Weilheim und Umgebung

Beim ersten Satz soll es funken

Aktion Die Weilheimer Stadtbücherei möchte ihre Leser diesen Sommer zu Blind Dates mit Büchern verführen. Unsere Autorin hat den Selbstversuch gewagt. Von Bianca Lütz-Holoch

Bianca mit Lektüre (Selbstversuch) im Liegestuhl
Bianca mit Lektüre (Selbstversuch) im Liegestuhl

Es ist das allererste Blind Date meines Lebens. Allerdings steht mir auch jetzt kein Rendezvous mit einem Mann bevor, der sich eine Nelke ins Knopfloch gesteckt hat. Stattdessen bin ich drauf und dran, mich in eine Affaire mit einem Buch zu stürzen - einem von den rund 4500 Romanen, die die Weilheimer Stadtbücherei beherbergt. Und ich bin beileibe nicht die einzige, die sich verführen lassen möchte. Ganz im Gegenteil: Bei meinem Streifzug durch die Regale des Kapuzinerhauses entdecke gleich ein paar Nebenbuhlerinnen, die genau wie ich Ausschau nach einer guten Partie halten. Also nicht zu lange hadern, sonst sind womöglich die attraktivsten Überraschungspakete schon weg.

Aufstöbern lassen sich die potenziellen „Dating-Partner“ dank ihres Outfits ganz leicht. Sie alle sind in dickes, weißes Papier mit Stadtbücherei-Logo auf blauem Grund gewickelt. Nur das Genre und der ersten Satz sind handschriftlich auf der Verpackung vermerkt.

Zum ersten Mal spüre ich ein nervöses Kribbeln im Bauch. Woher weiß ich, welches eine gute Wahl ist? Ein kompletter Fehlgriff soll es natürlich nicht werden. Ich lege mir eine Taktik zurecht: Erst einmal alles Schätze aufspüren und das jeweilige Genre einprägen. Rund 25 Bücher finde ich an den Ständern und in den Regalen des Erdgeschosses und des zweiten Obergeschosses. Im Gegensatz zu vielen anderen Büchereinutzern bin ich allerdings kein allzu großer Fan von Krimis und Thrillern. Damit scheidet schon mal ein großer Teil der Kandidaten aus. Bleibt noch gut ein halbes Dutzend Bücher, aus dem es auszuwählen gilt. Zunächst studiere ich die Genres: Frauen, Biografie, Historisches und Familie. Die ersten Sätze der Biografie und des historischen Buchs sprechen mich nicht an. Bei zwei anderen Büchern allerdings funkt es und schon ein wenig.

„Es ist noch nicht Mitternacht, aber mein Leben ist bereits jetzt nicht mehr das, was es mal war“, lautet der Satz des Schmökers aus der Kategorie „Frauen“. Könnte lustig werden - aber vielleicht auch ein bisschen zu schrill. Das zweite Buch, das in die engere Wahl kommt, gehört in die Kategorie „Familie“. Was das bedeuten soll, weiß ich nicht genau: Steckt eine Familiensaga drin oder ein Roman für die ganzen Familie? Der erste Satz wischt die Fragen jedoch weg: „Eine leichte Brise kräuselte die Oberfläche des stahlblauen Meers.“ Das klingt nach Urlaubsgefühl: Blaues Meer, ein leises Lüftchen, Ferienstimmung - mit diesem Kandidaten will ich ein Blind Date wagen. Vorsichtshalber nehme ich dann aber doch beide Bücher mit - das steigert die Trefferquote um 100 Prozent.

Als ich die Bücher über den Tresen schiebe, zwinkert mit die Büchereimitarbeiterin verschwörerisch zu: „Sie können es ganz vorsichtig auspacken oder das Papier aufreißen - ganz wie Sie wollen. Haben Sie einfach Spaß!“

Ich warte bis abends. Zuhause am Esstisch nehme ich mir meine Päckchen vor und fühle mich ein bisschen, als hätte ich Geburtstag. Ganz vorsichtig wickle ich meine zweite Wahl aus - und bin ernüchtert. Drin steckt „Sternschanze“ von Ildikó von Kürthy. Nicht nur, dass die Autorin nicht gerade zu meinen Favoritinnen gehört. Genau das gleiche Buch liegt schon bei mir schon seit Monaten unangetastet im Regal. Eine Freundin hatte es mir mit den Worten mitgebracht: „Also mir gefällt es gar nicht, aber vielleicht magst du es ja mal probieren . . .“

