Weilheim und Umgebung

Alle wollen nach Zell

Die Beliebtheit des neuen Gewerbeparks sorgt für Freude, aber auch für Kopfzerbrechen

Soll der Gewerbepark in Zell unter Aichelberg weiter wachsen? Das wird Thema beim neuen Flächennutzungsplan für den gesamten Raum Bad Boll. Ob Zell das will, ist nicht heraus. Es gibt auch etliche Unwägbarkeiten.

Die Kirchheimer Firma Ortlieb baut im Gewerbepark Zell.Foto: Jean-Luc Jacques
Die Kirchheimer Firma Ortlieb baut im Gewerbepark Zell.Foto: Jean-Luc Jacques

Zell unter Aichelberg. Den Zeller Schultes und Vorsitzenden der drei Verbandsgemeinden Zell, Hattenhofen und Aichelberg, treibt die Frage schon länger um: „Wir sind an der Grenze, wir haben nur noch zwei Grundstücke zu verkaufen“, bilanzierte Werner Link erst jetzt wieder bei der jüngsten Verbandsversammlung in Zell. Das eine mit 2 000 Quadratmeter, das andere mit 1 355. Dem stünden eine ganze Reihe von Anfragen gegenüber, bis zu Flächen mit 6 000 bis 8 000 Quadratmeter. „Die Nachfrage ist ungebrochen“, stellt er fest.

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Er sehe als Zeller Bürgermeister seine Aufgabe darin, die weitere Entwicklung zur Diskussion zu stellen. Solle man es gut sein lassen mit dem jetzigen, schon einmal erweiterten Gewerbepark von zehn Hektar? Oder weiter wachsen? Er stellt das den Gremien anheim, zunächst seinem eigenen Gemeinderat, dann aber auch den Verbandsgemeinden. Und bei einer Erweiterung wäre noch der gesamte Verband Raum Bad Boll gefragt, in dessen Zuständigkeit der Flächennutzungsplan liegt.

Ob eine Erweiterung gewollt und mehrheitsfähig wäre, wisse er nicht, sagt Link. Er habe kein Meinungsbild aus seinem Gemeinderat. Es gebe wohl beide Lager. Er selber habe sich aber auch noch nicht „positioniert“, ob und für wie viel Erweiterung er sei. Er verstehe sich in diesem Prozess, der im Frühjahr beginnen soll, als Moderator. Link verneint auch, dass er Vorstellungen über eine Flächengröße habe.

Der politische Wille, den man noch nicht kennt, ist nur das eine. Eine nochmalige Erweiterung des Gewerbeparks wäre nicht einfach. Es seien schon alle genehmigten Flächen ausgereizt, sagt Link. Dahinter beginnt gleich das Vogelschutzgebiet, das den gesamten Raum Bad Boll durchzieht. Wichtig sei, wie die Region Stuttgart eine Erweiterung sähe. Sodann könnten die möglichen Wünsche für den Gewerbepark mit anderen konkurrieren, wenn es im östlichen Verbandsgebiet auch Absichten für neue Gewerbeflächen gebe. Oder von den Verbandsgemeinden des Gewerbeparks selber. Der Verband wird als Einheit gesehen, und die Region will die Gewerbeentwicklung reglementieren. Klar scheint schon: Hattenhofen und Aichelberg stünden einer Erweiterung des Gewerbeparks „aufgeschlossen“ gegenüber, sagen die Bürgermeister Jochen Reutter und Martin Eisele.

Weitere Frage für Link: Wenn die Erweiterung durchginge, bekomme Zell dann auch das nötige Wohnbauland zugestanden? Die Beschäftigten sollten ja nahe am Arbeitsplatz wohnen dürfen.

Der Gewerbepark floriert. Im laufenden Jahr rechnet der Bürgermeister mit Gewerbesteuereinnahmen von 170 000 Euro – fast das Dreifache der kalkulierten 60 000 Euro. Und das ohne die Wala, die erst noch bauen will, und die Firma Ortlieb, die den Großteil der Erweiterungsfläche belegt.

Der Ball liegt jetzt bei Zell

Salamitaktik: So werden es die Gegner des Gewerbeparks in Zell verstehen, dass jetzt schon wieder über eine Erweiterung des nicht mehr kleinen Gewerbegebiets vor den Toren des Ortes nachgedacht werden soll. Wollten die Gegner seinerzeit nur ein kleines Gewerbegebiet für den heimischen Bedarf, so wurden sie überrollt. Firmen aus dem ganzen Umland durften sich ansiedeln, und mit der Firma Ortlieb aus Kirchheim kam noch ein Flaggschiff aus dem Nachbarkreis hinzu. Wenn das so weitergeht, fürchten sie, ist der Gewerbepark irgendwann doch bei den 20 Hektar, die einst der Landrat Franz Weber den Zellern empfahl.

So weit ist es noch nicht. Und es ist offen, wohin die Reise geht. Der Zeller Gemeinderat muss sich schlüssig werden, ob er noch eine Erweiterung haben will. Und wenn ja, dann wären erhebliche Hürden wie das Vogelschutzgebiet zu nehmen. Es kommt auch auf die Bevölkerung an. Sie kann sich ebenso am Verfahren des Flächennutzungsplans beteiligen wie Behörden und Institutionen. Oder sich mit einer Bürgerinitiative Gehör verschaffen.

Salamitaktik? Bisher ließ sich der Zeller Gemeinderat von dem Motto leiten: Der Appetit kommt beim Essen. Mit großer Mehrheit stimmte er für den jetzigen Zuschnitt, weil sich der Gewerbepark prächtig entwickelte und Geld wie Arbeitsplätze bringt. Beides kann die Gemeinde auch weiterhin brauchen, wenn sie ihre Einnahmen und die Einwohnerzahl stabil halten will. Von der freien Landschaft, und sei sie ein Vogelschutzgebiet, kann keiner leben. Die Gemeinde, und das sind auch die Bürger, kann mit einem Pfund wuchern, um das sie viele beneiden: einen Super-Standort nahe der Autobahn. Das könnte auch die Region so sehen und eine Erweiterung absegnen. Sie hält es ja mit dem Motto: Klotzen statt kleckern – lieber ein Schwerpunkt-Gewerbegebiet statt mehrere kleine. Aber: Der Ball liegt bei den Zellern. Sie müssen wissen, was sie wollen.JÜRGEN SCHÄFER