Weilheim und Umgebung

Balance und Belebung fürs Städtle

In den Weilheimer Hofgärten soll ein Evopäd-Parcours angelegt werden – Weitere Sponsoren gesucht

Weilheim soll einen Evopäd-Trainingsparcours bekommen. Menschen jeden Alters können auf dem Bewegungspfad Wahrnehmung, Konzentration und Gleichgewicht schulen. Ziel ist außerdem, mit dem Angebot Besucher aus nah und fern ins Städtle zu locken. Jetzt sucht die Stadt weitere Sponsoren.

Sich auf den Evo-Trainer drehen, geschaukelt werden wie ein Fisch im Wasser oder aus dem Schlupfloch gucken wie eine Amphibie -
Sich auf den Evo-Trainer drehen, geschaukelt werden wie ein Fisch im Wasser oder aus dem Schlupfloch gucken wie eine Amphibie - beim Probelauf auf dem Demo-Parcours in der Weilheimer Schlossscheuer waren die Senioren mindestens so begeistert wie die Kinder.Fotos: Claus Jahn

Weilheim. Wer sich auf das Wippbrett legt und schaukeln lässt, soll Entspannung und Balance finden – wie ein Fisch im Wasser. Aus einem Schlupfstein können die Besucher herauslugen wie eine neugierige Amphibie, und Klettermöglichkeiten ermuntern zu affenähnlichem Verhalten. Das Labyrinth schließlich ist schon der erste Schritt zum Menschsein. „Der Evopäd-Parcours orientiert sich an den Entwicklungsstufen des Menschen“, fasst es Sandra Schöne von der Stabstelle Innenstadtoffensive in Weilheim zusammen. Sie alle noch einmal zu durchlaufen, hilft laut der Lehre der Evolutionspädagogik dabei, wieder ins Gleichgewicht zu kommen. „Entwickelt worden sind die Übungen von Evolutionspädagogen zusammen mit Hirnforschern“, so Schöne.

Schon lange trägt sie sich mit dem Gedanken, einen solchen Parcours in Weilheim aufzubauen, der jederzeit für jedermann zugänglich ist. „Allerdings war nie klar, wie wir so etwas finanzieren sollen.“ Gelder der Stadt sollten dafür nicht verwendet werden. Also beschloss sie kurzerhand, Firmen ins Boot zu holen. Die Resonanz hat sie überrascht: „Für viele Stationen und Arbeitspakete haben wir schon Sponsoren gefunden“, freut sie sich. Auch Bürgermeister Johannes Züfle ist guter Dinge: „Viele finden das eine gute Sache“, hat er festgestellt. Nun hoffe er, dass sich auch für den Rest der Posten Geldgeber finden. Denn mit den Geräten allein ist es nicht getan. Es gibt auch Bauarbeiten zu leisten, neues Grün muss gepflanzt werden, Schilder mit Anleitungen sollen aufgestellt und Flyer gedruckt werden.

Unterstützung bekommt Sandra Schöne auch von fachlicher Seite: Die Weilheimer Evolutionspädagogin Gabriele Sorwat (siehe Interview) begleitet das Projekt ehrenamtlich und möchte auch Einführungen anbieten. Weil Sandra Schöne von Anfang an klar war, dass es bei einem solch ungewöhnlichen Vorhaben auch Skeptiker gibt, organisierte sie zusammen mit Gabriele Sorwat einen Praxistest. Eine Woche lang stellte die Weilheimer Pädagogin ihren eigenen Indoor-Parcours für einen Probelauf in der Weilheimer Schlossscheuer zur Verfügung. „Wir hatten zehn Grundschulklassen zu Besuch, aber auch Kindergartenkinder und Senioren“, berichtet Sandra Schöne. „Der Parcours ist unwahrscheinlich gut angekommen – bei den Kindern, den Lehrern, aber vor allem auch den älteren Menschen.“ Die Resonanz der Senioren hat sogar Gabriele Sorwat überwältigt: „Sie waren am begeistertsten von allen.“

Belebend soll der Trainingspfad auch für die Weilheimer Innenstadt sein. „Der Evopäd-Parcours ist Teil der Innenstadtoffensive. Wir wollen Besuchsgründe schaffen“, betont Bürgermeister Johannes Züfle. Dass das gelingen kann, davon ist Sandra Schöne überzeugt: „Ein öffentlicher Evopäd-Parcours wäre ein Alleinstellungsmerkmal für Weilheim“, sagt sie. Sie erhofft sich so einiges an Besucherresonanz. „Den nächsten öffentlichen Evopäd-Parcours gibt es in Benediktbeuren in Bayern“, gibt sie zu bedenken. Und der ist ein echter Besuchermagnet, wie Gabriele Sorwat berichtet. Anders als in Benediktbeuren würde der Parcours in Weilheim sogar mitten in der Stadt platziert sein. „Da können auch Gastronomen und Läden in der Innenstadt profitieren“, glaubt Gabriele Sorwat an Synergieeffekte.

