Weilheim und Umgebung

Aus der Platznot eine Tugend machen

Bildung Angesichts immenser Wartelisten hat die Stiftung Tragwerk eigene Berufsschul- Vorbereitungsklassen für junge Flüchtlinge eingerichtet Von Bianca Lütz-Holoch

Hoch motiviert sind die meisten jungen Flüchtlinge, die an den Vorbereitungsklassen unterrichtet werden.Foto: Carsten Riedl
Hoch motiviert sind die meisten jungen Flüchtlinge, die an den Vorbereitungsklassen unterrichtet werden.Foto: Carsten Riedl

Von langer Hand geplant gewesen war die ganze Sache nicht. „Die Idee, Berufsschul-Vorbereitungsklassen bei der Stiftung Tragwerk einzurichten, ist aus der Not geboren“, sagt Professor Dr. Werner Baur, Leiter der zur Stiftung Tragwerk gehörenden Janusz-Korczak-Schule. Als mit der Flüchtlingswelle auch Kinder und Jugendliche ohne Eltern ins Land kamen, öffnete die Kirchheimer Erziehungshilfeeinrichtung ihre Türen für sie. Immer mehr junge Flüchtlinge nahm die Stiftung auf. Mittlerweile hat sie 115 Unbegleitete Minderjährige Ausländer (UMA) unter ihren Fittichen.

Die jüngeren kamen meist in den Vorbereitungsklassen der staatlichen Schulen unter. All diejenigen, die nicht mehr schulpflichtig waren und für die nur ein Berufsschulangebot infrage kam, hatten dagegen schlechte Karten. „Noch zu Beginn dieses Jahres standen 600 Schüler auf der Warteliste für die Vorbereitungsklassen der beruflichen Schulen im Landkreis Esslingen“, veranschaulicht Baur. „Uns war klar, dass viele deshalb auf die Schnelle keinen Platz bekommen würden.“ Also ergriff die Stiftung Tragwerk selbst die Initiative.

Sie stellte einen Antrag beim Regierungspräsidium Stuttgart auf die Gründung eigener Berufsschul-Vorbereitungsklassen ­(VABO-Klassen) und bekam grünes Licht. Seit April betreibt die Stiftung drei VABO-Klassen mit je 16 Plätzen. Angegliedert sind sie an die Janusz-Korczak-Schule, geleitet wird der berufliche Zweig von Maren Ix. Zwei der Gruppen befinden sich auf dem Stammgelände der Stiftung Tragwerk im Bodelschwinghweg, die dritte wurde direkt im Gruppenraum des Schullandheims Lich­teneck in Hepsisau eingerichtet. Denn vor allem an diesem Standort hatte die Stiftung Handlungsbedarf gesehen. „Das Schullandheim ist relativ abgelegen. Man kann die Jugendlichen nicht ohne Bildungsangebot dort sitzen lassen“, ist Professor Werner Baur überzeugt.

Mittlerweile ist die Stiftung auf der Suche nach Unterrichtsräumen in Weilheim. „In der Stadt ist die Integration leichter, und man kann den Unterricht lebensnäher gestalten, mit ihnen einkaufen gehen oder in die Bücherei“, so Baur. So ist es aus seiner Sicht auch kein Problem, dass die Hälfte der Lichteneck-Bewohner mit dem Bus nach Kirchheim zum Unterricht kommen muss. Im Gegenteil: „Die Jugendlichen gehen oft noch in die Stadt, treffen sich mit Freunden oder besuchen das Jugendhaus – das ist gewollt“, sagt er.

Mit den Schülern zeigt sich der Leiter der Korczak-Schule ohnehin rundum zufrieden: „Bei den allermeisten jungen Flüchtlingen stellen wir eine sehr hohe Lernmotivation fest. Sind sind lernwillig, immer freundlich und immer pünktlich.“ Ziel der Vorbereitungsklassen ist es, das sprachliche Niveau der jungen Migranten so anzuheben, dass sie nach ein oder eineinhalb Jahren an die regulären Berufsschulen im Kreis wechseln können.

Ganz leicht war es für die Stiftung Tragwerk und die Janusz-Korczak-Schule allerdings nicht, auf die Schnelle drei Klassen samt Lehrpersonal und Räumen aus dem Boden zu stampfen. So wandelte sich beispielsweise der Konferenzraum der Schule zum Klassenzimmer. „Wir Lehrer treffen uns jetzt eben im Gemeindehaus“, so Baur. Noch größer war die Herausforderung, Personal aufzutun. „Angesichts des immensen Bedarfs ist es aktuell sehr schwer, Lehrer zu finden, die Deutsch unterrichten können“, so Baur. Die Schule musste die Stellen erst deutschlandweit und schließlich sogar europaweit ausschreiben. „Jetzt haben wir eine Kollegin aus Minsk“, verrät Werner Baur.

Unterstützung braucht die Stiftung Tragwerk aber auch von Ehrenamtlichen. "Wir suchen Sprachpaten, die unsere VABO-Schüler beim Spracherwerb unterstützen", sagt Margret Russ vom Info-Büro Aktiv der Stiftung. Wer Interesse hat, den Flüchtlingen beim Deutsch lernen unter die Arme zu greifen, kann sich unter der E-Mail-Adresse russ.m@stiftung-tragwerk.de oder unter der Nummer 0 70 21/50 08 60 melden.

Junge Flüchtlinge im Kreis

UMA 115 junge Flüchtlinge, die ohne Eltern nach Deutschland gekommen sind, werden von der Stiftung Tragwerk derzeit betreut. Intensiv eingestiegen in die Aufnahme Unbegleiteter Minderjähriger Ausländer (UMA), wie sie offiziell bezeichnet werden, ist die Kirchheimer Erziehungshilfeeinrichtung vor rund zwei Jahren mit dem Beginn der Flüchtlingswelle.

Alter Der Großteil der jungen Einwanderer bei der Stiftung Tragwerk ist zwischen 14 und 17 Jahre alt. Lediglich ein Kind ist unter 14 Jahre, 21 junge Leute sind schon über 18 Jahre alt. Fast alle sind männlich: Unter den Jugendlichen sind lediglich drei Mädchen.

Wohnort Die unbegleiteten Flüchtlinge leben je nach Alter und Selbstständigkeit am Stammsitz der Stiftung Tragwerk im Kirchheimer Bodelschwinghweg, aber auch in Außenwohngruppen oder Jugendwohngemeinschaften. 30 junge Männer, die über 16 Jahre alt sind, wohnen im Schullandheim Lich­teneck in Hepsisau.

Herkunft Die Herkunftsorte der UMA sind vielfältig. Viele kommen aus Afghanistan und Gambia, aber auch aus Syrien, dem Irak, Pakistan, dem Sudan und Kamerun.

VABO-Klassen: Vorqualifizierungsjahr Arbeit und Beruf für Jugendliche ohne Deutschkenntnisse – so lautet der Name der Abkürzung VABO-Klassen. 28 solcher Klassen gibt es derzeit im Landkreis Esslingen.

Träger 17 der VABO-Klassen im Kreis sind bei den beruflichen Schulen des Landkreises angesiedelt, der Rest bei freien Trägern wie GARP, vhs und Internationalem Bund, dem Schulwerk Mitte und der Stiftung Tragwerk. Zentraler Koordinator fast aller Klassen ist die Käthe-Kollwitz-Schule in Esslingen. Eine Kooperation mit der Stiftung Tragwerk ist in Vorbereitung. War die Warteliste Anfang des Jahres mit 600 Bewerbern noch groß, so ist sie mittlerweile auf 80 Schüler geschrumpft.bil

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