Weilheim und Umgebung

Am liebsten essen sie schwäbische Kässpätzle

Gastronomie Im Gasthof Am Selteltor in Wiesensteig lernen zwei junge Gambier den Beruf des Kochs. Eine Costa Ricanerin wird zur Hotelfachfrau ausgebildet. Von Heike Siegemund

Die drei Lehrlinge vereint: Haruna Ceesay (links) und Sulayman Trawally lernen im Gasthof Am Selteltor den Beruf des Kochs. Andr
Die drei Lehrlinge vereint: Haruna Ceesay (links) und Sulayman Trawally lernen im Gasthof Am Selteltor den Beruf des Kochs. Andrea Campos Chacón wird zur Hotelfachfrau ausgebildet. Foto: Heike Siegemund

Wenn Haruna Ceesay und Sulayman Trawally in der Küche des Hotels und Gasthofs Am Selteltor in Wiesensteig ihrer Arbeit nachgehen, herrscht eine fröhliche Stimmung. Die jungen Männer aus Gambia lachen viel - auch mit ihrem Chef Raimund Storr, der überaus froh darüber ist, die beiden Cousins für sein Mitarbeiterteam gewonnen zu haben. „Sie lachen den ganzen Tag. Das ist für uns Schwaben ein Problem - wir haben keine Zeit zum Lachen, wir müssen arbeiten“, sagt der Küchenchef und Inhaber des Restaurants scherzhaft. Die beiden Azubis wissen, dass ihr Chef nur ein Späßle macht - und wieder blitzen ihre Augen auf, und ihre Gesichter strahlen.

Seit November 2016 lernen der 20-jährige Haruna Ceesay und der sechs Jahre ältere Sulayman Trawally in Wiesensteig den Beruf des Kochs. Über eine Bekannte hatten Raimund Storr und seine Ehefrau Ulrike von einer Gruppe alleinstehender junger Afrikaner erfahren, die nach Deutschland geflohen waren, in Göppingen unterkamen und Ausbildungsstellen suchten. „Einige der jungen Männer wollten auf den Bau“, erinnert sich Raimund Storr. Doch für Haruna Ceesay und Sulayman Trawally war relativ schnell klar, dass sie den Weg in Richtung Gastronomie einschlagen möchten. Zunächst absolvierten sie ein achtwöchiges Praktikum im Gasthof Am Selteltor. In dieser Zeit zeigten sie sich so wissbegierig und fleißig, dass die Storrs nicht lange zögerten und den beiden Männern Ausbildungsplätze anboten.

In der Gastronomie werde es leider immer schwieriger, geeignete Azubis zu finden, berichtet Raimund Storr. Das hänge wahrscheinlich mit den Arbeitszeiten zusammen; viele junge Leute wollen nicht arbeiten, während ihre Freunde in der Disco feiern, vermutet der Gastronom. Seine beiden neuen Lehrlinge seien indes so begeistert von ihrer Tätigkeit, dass sie ihrem Chef fast schon den Kochlöffel aus der Hand nehmen und sagen: „Ich kann weitermachen“. So viel Engagement hat Raimund Storr selten erlebt, sagt er stolz.

Die beiden angehenden Köche sprechen schon relativ gut deutsch; ihre Sprachkenntnisse vertiefen sie ein Mal pro Woche in einem dreistündigen Unterricht, den der gemeinnützige Bildungsträger BBQ Berufliche Bildung gGmbH anbietet. Die Berufsschule in Bad Überkingen besuchen sie voraussichtlich ab Frühsommer.

Die Gambier arbeiten nicht nur in Wiesensteig, sondern leben mittlerweile auch dort: Raimund und Ulrike Storr stellen den beiden Personalzimmer im Gasthaus zur Verfügung. Mit den Eheleuten Storr haben die jungen Männer auch das vergangene Weihnachtsfest verbracht. „Für uns war klar, dass sie den Heiligabend nicht alleine auf ihren Zimmern verbringen“, sagt Ulrike Storr. Das Leben auf der Schwäbischen Alb gefällt den Azubis sehr gut - nur der Winter ist ihnen etwas zu kalt, sagen sie schmunzelnd.

„Unsere neuen Lehrlinge sind für uns eine Bereicherung“, betont Raimund Storr. Kürzlich haben die Männer ein Gericht aus ihrer Heimat gekocht: Domoda, Putengeschnetzeltes mit Erdnussbutter. Ihr Chef war davon so angetan, dass er beschloss, das gambische Gericht als Tagesessen in seinem Gasthaus anzubieten. Im Gegenzug kosten die beiden Lehrlinge natürlich ausgiebig das schwäbische Essen - und haben ihr Lieblingsgericht schon für sich entdeckt: Kässpätzle.

Seit 2015 leben Haruna Ceesay und Sulayman Trawally in Deutschland. „Sie haben eine Odyssee hinter sich“, weiß Ulrike Storr. Die beiden Gambier, die in ihrer Heimat eine Ausbildung zum Elektriker absolviert hatten, sprechen nicht gerne darüber, was sie in den Monaten auf ihrer Flucht alles erlebt haben. Sie lachen lieber, bezeichnen die Eheleute Storr als „sehr nett und freundlich“ und betonen: Der Beruf des Kochs ist doch viel schöner als der des Elektrikers.

Die dritte Auszubildende

Im Hotel und Gasthof Am Selteltor in Wiesensteig wird derzeit außerdem eine junge Frau aus Costa Rica zur Hotelfachfrau ausgebildet: Andrea Campos Chacón lebt mit ihrer Schwester und deren Familie in Wiesensteig und wohnt nur 200 Meter von ihrer Arbeitsstelle entfernt. Die 23-Jährige, die in einem feschen Dirndl den Gästen das Essen serviert, war auf der Suche nach einer Ausbildungsstelle und kam von sich aus auf die Eheleute Storr zu.

Die Storrs gaben der jungen Frau, die schon recht gut Deutsch spricht, eine Chance - ihre Entscheidung haben sie nie bereut. „Sie hat keine Scheu und geht auf die Menschen zu“, lobt Raimund Storr. Und wenn das Hotel spanische Gäste begrüßen dürfe, was ab und an vorkomme, könne sie sich mit diesen in ihrer Heimatsprache unterhalten. „Das konnte bisher in unserem Haus noch niemand.“ hei

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