Wenn alles klappt und sich genügend Sponsoren finden, soll der Bau des Evopäd-Parcours im kommenden Frühjahr starten. „Die Eröffnung haben wir zum Städtlesfest 2016 geplant“, verrät Sandra Schöne.

INFO

Gabriele Sorwat wurde in Grimma geboren. Sie besuchte eine Sportschule im Leistungszentrum für Leichtathletik in Leipzig und war DDR-Meisterin im Speerwerfen. Später hat sie Sport auf Lehramt studiert und als Grundschullehrerin gearbeitet. Kurz vor dem Mauerfall floh sie mit ihren beiden Kindern über Ungarn. 1989 begann sie in Weilheim im Kindergarten zu arbeiten und den Kindersport zu leiten. Eine Zeit lang arbeitete sie bei ihrem Mann in der Firma. Als Nachbarn sie um Unterstützung für ihren Sohn baten, der Probleme mit dem Schreiben hatte, kam sie zur praktischen Pädagogik. Sie ist Lernberaterin, Coach für Erwachsene und Parcours-Trainerin und bildet in Hamburg/Worpswede und Weilheim Lernberater und Evolutionspädagogen aus. Seit drei Jahren hat sie in ihrer Praxis in Weilheim einen Evopäd-Parcours, auf dem täglich trainiert wird.

zum EvoPädParcour
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Balance und Belebung fürs Städtle
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„Man kann mit wenig Mitteln viel erreichen“Nachgefragt

Gabriele Sorwat
Gabriele Sorwat

Bianca Lütz-Holoch

Frau Sorwat, wie unterscheidet sich ein Evopäd-Parcours von einem ganz normalen Spielplatz?

GABRIELE SORWAT: Ein Evopäd-Parcours ist kein Spielplatz. Aber man kann daran spielerisch trainieren und löst damit unbewusst Probleme und Blockaden über die Bewegung.

Wie funktioniert das?

SORWAT: Die Evolutionspädagogik geht davon aus, dass wir alle genetisch immer noch die Menschen von vor 40 000 Jahren sind. Oder wie es John J. Ratey von der Harvard Medical School einmal gesagt hat: „Die vergleichende Anatomie hat herausgefunden, dass das menschliche Gehirn in seiner Struktur die evolutionäre Entwicklung aller Gehirne in sich trägt.“

Und was bedeutet das?

SORWAT: Nur wenn wir im Gleichgewicht sind, können wir lernen und an unsere Stärken gelangen. Ist eine Stufe zu wenig ausgeprägt, dann treten Probleme wie Konzentrationsstörungen, Verhaltensauffälligkeiten oder aber auch Depressionen auf. An dieser Stelle setzt die Evolutionspädagogik mit dem Parcourstraining an. An den Geräten werden alle Stufen trainiert.

Gibt es denn Stufen, die in unserer Gesellschaft chronisch untertrainiert sind?

SORWAT: Ja. Wir Menschen heute vernachlässigen meist die ersten drei Stufen: den Fisch, in dem das Vertrauen steckt, die Amphibie, in der Neugier und Innovation verankert sind und das Reptil für die Kraft. Dabei stecken dort die Reflexe, die das Fundament fürs Leben bilden.

Gibt es auch Bereiche, die besonders gut trainiert sind?

SORWAT: Die Affenstufe ist eigentlich immer präsent. Da geht es um „höher, schneller, weiter“. Auch in normalen Kinderspielplätzen steckt meist nur die Affenstufe.

Was begeistert Sie an diesem Konzept?

SORWAT: Es hat mich von Anfang an fasziniert, dass man so viel über Bewegung tun kann. Man kann mit wenig Mitteln viel erreichen und die Bewegungen auch für die zunehmenden Lern- und Verhaltensauffälligkeiten nutzen. Außerdem zielt die Evolutionspädagogik nicht auf Defizite ab. Sie begreift jeden Menschen auf seine Weise als intelligent und wichtig.

Wer kommt denn zu Ihnen in die Praxis?

SORWAT: Oft kommen Kinder zu mir, viele auch zusammen mit ihren Eltern. Aber auch Manager, Senioren oder Frauen, die wieder in den Beruf einsteigen wollen, trainieren auf dem Parcours.

Wieso, denken Sie, könnte Weilheim von solch einem Parcours profitieren?

SORWAT: Die Menschen im Ort haben dann die Gelegenheit, sich über einfache Übungen am Parcours ins Gleichgewicht zu bringen. Davon profitiert die breite Masse und nicht nur Einzelne. Ich denke, dass der Parcours Menschen in die Stadt lockt, auch Touristen und Schulklassen, die dort trainieren und dann noch andere Angebote in Weilheim und der Umgebung nutzen.

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