Weilheim und Umgebung

Afrika-Virus lässt ihn nicht los

Entwicklungshilfe Der ehemalige Weilheimer Realschulrektor Winfried Rindle bietet Methoden-Workshops für Lehrer an – in Uganda. Von Bianca Lütz-Holoch

Gruppenarbeit, Diskussionen und Referate: Winfried Rindle erklärt Lehrern in Uganda, wie wichtig solche Methoden für die Bildung
Gruppenarbeit, Diskussionen und Referate: Winfried Rindle erklärt Lehrern in Uganda, wie wichtig solche Methoden für die Bildung junger Leute sind.Foto: Markus Brändli

Im Ruhestand daheim sitzen und Däumchen drehen - das kommt für Weilheims ehemaligen Realschulleiter Winfried Rindle nicht in Frage. Zwei Jahre nach seiner Pensionierung ist sein Terminkalender prall gefüllt, die Liste seiner Ehrenämter lang. Drei Mal im Monat arbeitet der 65-Jährige als Telefonseelsorger in Stuttgart. Er leitet nach wie vor die Bienen-AG an der Realschule in Weilheim, sitzt im Leitungsteam des Kirchheimer Sing-Out-Chors, engagiert sich für die Partnerschaft der katholischen Kirchengemeinde Sankt Ulrich mit einer Gemeinde in Ghana und kocht für den Mittagstisch im Gemeindehaus auf dem Schafhof. Aber das ist noch nicht alles: Für den Weilheimer Verein Adept und den Senior Experten Service (SES) gibt der Ex-Schulleiter seit einem Jahr Lehrerfortbildungen - und zwar in Uganda.

Alles beginnt 2016. Winfried Rindles gut 40-jährige Schullaufbahn neigt sich dem Ende zu, als die Weilheimerin Gabriele Rolfs ihn anspricht: „Sie hat mich gefragt, ob ich Lust habe, einen Verein mitzugründen, der Bildungseinrichtungen in Ostafrika unterstützt“, erinnert sich der Kirchheimer. Er fängt sofort Feuer. Denn nicht nur das Thema Bildung gehört zu seinen Steckenpferden, sondern auch der afrikanische Kontinent. „Meine Frau und ich waren in den achtziger Jahren Entwicklungshelfer in Tansania“, erzählt Winfried Rindle, der neben vier weiteren Fremdsprachen auch Kisuaheli spricht. Vier Jahre lang lebt das Ehepaar in Musoma im Norden Tansanias. Er unterrichtet an einer Sekundarschule, sie arbeitet mit Frauen. In Tansania kommt auch die älteste Tochter des Paares zur Welt.

Längst wieder zurück in Deutschland, zieht es Winfried Rindle und seine Frau immer wieder nach Afrika: Im Urlaub reisen sie nach Kenia, Burundi, Tansania und Ghana und besuchen ihre älteste Tochter bei einem freiwilligen sozialen Jahr in den Townships von Kapstadt in Südafrika.

Winfried Rindle ist klar, dass es kein Spaziergang wird, nach 30 Jahren noch einmal Entwicklungshilfe in Ostafrika zu leisten. Aber die Neugier und die Liebe zu dem Kontinent siegen. „Wer das Afrika-Virus einmal in sich trägt, der wird es nicht mehr los“, sagt der Kirchheimer. Und noch etwas treibt ihn an: die Überzeugung, dass es unerlässlich ist, an der Wurzel anzusetzen und Fluchtursachen vor Ort zu bekämpfen, um das Flüchtlingsproblem in Europa in den Griff zu bekommen. „Wenn wir weitermachen wie bisher, schwappt die Welle noch höher“, so Rindle.

Die Mitglieder des Vereins Adept wissen, wie wichtig es ist, jungen Menschen Perspektiven zu bieten. Ziel ist unter anderem, den Schülern eine gute Ausbildung zu ermöglichen und zu besserem, modernem Unterricht zu verhelfen. „Bisher war das so: Einer spricht und 100 hören zu“, so Rindle. In seinen Workshops in Masaka und Kkindu lernen die Lehrer nun, wie guter, schülerorientierter Unterricht aussieht: Er bringt ihnen bei, dass Versuche, Referate, Diskussionen und Gruppenarbeit den Unterricht bereichern und die Schüler voranbringen - eigentlich eine Kleinigkeit, die aber zu erheblichen Verbesserungen beiträgt. „Man kann in Afrika mit wenig Mitteln so viel bewirken“, weiß Winfried Rindle.