Die Enttäuschung schlucke ich schnell hinunter und wende mich meinem eigentlichen Favoriten zu. Der hatte mir immerhin ein schon eine frische Meeresbrise versprochen. Und siehe da: Zum Vorschein kommt ein Cover mit Strand, Liegestuhl und Dünengras. Von der Autorin Veronica Henry habe ich noch nie gehört, der Titel „Für immer am Meer“ sagt mir auch nichts. Ein erster Annäherungsversuch verrät mir aber, dass eine Reihe von Standhütten an der englischen Südküste und ihre Besitzer im Mittelpunkt stehen - inklusive Kindheitserinnerungen, Schicksalsschlägen und Affären. Leichte Unterhaltung für heiße Sommertage also. Selbst wenn da vielleicht nicht gerade das Buch fürs Leben vor mir liegt - ein netter Urlaubsflirt könnte das allemal werden. Und wenn nicht, gibt es ja noch mal eine Chance: Bis zum Ende der Sommerfreien warten in der Weilheimer Stadtbücherei jeden Tag neue Blind Dates darauf entdeckt zu werden.

Bianca mit Lektüre (Selbstversuch) im Liegestuhl
Bianca mit Lektüre (Selbstversuch) im Liegestuhl
Sommerliches Leseabenteuer: Die Überraschungsbücher aus der Weilheimer Stadtbücherei versprechen Spannung und leichte Lektüre fü
Sommerliches Leseabenteuer: Die Überraschungsbücher aus der Weilheimer Stadtbücherei versprechen Spannung und leichte Lektüre für heiße Tage. Foto: Jean-Luc Jacques

Eine Chance für hässliche Entlein

Das Projekt „Blind Date mit einem Buch“ in der Weilheimer Stadtbücherei dauert noch die ganzen Sommerferien lang. Es feiert in Weilheim Premiere und findet im Rahmen der Aktion „Heiß auf Lesen“ der Fachstelle für öffentliche Bibliotheken in Stuttgart statt, die Freude am Lesen vermitteln soll.

Das Prinzip ist einfach: Die Mitarbeiterinnen verpacken Bücher blickdicht in Papier, notieren darauf lediglich das Genre und den ersten Satz und verteilen die Überraschungspakete in den Regalen der Bücherei.

Voll ins Schwarze getroffen hat die Bücherei damit bei ihren Lesern: „Die Aktion läuft super“, sagt Kathrin Theilig, Mitarbeiterin der Stadtbücherei Weilheim. Über 100 Werke haben sie und ihre Kolleginnen bereits für die Rendezvous vorbereitet, jeden Tag kommen neue dazu. Rund zwei Drittel davon sind entliehen.

Gefragt sind insbesondere Krimis, Thriller und leichte Sommerlektüre, sagt Kath­rin Theilig. Immer wieder werden auch anspruchsvollere Sachen eingepackt. „Wir nehmen außerdem Bücher dazu, die schon ein paar Jahre alt, aber trotzdem sehr lesenswert sind.“ Nicht zuletzt finden sich auch ein paar hässliche Entlein unter den Blind Dates, die mit inneren Werten glänzen. „Viele Leute gehen bei der Auswahl der Bücher nach dem Cover“, so Theilig. Inkognito bekommen so auch Titel mit weniger attraktiven Einbänden eine Chance.

Nur an Erwachsene richten sich die Bild Dates diesen Sommer. „Das Interesse bei unseren jugendlichen Lesern ist aber auch groß“, weiß Kathrin Theilig. Sie kann sich deshalb gut vorstellen, dass die Aktion wiederholt wird und dann auch „Dating-Partner“ für Jugendliche in den Regalen zu finden sind. Auf Rückmeldungen hoffen die Mitarbeiterinnen der Weilheimer Bücherei. Deshalb haben sie einen Feedback-Bogen beigelegt, der anonym oder mit Namen, per Multiple Choice oder ausführlicher ausgefüllt werden kann. Damit können die Teilnehmer der Aktion rückmelden, wie ihr Blind Date war - zum Beispiel „romantisch“, „aufregend“, „nachtschlafraubend“ oder „gar nicht mein Typ“.bil

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