Weilheim und Umgebung

Betreuer, Berater und Begleiter

Bestattungen sind individueller und würdevoller geworden

Die Bestattungskultur und der Umgang mit dem Tod haben sich in den letzten 100 Jahren stark verändert. Früher begegneten die Menschen dem Tod ehrenvoller.

Weilheim. Heute kommt der Tod überraschender, weil man sich heute kaum Gedanken über das Sterben macht. Vor 100 Jahren starb der Mensch zu Hause und wurde dort auch aufgebahrt. Wer sich nicht schon zu Lebzeiten – Waldbesitz vorausgesetzt – den eigenen Sarg gebaut und auf den Dachboden gestellt hatte, wurde vom Schreiner oder Sargbauer vermessen. Den Tod stellten damals nicht die Mediziner fest, sondern die Leichenbeschauer. Dazu war in der Gemeinde oder Stadt eine Leichenbesorgerin bestellt, die für 50 Mark im Jahr die Toten wusch und bekleidete. Die drei Tage dauernde Totenwache wurde zu zweit abgehalten, und während dieser verschränkte man den Verstorbenen die Hände auf der Brust, um es zu sehen, falls der vermeintliche Tote noch atmete. Nach diesen drei Tagen lieferte der Schreiner den Sarg. Die Leichenkutsche kam mit Pferdegespann zum Haus des Verstorbenen, und dann ging es direkt zum Friedhof, wo die Trauerfeier und die Erdbestattung stattfanden.

Erst während des Zweiten Vatikanischen Konzils im Jahre 1963 gab der Vatikan die Feuerbestattungen frei, und diese durften bis vor 20 Jahren nur von Land und Kreis durchgeführt werden. Damals war eine Feuerbestattung auch an die Glaubensfrage geknüpft. Es galt der Glaube, dass man im verbrannten Zustand am jüngsten Tage der Auferstehung nicht in den Himmel käme.

War es früher immer der gleiche Ablauf: Tod – Kutsche – Friedhof, gestaltet sich die heutige Bestattungskultur individueller. Gab es lange Zeit nur die Erdbestattung, kann man heute aus vielen Begräbnisarten auswählen. Feuerbestattung, Seebestattung und Friedwaldbestattung ergänzen die Möglichkeiten, und selbst die Trauerzeit kann heute praktisch personenbezogen gestaltet werden. Die Möglichkeit, die eigene Bestattung vorher zu bestimmen, nutzen aber noch sehr wenig Menschen, weiß Bestatter Stefan Jäck. „Es wäre für die Angehörigen wesentlich einfacher, da beim letzten Weg eines Menschen die Planung mit vielen Gewissensbissen verbunden ist“, erklärt Jäck und fährt fort, „in solchen Fällen sind die Bestatter dann Betreuer, Berater und Begleiter.“ Oft werde der letzte Wille der Verstorbenen oder die Gestaltung der Hinterbliebenen infrage gestellt. „Nach wie vor herrscht beim Tod und was dazugehört eine recht konservative Meinung.“

Er selbst, so Jäck, empfinde die Individualität bei der Bestattung als bessere Trauerbewältigung. Die Wünsche machen die Arbeit spannender, aber auch arbeitsreicher. Man erlebe viel, plaudert Stefan Jäck aus dem Nähkästchen. Hätten früher getragene Orgelstücke die Trauerfeier begleitet, greife man heute eher auf Musik von Andreas Gabalier oder auf das Ave Maria von Helene Fischer zurück. Als speziell betitelte Jäck den Wunsch vor einiger Zeit, am offenen Sarg einen Sektempfang zu geben. „Aber solange es würdevoll ist“, berichtet er, „gibt es unzählige Möglichkeiten. Aber Stripperinnen am Sarg, wie es in Japan üblich ist, oder ein Feuerwerk auf dem Friedhof lehne ich ab, das geht dann zu weit.“ Dazu komme die Kostenfrage. Viele Anfragen von Angehörigen gingen in Richtung Discount-Bestatter. Bei diesen Angeboten fehle jedoch das Individuelle, und für jeden zusätzlichen Wunsch müssen man viel bezahlen. In den meisten Fällen seien dies versteckte Kostenfallen.

Auf die Frage nach dem schlimmsten Erlebnis wird Stefan Jäck nachdenklich: „Das war am 11. März 2009, der Amoklauf von Winnenden. Da war ich bei der Krisenintervention und habe als Seelsorger die Bestatter betreut, die die vielen Kinder aus dem Schulhaus tragen mussten.“ So etwas wünsche man niemandem, da sei ihm die eine Trauerfeier viel lieber gewesen, bei der sich der Verstorbene das Lied „Spiel mir das Lied vom Tod“ als Musik gewünscht hatte.

Eine weitere Kuriosität im sonst ernsten und würdevollen Bestattungsgeschäft sei, so Jäck schmunzelnd, die Verdrehtheit mit den Jahreszeiten. Im Winter, wenn der Boden hart und zum Teil gefroren ist, gäbe es die meisten Erdbestattungen und im Sommer mehr Einäscherungen. Stefan Jäck grinst verschmitzt bei der Frage, ob er seine eigene Beerdigung schon geplant habe.

„Ich wäre ein schlechter Bestatter, wenn ich nicht schon den Plan im Kopf hätte, aber niedergeschrieben habe ich den Ablauf noch nicht.“ Dann zieht er den dunklen, langen Mantel an und verabschiedet sich mit den Worten: „Ich muss los, eine Kundin wartet.“

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