Weilheim und Umgebung

Brauerei und Brenner ziehen an einem Strang

Desinfektionsmittel Gruibinger und Hepsisauer bekämpfen den Mangel mit gemeinsamer Produktion.

Symbolbild Desinfektionsmittel
Symbolbild Desinfektionsmittel

Weilheim. Desinfektionsmittel sind ein kostbarer Stoff geworden. Braumeister Hans-Dieter Hilsenbeck in Gruibingen ist darauf aufmerksam geworden - weil er weiterhelfen kann: Bier hat Alkohol, den man für die Herstellung von Desinfektionsmittel braucht. Bierbrauer Hilsenbeck zielt auf 75 bis 100 Liter am Tag.

Apotheken brauchen Nachschub

„Wir kriegen kein Ethanol mehr“, hörte Hans-Dieter Hilsenbeck von Apothekerseite. Er hat sich mit einem befreundeten Apotheker kurzgeschlossen und sich erkundigt, wie es im Umkreis aussieht. Gleich mal 30, 40 Apotheken hat er angerufen. Und das ist noch gar nichts, sagt er: 250 Apotheken gebe es laut Internet-Branchenverzeichnis im weiteren Umkreis. Das Ergebnis: Die einen fühlen sich versorgt, die anderen nicht. „Wir brauchen das unbedingt“, hörte er von etlichen. Gut zehn Apotheken hätten schon bei ihm bestellt.

Die Vorbereitung nahm eine Woche in Anspruch. Rechtliche Fragen etwa zur Branntweinsteuer waren zu klären. Den notwendigen Partner gewann Hilsenbeck mit nur einem Anruf: Brenner Karl Class aus Hepsisau ist schon geschäftlich mit ihm verbunden, zudem sind sie gut befreundet. Wertvoll ist, dass Class eine sogenannte Verschlussbrennerei hat, er darf solche Mengen produzieren. Seine Destillerie ist freilich nur für den Obstbau ausgelegt, sie fasst keine Hektoliter.

Für Hilsenbeck war es etwas Neues: Er hat noch keinen Sud angesetzt, um daraus einfach nur Alkohol zu gewinnen. Das tat er jetzt am Montag zum ersten Mal - einen ersten Brand mit 250 bis 300 Litern. Als Malzauszug, wie der Fachmann sagt. Da wird geschrotetes Malz mit Wasser angesetzt, auf Temperatur gebracht und mit Hefe versetzt. „Eine spezielle Hefe nur zur Alkoholproduktion“, sagt der Braumeister, „das ist nicht die klassische Bierhefe.“ Zwei, drei Tage dauert die Vergärung, dann kann der Alkohol zum Brennen wandern.

Karl Class wird dann mit seiner Brennblase 70-prozentigen Alkohol erzeugen, so etwa 25 bis 30 Liter pro Brand. „Das werden dann schon drei Brände am Tag“, sagt Hilsenbeck. Aber: Noch ist es nicht so weit. Und der Braumeis­ter will den Tag nicht vor dem Abend loben.

„Es geht nicht um Geld“, stellt Hans-Dieter Hilsenbeck fest. Es gehe darum, den Flaschenhals zu vermeiden, der sich bei der Versorgung mit Desinfektionsmitteln auftut. Genauer gesagt ist es Handdesinfektionsmittel, das die beiden ermöglichen wollen. Dafür passt die 70-Prozent-Alkohol-Konzentration, die sie bieten können. Wichtig ist zudem auch: Die Ethanolproduktion hilft, Leute zu beschäftigen: Mitarbeiter der Brauerei, die infolge der Coronakrise weniger Arbeit haben. Die Feste, die Gastronomie, die Tagungen - alles ist für den Moment weg. „Im Endeffekt“, sagt Hans-Dieter Hilsenbeck, „ist es ein Durchreichegeschäft. Es ist auch kein Geschäftsmodell.“ Jürgen Schäfer

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