Weilheim und Umgebung

Brückenbauer feiern Jubiläum

Kirche Die Evangelische Akademie geht mit Elan in ein Festjahr: Seit 75 Jahren steht sie für Demokratie und Dialog und hat in die Gesellschaft gewirkt. Von Jürgen Schäfer

Einladung zum Dialog: Der Direktor der Evangelischen Akademie Bad Boll, Professor Jörg Hübner, freut sich auf spannende Veransta
Einladung zum Dialog: Der Direktor der Evangelischen Akademie Bad Boll, Professor Jörg Hübner, freut sich auf spannende Veranstaltungen im Jubiläumsjahr.Foto: Giacinto Carlucci

Die Bundesrepublik lag noch im Nebel der Zukunft und Bad Boll in der amerikanischen Besatzungszone. Da kamen am Kurhaus, das die Blumhardts geprägt hatten, im September 1945 „Männer des Rechtes und der Wirtschaft“ zusammen, um die Zukunft Deutschlands mitzugestalten. Nicht weniger als 161 Leute waren das, die ersten Tagungsteilnehmer, und sie wollten ein demokratisches, freies, verantwortungsbewusstes Land. Der Aufruf kam von der Kirche, organisiert von Pfarrer Eberhard Müller, und daraus entwickelte sich etwas Neues: die Evangelische Akademie Bad Boll.

Ihr Auftrag ist nach wie vor hochaktuell, erklärt Akademiedirektor Professor Jörg Hübner. Hieße es vor 75 Jahren, die Gesellschaft demokratiefähig zu machen, so ist es heute die Sorge, die Demokratie zu bewahren. Die Akademie sieht ihre Aufgabe in der Begegnung, im Dialog, im „achtsamen Diskurs“, und für das Jubiläumsjahr hat sie ein Motto: „Im Dialog: Gesellschaft gestalten“. „Das ist der Markenkern“, sagt Hübner. Die Evangelische Akademie kümmert sich um Fragen, die die Gesellschaft bewegen, und sie bringt sich ein mit christlichen, ethischen Werten: Menschenwürde, Menschenrechte, Ehrfurcht vor Leben, Gerechtigkeit.

Mitten im Leben ist die Akademie gleich bei ihrem Neujahrs­empfang: Festredner Professor Bernhard Pörksen redet über Fakt und Fake, über Meinungsbildung im digitalen Zeitalter. Streiten lernen und Brücken bauen ist das Thema im Juni - Demokratieförderung in Vergangenheit und Zukunft. Zum Festakt im September kommen Wolfgang Schäuble, der Bundestagspräsident, und damit zweite Mann im Staat, Ministerpräsident Kretschmann und Landesbischof Frank Otfried July.

Mit Rechtspopulisten reden? Die Akademie Bad Boll tut‘s. Als es jüngst bei einer Tagung um die Zukunft Europas ging, kamen auch Vertreter der polnischen Pis-Regierungspartei und der ungarischen Fidesz. Im Januar gibt es eine religionspolitische Tagung, zu der die AfD eingeladen ist. Was beim Kirchentag ein Problem war - in Bad Boll ist es das nicht. „Am gesellschaftlichen Konsens arbeiten“, sagt dazu Hübner.

Der Dialog, den die Akademie pflegt, hat auch schon Aufschreie ausgelöst. So die legendäre Tagung mit dem Studentenführer Rudi Dutschke und dem Philosophen Ernst Block anno 1968.

Persönlich engagierte sich im Jahr 2000 der damalige Akademiedirektor Jörg Krummacher. Er reiste mit Studienleiter Mauricio Salazar nach Kolumbien, um die Freilassung von acht Gefangenen einer Rebellenorganisation zu begleiten. Ein humanitäres Engagement nannte er das, kein politisches. Als er auch eine Friedenskonferenz für Kolumbien in Bad Boll organisieren wollte, scheiterte er am Auswärtigen Amt und auch an der Kirche. Die Kritik lautet: Es seien nicht alle relevanten Kräfte eingebunden.

Die Akademie als Friedensvermittler: „Wir sind nicht Camp David“, sagte Krummachers Nachfolger Joachim L. Beck. Sie sind Brückenbauer, ihr Emblem ist die Brücke. Die politische Ebene ist noch mal etwas anderes. Aber die Beispiele zeigen: Die Akademie beschäftigt sich mit der Welt. Sie wuchs in diese Rolle hinein, und auch in andere.

Akademiedirektor Hübner blickt zurück: Die Westintegration der frühen Bundesrepublik, und das hieß auch „Wiederbewaffnung“, ist in Bad Boll rauf- und runterdiskutiert worden. „Da gingen hier Verteidigungsminister ein und aus.“ Der nachhaltige Tourismus wurde diskutiert, schon in den 70ern. In den 80ern dann ein schwieriges Thema: die feministische Theologie, die Frauenrechte einfordert, hatte ihren Ort in Boll. Die große Kämpferin Dorothee Sölle hat hier ihren letzten Vortrag gehalten. In den 80ern war Studienleiter Jobst Kraus seiner Zeit voraus. Er ließ für eine Tagung einen Berg Plastikgeschirr auftürmen, der beim Essen produziert wurde. Seither gibt‘s im Speisesaal kein Plastik mehr.

Gründungsdirektor Müller war ein nationalkonservativer Mann, sagt Hübner. Mit den 68ern geriet die Akademie in den Ruf der „roten Akademie“. Sie kam in den späten 90er-Jahren auf dünnes Eis. „Es war die Frage, ob man überhaupt eine Akademie braucht“, sagt Hübner. Für ihn eine schreckliche Frage. Heute, so Hübner, stelle die Akademie keine kirchliche Gruppierung in Frage.

Die Diskussionskultur ist das eine. Hübner bedauert, dass man bei Tagungen nicht mehr unbedingt abends zusammensitzen kann, weil alles schnell gehen muss. Morgens kommen, abends abreisen, so wünschten es viele. Wie anders war es doch bei der Ur-Tagung im Herbst 1945, da diskutierten über 150 Leute ganze 14 Tage lang.

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