Weilheim und Umgebung

Brüder stiften Güter für ihr Seelenheil

Vortrag Steffen Patzold erklärt den Weilheimern, warum sie seit 769 in der Geschichte belegt sind und warum sie stolz auf ihr Jubiläum sein können. Von Andreas Volz

Steffen Patzold zeigt in der Peterskirche den wichtigen Ausschnitt aus dem Lorscher Codex - den Ausschnitt, in dem erstmals der
Steffen Patzold zeigt in der Peterskirche den wichtigen Ausschnitt aus dem Lorscher Codex - den Ausschnitt, in dem erstmals der Name „Wilheim“ auftaucht.Foto: Markus Brändli

Der Titel weckt große Erwartungen: „Karl der Große und Weilheim“. Zwar ist kein Besuch Karls des Großen in Weilheim belegt - aber dennoch hat die frühe Geschichte Weilheims viel mit dem bedeutendsten aller Frankenkönige zu tun. In einem kurzweiligen Vortrag entführte der Tübinger Mittelalter-Historiker Steffen Patzold seine Zuhörer von der Weilheimer Peterskirche aus nicht nur ins Kloster Lorsch, sondern auch „in eine ferne Welt“: Während man heute - staufreie Autobahnen vorausgesetzt - in zwei Stunden von Weilheim nach Lorsch an der Bergstraße gelangt, musste man im 8. Jahrhundert „eine Reise von fünf Tagen zu Pferd“ einplanen.

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Ausgerechnet an dieses weit entfernte Kloster Lorsch verschenken die Brüder Sulman und Hildrich im Jahr 769 Besitztümer „in Wilheim et in Bissingen et Osinge(n)“. Ihre Motivation war damals weit verbreitet: die Sorge ums Seelenheil. „Sie schenken ihre Güter ja nicht dem Kloster Lorsch, sondern dem Heiligen Nazarius, dessen Reliquien das Kloster 765 durch Papst Paul I. erhält“, erklärt Steffen Patzold. „So wollten sie den Märtyrer als Fürsprecher beim Jüngsten Gericht gewinnen.“

Das Kloster Lorsch war damals noch ganz jung: Gegründet 764, kam es 771 unter den persönlichen Schutz Karls des Großen. 769 war Karl noch nicht „der Große“. Ein Jahr zuvor hatte er, gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Karlmann, die Herrschaft angetreten: „Karl war gerade mal 20, Karlmann ungefähr 17.“ Es handelte sich um den ersten Thronwechsel der Karolinger als Könige. 751 hatte Karls Vater Pippin „einen Staatsstreich vollzogen“ und den letzten Merowinger-König abgesetzt.

Thronwechsel bezeichnet Steffen Patzold als „Krisenzeiten“. Das trifft erst recht auf eine Dynastie zu, deren Herrschaft noch kaum etabliert ist: „768 lag die Entmachtung der Merowinger durch die Karolinger nicht länger zurück als für uns heute die Einführung des Euro.“ Außerdem waren sich die Herrscher-Brüder Karl und Karlmann keineswegs so einig, wie die Brüder Sulman und Hildrich in der Weilheimer Erstnennungs-Urkunde. Sie standen vielmehr kurz vor einem Bruderkrieg.

Dann kam Karl ein Todesfall zu Hilfe: „Die Krise löste sich für Karl den Großen, weil sein Bruder mit 21 Jahren starb.“ Ohne diesen „biologischen Zufall“, der seine Alleinherrschaft begründete, wäre Karl nicht unbedingt „der Große“ geworden. 769 aber lebte Karlmann noch, und Weilheim gehörte zu seinem Herrschaftsgebiet. Lorsch dagegen lag in Karls Einflussbereich. Die Schenkung von Sulman und Hild­rich erfolgte also über Herrschaftsgrenzen hinweg.

Über den Wohnsitz von Sulmann und Hildrich lässt sich leider nichts mehr herausfinden. Die Urkunde wurde in Lorsch unterzeichnet. Vielleicht lebten die Brüder ja in der dortigen Umgebung, sodass es ihnen umso leichter gefallen wäre, Güter im anderen Reichsteil dem Märtyrer Nazarius zu überschreiben.

Zu allem Überfluss ist auch die Originalurkunde von 769 verloren gegangen - ein Pergamentzettel. Überliefert ist das Rechtsgeschäft nur in einer Abschrift aus dem 12. Jahrhundert, im Lorscher Codex. In diesem Buch sammelten die Mönche alle ihre Urkunden. Aber sie unterließen es, auch die Namen der Zeugen abzuschreiben. Nach 400 Jahren waren diese Namen ohne jede Bedeutung.

Die Abschriften jedenfalls bezeichnet Steffen Patzold als „Backup“, als „Sicherungskopie“. Eine solche gab es aber bereits von 770, vom 12. April. Ein halbes Jahr nach der Urkunde von 769 wurde dieselbe Schenkung bestätigt - dieses Mal aber nicht von Sulman und Hildrich, sondern von Hildrich und Sulman: „Solche Doppelungen finden sich im Lorscher Codex häufiger. Vielleicht war 769 nur Sulman in Lorsch, und die Mönche ließen sich das später auch von Hildrich bescheinigen.“

Ungewöhnlich viele Belege

Außer Gütern in Weilheim, Bissingen und Jesingen erhielten die Lorscher Mönche noch elf namenlose Unfreie, sozusagen „das Betriebspersonal für die Güter“. Der erste Weilheimer der Geschichte, der namentlich erwähnt wird, taucht ebenfalls im Lorscher Codex auf: 814 - im Todesjahr Kaiser Karls des Großen - geht ein Weilheimer „servus“ namens „Benzo“ aus dem Besitz eines Regismund in den Besitz des Lorscher Klosters über. Insgesamt gibt es zwischen 769 und 814 acht Urkunden, die sich explizit auf Weilheim beziehen. Grund genug für Steffen Patzold, den Weilheimern zu gratulieren - zu einem besonders frühen Erstbeleg und zu einer hohen Dichte von Belegen: „Das ist für diese Zeit sehr ungewöhnlich.“

Steffen Patzold zeigt in der Peterskirche den wichtigen Ausschnitt aus dem Lorscher Codex - den Ausschnitt, in dem erstmals der
Steffen Patzold zeigt in der Peterskirche den wichtigen Ausschnitt aus dem Lorscher Codex - den Ausschnitt, in dem erstmals der Name „Wilheim“ (kleines Bild) auftaucht.Fotos: Markus Brändli

Drei Vorträge zur Geschichte Weilheims

Die Vortragsreihe zur Weilheimer 1250-Jahr-Feier hat Kreisarchivar Manfred Waßner konzipiert. Zum Auftakt sprach Professor Dr. Steffen Patzold von der Universität Tübingen über die Urkunde von 769.

Am 4. Juni kommt Professor Dr. Thomas Zotz (Universität Freiburg) an die Limburg. Sein Thema lautet „Ein Schlüssel zu Weilheims Geschichte: Die Zähringer“.

Am 24. Oktober gibt es gleich drei Themen und somit auch drei Referenten. Dr. Georg Wendt spricht über „Die Affäre Schultheiß. Ein Weilheimer Skandal vor 450 Jahren“, Tilmann Marstaller über „Die Rätsel der Peterskirche, die Habsburger und Weilheimer Traditionen“ und Manfred Waßner über „Den Wein gemischt, das Vieh geschlachtet: Das Kloster Sankt Peter und seine Güter in Weilheim“.

Die Vorträge in der Peterskirche beginnen jeweils um 19.30 Uhr.vol