Weilheim und Umgebung

Bunte Vielfalt statt grüner Maiswüste

Ökologie Von wegen öde Agrarmonotonie. Es geht auch anders, wie Hans Ederle auf einem Feld zwischen Bissingen und Weilheim mit einem bunten Farbklecks zwischen den Äckern ausdrucksvoll unter Beweis stellt. Von Iris Häfner

Hans Ederle vor seinem blühenden Feld, das Insekten und Biogasanlagen Nahrung bietet.  Fotos: Carsten Riedl
Hans Ederle vor seinem blühenden Feld, das Insekten und Biogasanlagen Nahrung bietet. Fotos: Carsten Riedl

Die letzten Weizenfelder sind abgeerntet, der Mais dominiert derzeit die Agrarlandschaft. Ein Acker steht jedoch in voller Blüte und trotzt dem Einheitseinerlei. Weit leuchten die gelben Sonnenblumen und ragen in den wolkenlosen Himmel, daneben wetteifern lila Malven und blauer Boretsch um die Farbenhoheit. „Vonseiten der Wirtschaftlichkeit betrachtet ist es keine sinnvolle Maßnahme“, sagt Hans Ederle, der eines seiner Felder mit einer bunten Blumenmischung statt mit Mais eingesät hat. Stolz ist er trotzdem auf seine Arbeit. Immerhin: Das Saatgut für diese Fläche hat er umsonst bekommen, denn er beteiligt sich an dem Projekt „Bienenstrom - Biosphärengebiet Schwäbische Alb“. Das haben die Stadtwerke Nürtingen, das Biosphärengebiet, der Fachverband Biogas und der Deutsche Berufs- und Erwerbs-Imker Bund ins Leben gerufen. Geerntet wird nach dem Blühen, „gefüttert“ werden damit die Biogasanlagen. Der Wermutstropfen: Der Ertrag ist geringer als bei Mais.

Anzeige

„Woher kommt das Artensterben?“, fragt sich nicht nur Hans Ederle. Der Maisanbau allein kann es seiner Ansicht nach nicht sein, zumal in der kleinparzelligen Landschaft rund um die Teck. Für 30 Euro für wenige Tage nach Mallorca zu fliegen ist für ihn ebenfalls eine mögliche Ursache. „Was die Düsenaggregate vorne reinsaugen, kommt hinten geschreddert wieder raus“, sagt er. Auch die Funksignale, die sich wie ein Spinnennetz über die gesamte Landschaft erstrecken, seien bezüglich des Insektensterbens noch nicht erforscht.

Der Landwirt aus Überzeugung sorgt deshalb bewusst für eine Auflockerung auf den Feldern, auch mit bunten Ackerrandstreifen. Auf Insektizide verzichtet er mittlerweile komplett, aus diesem Grund pflanzt er keinen Raps mehr an, auch wenn die gelben Blüten eine wahre Bienenweide sind. Dafür im Portfolio ist jetzt die Biogasmischung, die eine hessische Saatgutfirma herstellt und die rund 15 heimische Pflanzensorten umfasst. „Ich habe aber noch zusätzlich Sonnenblumen reingesteckt“, verrät der Bissinger, den es sichtlich freut, dass es über seinem Acker summt und brummt. Ein Schild am Weg informiert über das Projekt, die Flyer finden Leser. Immer wieder muss Hans Ederle für Nachschub sorgen.

„Der Ökostrom, der Lebensräume für Pflanzen und Insekten schafft“, mit diesem Satz wirbt das Bienenstrom-Projekt um Kunden. Ein Cent pro Kilowattstunde ist für die Blühhilfe fällig, der an die Landwirte weitergegeben wird. Außer Hans Ederle machen noch zehn weitere Kollegen mit, die meisten auf der Alb, aber auch die Höfle GbR aus Schlierbach gehört dazu. Die Flächen sollen ein Zeichen setzen für die Artenvielfalt und gegen den leisen Tod. Zwischen den Jahren 1989 und 2015 haben Forscher in Schutzgebieten Insektenpopulationen untersucht und mussten alarmierende Zahlen veröffentlichen: Stellenweise ging der Bestand um 75 Prozent zurück. „Bienenstrom ist unsere Antwort auf das gravierende Problem des Insektensterbens in Deutschland“, so die Stadtwerke Nürtingen, die das Projekt vor einem Jahr ins Leben gerufen haben.

Mais Blühender Acker, BienenstromprojektEderleSonnenblumen
Mais Blühender Acker, BienenstromprojektEderleSonnenblumen
Mais Blühender Acker, BienenstromprojektEderleSonnenblumen
Mais Blühender Acker, BienenstromprojektEderleSonnenblumen
Mais Blühender Acker, BienenstromprojektEderle
Mais Blühender Acker, BienenstromprojektEderle

Ein neuer Star am Agrar-Himmel?

Noch unscheinbar und klein: die Durchwachsene Silphie
Noch unscheinbar und klein: die Durchwachsene Silphie

Noch sind es zarte Pflänzchen, die sich da unscheinbar zwischen den langen Maisstangen auf dem Boden auf einem Feld zwischen Bissingen und der Limburg breitmachen. Es ist die Durchwachsene Silphie, und sie ist möglicherweise der neue Star der Agrarbranche. Sie kommt ursprünglich aus den Feuchtprärien des östlichen Nordamerikas und entstammt der Familie der Korbblütler. „Sie ist eine ausdauernde und mehrjährige Pflanze, die aufgrund ihrer großen Biomasseproduktion als Energiepflanze angebaut werden kann“, ist über sie in Wikipedia zu lesen.

Silphie hat also das Zeug, dem Mais den Rang abzulaufen, da sie nicht jedes Jahr aufs Neue ausgesät werden muss. Hans Ederle startete heuer auf einem rund ein Hektar großen Feld einen Versuch. Weil im ersten Jahr der Wuchs noch bescheiden ist, hat er sie zwischen den Maisreihen als Unterkultur ausgesät. Kommt in ein paar Wochen der Mähdrescher, wird auch Silphie mitgeerntet, wenn auch noch als eher spärliches Grünzeug. Im nächsten Jahr dreht sie jedoch mächtig auf, bis zu drei Meter hoch kann sie werden. Mancherorts sind die Erträge sogar höher als beim Mais, sodass sie sich vor allem für die Produktion von Biomethan eignet. „Als Viehfutter ist Silphie wohl nicht geeignet, die Tiere fressen sie nicht so gerne“, konnte der Bissinger in Erfahrung bringen.

Düngen muss Hans Ederle seine Silphie zwar auch, allerdings ist kein Pflanzenschutz nötig, weshalb die Pflanze als klima- und umweltschonende Alternative zum Mais gilt. Weiterer Vorteil: Sie blüht von Juli bis September und die Äcker sind damit eine Insektenweide. ih