Weilheim und Umgebung

Bio ist direkt vor der Haustür

Streuobstwiesen Um den Erhalt von Streuobstwiesen ging es im Vortrag von Matthias Strobl in der Reußenstein­halle in Neidlingen. Dabei schlug er einen Bogen von der Ökonomie bis zur Ökologie. Von Cornelia Wahl

Matthias Strobl
Matthias Strobl

Wer derzeit vom Reußenstein über das Neidlinger Tal blickt, wird mit leuchtend weißen Blüten alter knorriger Bäume auf den Streuobstwiesen erfreut. Einen besseren Ort als Neidlingen hätte man also nicht aussuchen können, um sich im „Zukunftsforum Biosphärengebiet Schwäbische Alb“ mit dem Erhalt der Artenvielfalt dieser Biotope zu befassen.

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Ökonomie, Ökologie und Soziales seien die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit in Bezug auf Streuobstwiesen, die sich überschneiden und voneinander abhängen, begann Matthias Strobl von der Landesanstalt für Landwirtschaft, Ernährung und Ländlichen Raum (LEL) in Schwäbisch Gmünd, der kurzfristig für den erkrankten Martin Engelhardt eingesprungen war, seinen Vortrag.

Soziales finde sich im Gemeinschaftserlebnis, im Weitergeben von Traditionen und Wissen, im Ernten des eigenen Obstes, im Nebenerwerb, im Hobby etwas Sinnvolles zu tun, eine Aufgabe zu haben. Das Wissen rund um eine Streuobstwiese sei facettenreich. Nicht jeder könne alles gleich gut wissen. „Jeder hat so sein Steckenpferd“, sagte Strobl. Dieses Wissen könne man untereinander austauschen oder über Streuobstpädagogik und Kurse weitergeben.

Bei der Ökonomie gehe es um die Arbeitszeit, die aufgewendet werden muss oder um Maschinen, die benötigt, gewartet oder ausgeliehen werden müssen. Baumschnitte trügen zur Nachhaltigkeit und zur Dauerhaftigkeit bei. Man müsse sich um die Erntelogistik, die Vermarktung, die Schnittgutentsorgung kümmern und welche Kosten sich daraus ergeben. Bei der Obstabgabe müsse man oft stundenlang in der Schlange stehen, gab er zu bedenken. Aber auch das Nachpflanzen ist ein wichtiges Thema. Wenn es um den Erhalt gehe, könne man auch mal etwas anders machen. „Manches ist nicht mehr zeitgemäß, Junge müssen neue Aspekte weiterentwickeln dürfen“, sagte Strobl. Doch nicht nur körperliche Arbeit sei gefragt. Eine Streuobstwiese zu bewirtschaften, bedeute auch Schreibtischarbeit.

Aufseiten der Ökologie sieht er die Streuobstwiese mit einer einmaligen Sortenvielfalt, die durch Rückgang bedroht sei. „In Baden-Württemberg gibt es 480 Wildbienenarten. 43 Prozent davon sind auf Streuobstwiesen nachgewiesen“, sagt Matthias Strobl. Zahlreiche Tierarten fänden in den hochstämmigen Bäumen oder in den blumenbunten Wiesen Nahrung. Baumhöhlen bieten Platz für Spechte oder Fledermäuse. Flora und Fauna können durch Nutzen geschützt werden. Dabei spiele auch die Beweidung eine Rolle. „Manchmal sind zu viele Emotionen im Spiel“, berichtet Strobl, etwa dann, wenn es um den richtigen Baumschnitt gehe oder um die Aufwuchserweiterung. Diese werde immer schwieriger wegen des Rückgangs bei den Wiederkäuern und des Strukturwandels in der Landwirtschaft.

Ein Besucher brachte noch einen anderen Gesichtspunkt ins Spiel. Der Erhalt der Streuobstwiesen sei auch eine „Frage der Wertschätzung“. Die Märkte werden immer globaler und die Vermarktung von heimischem Obst schwieriger. Deshalb sei „die Sensibilisierung der Bevölkerung für regionale Wertschöpfungsketten und regionalen Verbrauch“ ein wesentlicher Aspekt für den Erhalt.

Anschließend konnten sich die Interessenten an sechs unterschiedlichen Stationen über Themen wie der Möglichkeit der Bio-Zertifizierung, dem Naturzertifikat-Handel, dem Marketingpotenzial Streuobst, der Flurneuordnung oder der naturschutzgerechten Streuobstwiesen-Pflege informieren, mit den Experten diskutieren und an einer Wand ihre Ideen notieren.

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Streuobstwiese in der Blüte

Hintergrund-Infos zum Fachforum

Ziel des in den Jahren 2018 und 2019 durchgeführten „Zukunftsforum Biosphärengebiet Schwäbische Alb - wie soll sich unsere Landwirtschaft entwickeln?“ ist es, in einem öffentlichen Diskurs die aktuelle und kommende Landnutzung im Biosphärengebiet zu betrachten. Daraus sollen auch neue Lösungsansätze für das Biosphärengebiet abgeleitet werden. Finanziert wird das Projekt von den Fraktionen Bündnis 90/Grüne und der CDU. Projektpartner sind der Kreisbauernverband Reutlingen, die Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen sowie der Nabu Baden-Württemberg. cw