Weilheim und Umgebung

An die Herde, fertig, los

Essen Beim Projekt „Schlemmerbande“ entdecken Kinder, wie aus guten Zutaten ein schmackhaftes und gleich­zeitig gesundes Essen hergestellt werden kann. Jetzt war das Projekt in Weilheim zu Gast. Von Sabine Ackermann

Die „Schlemmerbande“ entert die Küche des Weilheimer Restaurants „casanova“.Fotos: Sabine Ackermann
Die „Schlemmerbande“ entert die Küche des Weilheimer Restaurants „casanova“.Fotos: Sabine Ackermann

Die Ruhe vor dem Sturm - schließlich hat sich heute eine sechsköpfige „Bande“ angemeldet. Noch ist alles wie immer im Weilheimer Ristorante „casanova“, das nach umfangreicher Renovierung im vergangenen Sommer in der Marktstraße eröffnet wurde. Während Inhaber Riccardo Nannetti und seine Frau Melanie Braun den Weinbestand überprüfen und dafür sorgen, dass im Gastraum alles ordentlich ist, bereitet sein Geschäftspartner Nino Procopio in der Küche den Teig für unterschiedliche italienische Nudelvarianten vor.

Denn es ist der Chef an Herd und Ofen, auf den es das wissbegierige halbe Dutzend abgesehen hat. Bereits seit einigen Monaten besucht die tatendurstige „Schlemmerbande“ - Erkennungszeichen weiße Kochjacken - verschiedene Restaurants im Kreis Göppingen und Esslingen. Sie löchert die Gastronomen mit Fragen und hinterlässt besonders gerne in den Küchen ihre Fingerabdrücke. Und auch Nino Procopios Refugium bleibt nicht verschont. Doch er nimmt ganz entspannt die Enge in seiner kleinen, aber gut ausgestatteten und blitzsauberen Küche in Kauf.

Nicole und Amelie, zwei der zwölfjährigen Drillinge aus Oberwälden, Leonie und Dominik aus Rechberghausen, Phi­lipp aus Heiningen und „Senior“ Matteo aus Albershausen sind heute sogar nur zu sechst, drei weitere Mitglieder der eingeschworenen Gruppe fehlen. Routiniert verteilen sich die Jungen und Mädchen um die Arbeitsplatte, achten darauf, dass sie nicht im Weg stehen und staunen, wie Nino Procopios Teig in der Nudelmaschine immer dünner wird.

Weil ihr Deutsch perfekt ist, agiert seine Frau Tiziana der Einfachheit halber als Übersetzerin, denn besonders die Jungs stellen viele Fragen. Dann dürfen die Kinder kurbeln, arbeiten sich von Stufe zu Stufe vor. Teig rein und durch, so lange, bis die Teigplatten zwei bis drei Millimeter dick sind. Klappt schon richtig gut - auch die langen schmalen Tagliatelle aus einer kleineren Maschine sehen prima aus. Werden aus Weißmehl und Eiern Ravioli und Tagliatelle gemacht, nimmt man für Spaghetti und Rigatoni Hartweizengrieß und Wasser, lernen die Zaungäste, während sie zuschauen, wie der Küchenchef kleine Häufchen auf die Teigplatte setzt. Die Füllung, wie sie erfahren, besteht aus Ricotta, Wasser, Salz und Olivenöl - wobei die letzten beiden Zutaten nach Gefühl verwendet werden.

Dann bestreichen die Nachwuchsköche die Teigränder mit Wasser, eine zweite Teigplatte kommt darüber, und dann heißt es: „Ihr müsst die Luft rausdrücken, es darf innen nicht leer sein. Die Form ist dabei egal.“ Mit Vorsicht und Konzentration vollziehen sie diesen Arbeitsschritt, dann landen die handgefertigten Vierecke in einem Topf mit Wasser. Der wird erhitzt, und wenn die Ravioli oben schwimmen, sind sie fertig und werden anschließend in der Pfanne mit Kräutern in Butter geschwenkt.

In einer etwas höher gelegen Küche wird Brot gebacken. „Des isch leichter“, stellt Dominik fest und meint damit das in Italien gern genommene „Manitoba-Mehl“ aus Weichweizen.

Nino Procopio verrät noch weitere Küchengeheimnisse. Geknetet wird ohne Salz, das kommt erst ganz am Schluss. Dann zeigt der Küchenchef, wie man Fisch filetiert und mit einer Pinzette die Gräten entfernt. Richtig beeindruckt ist die Schlemmerbande, als ein Mitarbeiter einen kompletten Lachs und einen Kabeljau zeigt.

„Zu Hause helfe ich manchmal meiner Mama“, verrät Leoni, während Philipp dagegen von seinem Traum, einmal in einem kleinen Restaurant am Meer sein Geld zu verdienen, Abstand nimmt. Mittlerweile hat er mitbekommen, „dass Koch zu sein ganz schön stressig ist“. Josephine Dangelmayr ist mit ihrer Gruppe sehr zufrieden. Alle haben heute gelernt, wie viel Arbeit in einem Gericht steckt, das frisch und von Hand zubereitet wird. Frisches und Selbstgemachtes wertzuschätzen, finden auch die Inhaber wichtig. „Die Leute möchten zwar qualitativ gut essen, aber nicht warten“, sagt Riccardo Nannetti und bedauert, dass viele Menschen heute keine Zeit mehr haben. „Wir machen jedes Risotto frisch, und das dauert halt mindestens 20 Minuten.“ Von daher finden es beide Inhaber-Familien gut, dass es dieses Projekt gibt. „Man kann nicht früh genug damit beginnen, Kinder für eine bewusste gesunde Ernährung zu sensibilisieren.“

Eine Kunst für sich: Die „Schlemmerbande“ lernte nicht nur, selbst gemachte Pasta unterschiedlich zu formen (Bild oben), sondern
Eine Kunst für sich: Die „Schlemmerbande“ lernte nicht nur, selbst gemachte Pasta unterschiedlich zu formen (Bild oben), sondern auch, wie man professionell Fisch filetiert und entgrätet.

Infos zum Projekt „Schlemmerbande“

Gestartet ist die „Schlemmerbande“ mit Hilfe der AOK Baden-Württemberg 2013 als Einzelprojekt in Esslingen. Aufgrund der positiven Resonanz konnte die Meistervereinigung Baden-Württemberg Gastronom (MVG) dafür das Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg (MLR) als Partner gewinnen: 2017 wurde der offizielle gemeinnützige Verein der „MVG Schlemmerbande - die Genussentdecker“ unter der Schirmherrschaft von Gerlinde Kretschmann gegründet.

Das Projekt, begleitet von der Rechberhäuserin Josephine Dangelmayr, bietet Kindern im Alter von neun bis zwölf Jahren die Möglichkeit, eineinhalb Jahre lang Einblicke in die Gastronomie zu bekommen. Die Themen: gesunde Ernährung, regionale und saisonale Produkte, Unterstützung heimischer Betriebe und Erzeuger sowie erste Kocherfahrungen. Vorige Treffen bei der AOK beinhalten Theorie in Hygieneschulung, Ernährungspyramide und gesundes Fast Food. ack

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