Zwei Mal hat der Kirchheimer nun schon jeweils vier Wochen Lehrer in Uganda unterrichtet, einmal im Herbst 2017 und einmal in diesem Frühjahr. Der nächste Aufenthalt steht im Februar 2019 an. „Für mich war es spannend zu sehen, was sich in den vergangenen 30 Jahren in Ostafrika getan hat“, so Rindle. Zum einen ist die Infrastruktur besser geworden. Neu ist auch, dass viele Menschen Smartphones haben. „Dank portablen Hotspots hat man mitten im Busch immer noch Kontakt zur ganzen Welt“, so Rindle. Neben Vorteilen bringt das auch Probleme mit sich: „Die Menschen bekommen eine Vorstellung davon, wie es in Europa zugeht.“ Das wecke Begehrlichkeiten und beschwöre teilweise skurrile Bilder herauf: „Eine Frau dachte zum Beispiel, dass wir unsere Hemden in die Waschmaschine stecken und sie auf Bügeln wieder herauskommen.“ Sie selbst wäscht noch von Hand. Auch Wasserleitungen gibt es vielerorts nicht, stattdessen wird Regenwasser gesammelt. Magen-Darm-Infekte sind häufig.

Wer nach Uganda geht, darf ohnehin nicht zimperlich sein. Einmal übernachtet der Kirchheimer bei einer Frau, die mit ihrem Enkel - einem Aids-Waisen - zusammen in einer Hütte lebte. Strom gibt es selten, fließendes Wasser nie. „Da habe ich gelernt, wie man mit einem Eimer Wasser duschen kann“, erzählt Winfried Rindle. Geradezu komfortabel kommt er dagegen beim Schulrat der Diözese Masaka unter. Dort wohnt er in einem kleinen Gästehaus mit warmer Dusche. Das Gehalt eines Schulrats allein reicht allerdings nicht aus, um gut zu leben. „Die Lehrer verdienen sich mit Projekten etwas dazu“, weiß Winfried Rindle. Zum Beispiel züchten sie nebenher Schweine, Hühner und Hasen oder bauen Eukalyptusbäume an.

Dass es sich lohnt, sich selbst etwas aufzubauen, einen Handwerksberuf zu lernen und sich selbstständig zu machen - das möchten Winfried Rindle und die anderen Mitglieder des Vereins Adept den Bewohnern Ugandas vermitteln. Ein Bewusstseinswandel hat dort bereits eingesetzt. Die Menschen haben erkannt, dass Bildung wichtig ist und vor allem auch Mädchen eine Ausbildung brauchen. Vom Tisch sind die Probleme damit aber nicht: „Oft ist das Schulgeld höher als das Einkommen der Menschen.“

Armut bekämpfen durch Bildung

Der Verein Adept ist 2017 in Weilheim gegründet worden. Sein Ziel ist es, Menschen in Afrika dabei zu unterstützen, die Bildungs- und Ausbildungssituation vor Ort zu verbessern. So soll Armut bekämpft und die Entwicklung vorangetrieben werden. Der Verein unterstützt fünf Bildungseinrichtungen.

Aktuelle Projekte des Vereins sind unter anderem der Bau eines neuen Mädchen-Schlafsaals in einem Internat und die Ausstattung von einer Klempnerei-Lehrwerkstatt mit Geräten und Maschinen. Im kommenden Jahr soll außerdem ein Schullabor für den Physik-, Chemie- und Biologieunterricht eingerichtet werden.

Uganda liegt im Osten Afrikas und grenzt an den Viktoriasee. Das Land hat gut 41 Millionen Einwohner. 48 Prozent der Menschen sind jünger als 15 Jahre. Nur 53 Prozent der Kinder beenden die siebenjährige Grundschule. 80 Prozent der Bevölkerung sind Selbstversorger, die Arbeitslosigkeit im Land ist hoch. bil

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