Weilheim und Umgebung

Auf die inneren Werte kommt es an

Beim Kauf von Äpfeln zählt bei vielen eine makellose Optik – Zu viel Vielfalt stört auf dem Markt

Form, Farbe und Größe haben sich bei Äpfeln zu den entscheidenden Kriterien im Supermarkt entwickelt, weiß Rudolf Thaler, Vorsitzender des Obst- und ­Gartenbauvereins Bissingen. Äpfel aus Übersee kommen teilweise erst ein Jahr nach der Ernte in den Verkauf.

Für Rudolf Thaler ist der Altsortengarten in Bissingen ein Stück Kulturgeschichte.Foto: Daniela Haußmann
Für Rudolf Thaler ist der Altsortengarten in Bissingen ein Stück Kulturgeschichte.Foto: Daniela Haußmann

Bissingen/Esslingen. Bundesweit gibt es rund 2 700 Apfelsorten. Die Auswahl, die der Einzelhandel bietet, ist bedeutend kleiner. Oft handelt es sich um Importware, die teilweise viele Tausend Kilometer um den Globus gereist ist. Schnell gelangt der interessierte Konsument zu der Frage, ob es überhaupt noch alte Apfelsorten gibt und was in Braeburn, Royal Gala und Co. steckt.

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„An apple a day, keeps the doctor away“: Ein Apfel am Tag soll die Gesundheit erhalten und fördern. Doch heutzutage geht es beim Kauf weniger um die inneren Werte als vielmehr um eine makellose Optik, wie Corina Schweikardt vom Landratsamt Esslingen betont. Rudolf Thaler vom

Alte Apfelsorten sind vielen Kunden nicht süß genug

Obst- und Gartenbauverein (OGV) Bissingen bestätigt, dass sich Form, Farbe und Größe bei Äpfeln zu den entscheidenden Kriterien entwickelt haben.

Begonnen hat dieser Prozess nicht erst mit der EU-Vermarktungsnorm für Obst und Gemüse, wie der Most- und Sortenexperte erklärt. „Schon mit der Sortenbereinigung in den 60er-Jahren wurde die Apfelvielfalt begrenzt“, berichtet Thaler. „Ziel war es, ein ‚Europa-Sortiment‘ zusammenzustellen, also Standardsorten zu züchten.“ Regionale Sorten hatten dabei laut Corina Schweikardt keine Chance, egal wie sie schmeckten. „Von den mehreren Tausend Apfelsorten, die es in Deutschland gibt, spielen zwischenzeitlich nur noch zehn bis 15 eine wirtschaftliche Rolle“, sagt sie. „Zu viel Vielfalt stört auf dem internationalen Markt.“

Im 60 Ar großen Altsortengarten in Bissingen, der vom OGV für die Gemeinde Bissingen angelegt wurde, finden sich etliche Apfelsorten, die längst ein Relikt der Vergangenheit sind – beispielsweise der 1760 erstmals beschriebene Rote Bellefleur oder der 1878 erstmals gezüchtete Zuccalmagio. „Viele Sorten ließen sich sehr wohl im Einzelhandel verkaufen“, sagt Thaler. „Aber im Vergleich zu den dort angebotenen Äpfeln sind die alten Sorten teilweise sehr klein, nicht süß genug oder mit einem natürlichen weißlichen Schleier bereift, der nach EU-Vermarktungsnorm das Aus für den Supermarkt bedeutet.“

Thaler macht die Erfahrung, dass ältere Menschen wieder stärker nach den Apfelsorten von früher fragen. „Sie schätzen das ausgewogene Verhältnis von Säure und Zucker, das Würzige eben“, erzählt er. „Auf dem Wochenmarkt sind die regionalen Sorten erhältlich.“ Entscheidend sei für viele Konsumenten der Preis. „Ein deutscher oder regional erzeugter Bioapfel ist eben teurer als einer, der von einer Großplantage aus Übersee stammt.“

Doch was steckt in den Übersee-Äpfeln drin? Corina Schweikardt berichtet, dass ein Apfel aus Neuseeland, Argentinien, Chile oder Südafrika durchaus neun Monate alt sein kann, bis er hierzulande im Supermarkt ausliegt. Allein an der Optik erkenne der Verbraucher das nicht. „Durch Begasung im Lager werden die Äpfel haltbar gemacht und sehen aus als wären sie gerade erst gepflückt worden“. „Aber genau genommen handelt es sich um aufpolierte Supermodels, bei denen Aroma, Geschmack und Alter nur eine untergeordnete Rolle spielen.“

Jeder Monat der Lagerdauer gehe zu Lasten der Inhaltsstoffe. „Die Optik ist top, und innere Werte sind fast nicht mehrvorhanden“, erklärt Corina Schweikardt. „Der Vitamingehalt nimmt ebenso wie das Zucker-Säure-Verhältnis sehr schnell ab.“ Die modernen Sorten seien daher sehr süß. Wertvolle sekundäre Pflanzenstoffe, die den Blutzucker senken und gesund sind, würden gezielt weggezüchtet. „So sind zum Beispiel Polyphenole gut für den Körper. Doch nach dem Aufschneiden färben sie das Fruchtfleisch braun“, sagt die Expertin. „Zugunsten des Erscheinungsbildes wird diese Eigenschaft durch Züchtung beseitigt.“

Fest steht für die Vertreterin des Landratsamts, dass Äpfel zweifelsohne zum Beispiel Gerbstoffe beinhalten, die entzündungshemmend wirken, dass sie wichtige Mineralstoffe für Blut und Gehirn liefern und die enthaltenen Pektine gut für die Verdauung sind. „Wer aber ganz sicher gehen will, dass er mit dem Apfelgenuss genau diesen Effekt erzielt, der sollte auf regionale Sorten zurückgreifen“, betont sie. „Denn das Preisschild beim Einkauf gibt nur über das Herkunftsland Auskunft, nicht aber über das Erntedatum oder mit was die Ware begast wurde – das muss nicht deklariert werden.“

Mostfest im Freilichtmuseum

Wer sich einen Überblick über die Vielfalt regionaler Sorten aus dem Landkreis Esslingen machen möchte, der sollte die Obstsortenausstellung des Kreisverbands der Obst- und Gartenbauvereine Esslingen am Mostfest nicht verpassen. Dieses findet am Samstag und Sonntag, 10. und 11.  Oktober, im Freilichtmuseum in Beuren statt. dh