Weilheim und Umgebung

Bahnfahrt mit Handicap

Nahverkehr Eine Rollstuhlfahrerin aus Weilheim ärgert sich über die S-Bahn: Hinter ihr und ihrem Helfer schließen sich die Türen so schnell, dass ein Rucksack im Waggon bleibt und nicht mehr auftaucht. Von Bianca Lütz-Holoch

Theoretisch klar - praktisch nicht immer umsetzbar: Die Vorgabe, dass sich Rollstuhlfahrer vor der Fahrt anmelden und stets vorn
Theoretisch klar - praktisch nicht immer umsetzbar: Die Vorgabe, dass sich Rollstuhlfahrer vor der Fahrt anmelden und stets vorne einsteigen sollten.Fotos: Carsten Riedl/privat

Weilheim/Stuttgart. Es ist Freitagabend. Sarah Kornau aus Weilheim ist mit der S-Bahn von Kirchheim in Richtung Stuttgart unterwegs. In Obertürkheim möchte sie aussteigen. „Ich habe einen jungen Mann angesprochen, ob er mir helfen kann“, erzählt die 34-Jährige, die vorübergehend im Rollstuhl sitzt. Alleine schafft sie es an dieser Haltestelle nicht, denn der Abstand zum Bahnsteig ist zu groß.

Während sie sich aus dem Zug hangelt, hebt der junge Mann ihren Rollstuhl raus. „Aber noch bevor ich wieder saß, kam das Signal“, berichtet sie und ärgert sich: „Wir standen beide noch zwischen Zug und weißer Linie. Das hätte auch gefährlich werden können.“ Alles Rufen und Winken hilft nichts: Die S-Bahn fährt ab - und zwar mit dem Rucksack des jungen Mannes, der noch im Waggon liegt.

Sarah Kornau ist wild entschlossen, den Rucksack wiederzufinden. „Schließlich ist er weg, weil sein Besitzer mir geholfen hat“, sagt sie. Weil der junge Mann kaum Deutsch spricht, nimmt sie die Sache selbst in die Hand. Sie bittet einen S-Bahn-Fahrer, seinen Kollegen zu informieren, geht ins Infohäuschen, sucht das Fundbüro der Bahn auf und stellt einen Nachforschungsantrag. Alles ohne Erfolg. Auch gut eine Woche später ist der blaue Adidas-Rucksack, in dem eine Schwimmbrille, Shorts und ein T-Shirt sind, nicht wieder aufgetaucht. „Ich fände es schlimm, wenn der junge Mann keine Entschädigung bekommen würde“, sagt Sarah Kornau.

Aber da stehen die Chancen schlecht. Denn der Fehler, so klärt ein Sprecher der Bahn auf, liege bei Sarah Kornau. „Zum einen sollten Rollstuhlfahrer vorab immer den Mobilitätsservice der Bahn per Mail kontaktieren“, betont er. „Sonst wissen wir ja gar nicht, dass jemand an Bord ist, der Hilfe braucht.“ Über den Service auf der Bahn-Homepage werde der Lokführer informiert und halte sich bereit. „Allerdings brauchen wir da einen Vorlauf von 24 Stunden“, fügt der Sprecher der Bahn hinzu.

Wenn das einmal nicht möglich sei, gelte eine weitere Regel: „Rollstuhlfahrer sollten grundsätzlich an der Spitze des Zugs einsteigen“, so der Sprecher. Nur dort gebe es entsprechende Rampen und nur dort sei es möglich, sich beim Lokführer bemerkbar zu machen.

„Mir ist klar, dass ich theoretisch immer vorne einsteigen sollte“, räumt Sarah Kornau ein. Was in der Theorie gut klingt, ist praktisch für sie aber kaum zu schaffen. „Wenn ich mit dem Bus am Bahnhof ankomme, muss ich mich sowieso schon beeilen, um den Zug zu kriegen“, sagt sie. Meist gelingt es ihr gerade noch, in das Heck einzusteigen. „Um vor der Abfahrt bis ganz nach vorne zu rollen, reichen weder die Umsteigezeit noch meine Kraft.“

Aus ihrer Sicht war der Fahrer an dem Tag einfach nicht umsichtig genug. Ein Vorwurf, den der Bahnsprecher zurückweist. „Das Abfertigungsverfahren läuft bei uns automatisch ab“, betont er: „Der Lokführer ist nicht verpflichtet, aus dem Fenster zu gucken und zu kontrollieren, ob noch jemand im Einstiegsbereich ist.“ Schließlich weise das Piep-Signal darauf hin, dass die Türen gleich schließen. „Und wenn der Fahrgast da noch jenseits der weißen Linie ist, muss er sich Gedanken mache, welche Situation er da provoziert.“ Gefahr drohe nicht: „Wenn etwas in den Türen einklemmt, öffnen sie wieder“, so der Sprecher. Die Automatisierung sei eine Maßnahme, um Pünktlichkeit zu gewährleisten. „Denn wenn die Bahn nicht pünktlich ist, meckert die halbe Republik.“

Jetzt hofft Sarah Kornau, dass der blaue Adidas-Rucksack doch noch auftaucht: „Hoffentlich gibt ihn doch noch jemand ab“, appelliert sie an den Finder.

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