Weilheim und Umgebung

Bissingen will der Tarif-Falle entkommen

Verkehr Während Kirchheims Fahrgäste vom Stadtticket profitieren und Weilheim eins plant, schauen Bissinger in die Röhre. Der Schultes will das ändern. Von Thomas Zapp

Für den Bus nach Kirchheim gibt es aktuell keinen Spartarif. Foto: Jean-Luc Jacques
Für den Bus nach Kirchheim gibt es aktuell keinen Spartarif. Foto: Jean-Luc Jacques

Wer in Bissingen wohnt, kann sich über einen hohen Freizeitwert freuen, dank der Nähe zur Alb und den Städten Kirchheim und Weilheim. Schön wäre es nun, denkt man sich bei der Stadtverwaltung, wenn die Anwohner dieses schöne Angebot auch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln kostengünstig wahrnehmen könnten. Denn zum Klimaschutz gehört auch die Verkehrswende und dazu wiederum ein attraktiver öffentlicher Personennahverkehr. Bürgermeister Marcel Musolf wünscht sich daher die Möglichkeit, beim geplanten Stadtticket in Weilheim oder dem bereits existierenden in Kirchheim und Dettingen beitreten zu können.

Die Antwort des VVS lautet zur Zeit aber „Weder-Noch“. Denn: Laut Definition der Verantwortlichen ist ein Stadtticket klar definiert. Es darf sich nur auf einen urbanen Raum beziehen. Es sei denn, dass, wie im Falle Kirchheims, einige Linien zu Teilorten wie Nabern durch eine andere Gemeinde führen, in diesem Fall Dettingen. Da hat die VVS „erlaubt“, dass Dettingen und Kirchheim gemeinsam ein Stadtticket anbieten können. Für drei Euro ist man dort einen ganzen Tag lang so oft wie man möchte unterwegs. Zum Vergleich: Die einfache Fahrt kostet 2,50 Euro. Legt man diesen Maßstab auf Bissingen an, wäre lediglich ein „Stadtticket“ in den knapp 400 Einwohner zählenden Teilort Ochsenwang möglich. Der Schultes kann sich im Gemeinderat ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Das macht nur in überschaubarem Rahmen Sinn“, merkt er an.

Mit Zustimmung der Gemeinderäte hat die Bissinger Verwaltung daher ein Schreiben an die VVS verfasst und abgeschickt. Der Tenor: Das Modell sollte überdacht werden. Vielmehr sollte man ein Konzept für kleinere Gemeinden entwickeln, die bereit sind, sich an günstigen Tickets zu beteiligen. Denn unter der Voraussetzung funktionieren die Ermäßigungen ohnehin nur. Jede Gemeinde, die davon profitiert, muss am Jahresende die Umsatzverluste für den Verkehrsverbund durch vergünstigte Fahrkarten ausgleichen. In Bissingen wäre man bereit, darüber zu sprechen. Aber momentan gibt es keine Anknüpfungspunkte.

Man liege in Bissingen genau zwischen zwei Modellen, sagt Marcel Musolf. „Wir können weder nach links noch nach rechts“, fügt er hinzu in Anspielung auf der geografische Lage seiner Gemeinde, die in einer Tarif-Falle liegt. Rechts könnte es künftig kostengünstig mit dem dort geplanten Stadtticket nach Weilheim gehen, links nach Kirchheim. Könnte, tut es aber nicht. „Das ist den Leuten schwer zu vermitteln, wenn man nirgendwo mitmachen kann“, sagt Musolf. Die aktuelle Situation führt mitunter zu einigen Stilblüten. „Ich kenne Leute, die mit dem Fahrrad nach Nabern fahren, dort ein Stadtticket kaufen, um nach Kirchheim zu fahren“, erzählt Gemeinderätin Gabriele Goebel zur allgemeinen Erheiterung der Runde.

Marcel Musolf würde sich eine kommunenübergreifende Lösung wünschen, um „weitere Anreize für die Nutzung des ÖPNV zu setzen“. Mit dem Schreiben an den Verkehrsverbund lädt er schon mal zu einem Gespräch ein.

Für die Wende fehlt der Mut

Die Verkehrswende: Oft gehört, vor allem aus Politikermund, vor allem auf Landes- und Bundesebene. Wer sie will, kommt an einem Mehr an „Öffis“ kaum vorbei. Kaum eine Rede kommt ohne einen Verweis auf die notwendige Stärkung von Bus und Bahn aus. Aber: Wie leicht lässt sich das dahinsagen und wie schwer sieht die Realität der Umsetzung aus.

Beispiel Bissingen: Die 3500-Seelen-Gemeinde hat das Pech, zwischen zwei Mini-Verkehrsverbünden zu liegen, nämlich den Stadtticket-Zonen „Weilheim“ und „Kirchheim-Dettingen“. Im wahrsten Sinne des Wortes naheliegend wäre doch eine Teilhabe an wenigstens einer der beiden Zonen. Aber der Verkehrsverbund macht da nicht mit. Kosten werden vorgeschoben.

Was soll diese Zaghaftigkeit? Wie soll man den Leuten erklären, dass sie erst mal umweltfreundlich den Berg herunterfahren müssen und anschließend wieder hoch, um in den Genuss eines ermäßigten Tickets zu kommen. Um wirklich eine Alternative zum Auto zu bieten, sind mutige Schritte nötig. Wie wäre es zum Beispiel mit einem „Teck-Ticket“ für eine einzige Zone mit Kirchheim, Weilheim, Bissingen, Dettingen, Lenningen, Owen und die Alb?

Die öffentliche Hand und die Verkehrsbetriebe im ländlichen Raum müssten einfach mal mit revolutionären Ideen in Vorleistung gehen. Dass es funktioniert, zeigen ja diverse Großstädte, in denen das Auto für innerstädtischen Verkehr mehr und mehr ausgedient hat. Wenn man das auch im ländlichen Raum erreichen will, müssen attraktive Alternativen geboten werden. Sonst kann man das Wort „Verkehrswende“ bald nicht mehr ernst nehmen.

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