolde hat in den vergangenen Jahren mächtig getrommelt für die Winzer aus dem Neuffener Tal. Etliche Sterneköche im Land servieren heute die Tropfen aus seinen Weinbergen. Und der Mann, der seit mehr als 30 Jahren seine eigenen Reben bewirtschaftet, hat auch dem Biosphärengebiet seinen eigenen Wein „geschenkt“. Nein, keinen Silvaner, auf den der Winzer eigentlich spezialisiert ist. Helmut Dolde verarbeitete Trauben aus der Biosphäre zur Cuvée „Roter Jura“, einer Mischung aus unterschiedlichen Rebsorten.

Wer das alles einmal sehen und kosten will: Ein Ausflug ins Neuffener Täle lohnt sich immer.

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