Weilheim und Umgebung

Alternativprogramm rockt die Limburg

Was den Kirchengängern die Pfingstmesse, ist dem Punk das Rockkonzert auf dem Kult-Ur-Open-Air – Rund 400 Besucher in Weilheim

Alternativprogramm rockt die Limburg
Alternativprogramm rockt die Limburg

Weilheim. Die Helden des Abends tragen Ringelsocken in Adiletten, Turnhose und Seitenscheitel. Sie nennen sich Faxe, Raph, Vallus, Maschd und Burnd Hard und „kimmen aus Obabayan“. Als „Django S.“ blasen die Jungs mit Posaune, Trompete und Gitarren den Marsch. Der Ska der fünf klingt fröhlich, wenn man nicht auf den Text hört.

Fröhlich sehen auch die Menschen aus, die vor der Bühne poltern: Ein Jugendlicher im karierten Pullover schiebt sich gegen eine Dame mit Föhnwelle, ein Rock-Opi mit langem Haar prostet einer Jugendlichen mit Nietenmütze zu. Hier regiert der „Pogo“, ein Schubs-Tanz der Szene. Es riecht nach Zigarettenrauch und Wurst, nebenan wird gegrillt.

Halb zehn am Abend ist es schon, als „Django S.“ loslegen und laut werden. Doch im Schutz der Limburg kann ihnen niemand was – über Nachtruhe können sie nur lachen. „Der erste Nackerte auf der Bühnen!“ Das Publikum tost. Im Laufe der nächsten Stunde werden auch die anderen vier bayerischen Jungs ihr Hemd abstreifen.

Ein Geheimtipp ist das Kult-Ur-Open-Air schon lange nicht mehr. Zum 22. Mal fand es am vergangenen Pfingstwochenende statt, viele Stammgäste schlugen wieder ihr Zelt auf. Was sie nach Weilheim treibt, ist eine interessante Mischung quer durch die deutsche Rock-Landschaft. Von Alternative Rock bis „Horrorpunk“, von Lokalgrößen wie Solle Vöhne und Grup Huub bis zu Gästen aus Bayern und Wien kommt beim Kult-Ur-Open-Air alles auf die Bühne.

Nadine Blüse kam als Besucherin hierher, vor Jahren, und wechselte vor Begeisterung die Seiten. Heute plant die 24-Jährige das Festival mit, hat ein offenes Ohr für Besucher und Mitarbeiter. Sie tut das ehrenamtlich; eigentlich studiert sie Soziale Arbeit in Stuttgart. Wie alles anfing unter der Limburg, musste Nadine sich erzählen lassen – das Festival ist fast so alt wie sie. „Damals haben ein paar Punker gecampt und sich gefreut, wenn überhaupt eine Band vorbeigekommen ist“, erzählt sie und lacht.

Blüse läuft den Zeltplatz ab, ein Mikrokosmos der Musikfreunde. Obwohl „Django S.“, der Headliner (so nennt man die bekannteste Band, die auf einem Festival auftritt), gerade spielt, brutzeln Jugendliche an der Feuerstelle Würstchen und trinken Bier. Ein Dutzend Zelte weiter leuchtet Discolicht von einer Zeltdecke nach draußen. „Rund 50 Besucher übernachten hier“, schätzt Blüse und trägt dabei Handschuhe. Bei acht Grad Außentemperatur kann man nicht behaupten, dass das Wetter mitspielt, doch die Besucher konnten es kaum abwarten, riefen Monate vorher an, um sich einen bestimmten Platz zu sichern; manche kamen gar aus der Schweiz angefahren.

Musikfestivals sind in Mode; sie heißen Rock am Ring, Rock im Park oder Rock am See, die Liste ließe sich unendlich fortführen. Das Außenrum – die Anreise, das Zelten, das Duschen in Campingmanier und das Aufwärmen von Dosenravioli – ist fast wichtiger als die Konzerte selbst. Um mitzufeiern, muss man oft tief in die Tasche greifen: 150 Euro Eintritt kostet das schon mal, Zeltplatz und Anfahrt ausgeschlossen.

Beim Kult-Ur-Festival bezahlen Besucher 20 Euro für drei Tage und 20 Bands. Veranstaltet wird das Festival vom Kreisjugendring Esslingen, im Besonderen vom Mehrgenerationenhaus Linde aus Kirchheim, und in Kooperation mit dem Weilheimer Verein „Kulturinitiative Teck“. Die Veranstalter verdienen nichts daran, viele der 70 Mitarbeiter arbeiten wie Blüse ehrenamtlich. Wie schafft man es, trotz kleiner Kasse große Bands anzulocken? „Es ist schwieriger geworden, denn die Gagen steigen“, sagt Blüse, „aber die Bands, die schon mal hier waren, sind durchweg begeistert.“ Psycho Punch, eine schwedische Band und Blüses persönliches Highlight der letzten Jahre, wollten sogar als Besucher wiederkommen. „Sie planen fest, nach Kirchheim zu kommen“, erzählt Blüse und strahlt.

Vorbei an vielen kleinen Zelten macht sie vor dem einen großen Zelt halt, grüßt die Sicherheitskräfte und tritt ein. „Django S.“ hüpfen auf der Bühne, oberkörperfrei und schweißbedeckt. Es ist das vorletzte Konzert des Festivals, was auch heißt: das vorletzte Konzert vor den Aufräumarbeiten. „Um zwei Uhr nachts fangen wir an“, sagt Nadine Blüse, „in Schichten.“ Sie grinst.

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