Weilheim und Umgebung

Dankbarkeit und Freude über das Leben

Aschura-Fest im Bürgerhaus in Weilheim – Besonderheit ist die Zubereitung der Aschura-Suppe

Die türkische Frauengruppe „Güldeste“ hat jüngst in Weilheim zum Aschura-Fest ins Bürgerhaus eingeladen. Seit rund fünf Jahren bereichert die Veranstaltung, zu der auch Nicht-Muslime eingeladen sind, das kulturelle Leben in der Gemeinde. Etwa 150 Besucher kamen in die Mörikestube.

Dankbarkeit und Freude über das Leben
Dankbarkeit und Freude über das Leben

Weilheim. Aschura, das sich vom arabischen Wort aschara ableitet und zehn bedeutet, wird am zehnten Tag des Monats Muharram gefeiert, also zehn Tage nach dem islamischen Neujahr. Viele Überlieferungen und Legenden ranken sich laut Kübra Kisa um diesen Tag. „An ihm soll unter anderem die Schlacht von Kerbela stattgefunden haben, die Errettung der Arche Noah und der Israeliten vor der Armee des ägyptischen Pharao“, erzählte Kisa. „Aber auch die Errettung Abrahams, als er von Nimrod ins Feuer geworfen worden war, wird mit diesem Tag ebenso in Verbindung gebracht wie die Überlieferung, dass Adam und Eva am zehnten Muharram zusammenkamen.“ Die Ereignisse, die an Aschura stattgefunden haben sollen, variieren mit dem kulturellen Hintergrund der Muslime, betonte Küb­ra Kisa, die in Tübingen Islamische Theologie studiert.

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Wer an Aschura denkt, hat meist sofort die Bilder von blutüberströmten Menschen vor Augen, die sich selbst den nackten Rücken geißeln oder mit einem Schwert Wunden in die Stirn schlagen – diese Riten, die zu den Passionsspielen gehören, die schiitische Muslime zu Ehren des Martyriums des dritten Imams Husain Ibn Ali zelebrieren, der in der Schlacht bei Kerbela ums Lebens kam, erklärte Kübra Kisa. Allerdings seien diese Riten in vielen Ländern verboten, und nicht wenige Religionsgelehrte würde sie ablehnen. „Im Islam ist es verboten, sich selbst Schaden zuzufügen oder zu verletzten“, fuhr Kisa fort. „Neben den Passionsspielen vollziehen die Schiiten Prozessionen, geben Erzählungen wieder, halten Ansprachen ab und bezeugen durch Klagen, Weinen und Selbstgeißelung öffentlich Trauer und Buße.“ Darüber hinaus würden schiitische Frauen an Aschura schwarze Kleidung tragen, und viele Mitglieder dieser islamischen Glaubensrichtung würden eine Wallfahrt nach Kerbela zu Husains Grabmoschee unternehmen.

Die Sunniten hingegen begehen Aschura völlig anders, betonte Fatma Kisa. „Wir trauern zwar auch, aber nicht in dem Ausmaß wie die Schiiten“, erzählte sie. „Bei uns dominieren Dankbarkeit und die Freude über das Leben.“ Eine Besonderheit an Aschura sei die Zubereitung der Aschura-Suppe. „Die gibt es nur bei türkischen Muslimen“, berichtete Fatma Kisa. „Um die Erlösung von der Sintflut zu feiern, kochte Noah aus den restlichen Lebensmitteln, die er noch auf der Arche fand, eine süße Suppe.‟ Deshalb hatte die türkische Frauengruppe „Güldeste“ an diesem Tag gegen neun Uhr damit begonnen, die traditionelle Aschura-Suppe zuzubereiten. „Sie besteht aus mindestens sieben Zutaten“, verriet Fatma Kisa. „Sesam, Weizen, Rosinen, Granatapfel, Kichererbsen, Aprikosen, Nüsse und Zucker haben wir kiloweise eingekauft und daraus das Festessen zubereitet.“

Etwa 150 Personen, die zwischen 14 und 18 Uhr das Weilheimer Bürgerhaus besuchten, kamen in den Genuss der Aschura-Suppe, die nur einmal im Jahr auf den Tisch kommt. „Das, was vom Essen übrig bleibt, wird in der Regel an Freunde oder Nachbarn verteilt“, so Fatma Kisa weiter. Im Mittelpunkt des Aschura-Festes stand der Dialog zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen. Erika Jahke vom Seniorenforum, an das die türkische Frauengruppe angeschlossen ist, bedauerte, dass die Zahl der Nicht-Muslime, die bei der alljährlichen Veranstaltung eingeladen seien, eher gering ausfalle. „Diejenigen, die in der Vergangenheit am Aschura-Fest teilgenommen haben, waren aber durchweg begeistert“, so Jahke. „Es trägt dazu bei, Berührungsängste abzubauen und den Austausch zu fördern.“‟

Die vor rund fünf Jahren gegründete Frauengruppe „Güldeste“ organisiere aber nicht nur das Aschura-Fest. „Die Gruppe trifft sich jeden Mittwoch in den ungeraden Wochen von 19 bis 22 Uhr im Bürgerhaus“, berichtete Erika Jahke. „Es wurden schon Nähkurse und Ausflüge angeboten. Mit den Landfrauen zusammen kocht ‚Güldeste‛ auch immer wieder.“ Die türkische Frauengruppe sei für neue Kooperationen immer offen. „Vor Kurzem wurde ich von einer der Frauen gefragt, ob ich mit ihr zusammen Walken gehe“, erzählte Jahke, die von der Eigen­initiative und Aufgeschlossenheit der Frauen mit türkischen Wurzeln begeistert ist.

Die türkische Frauengruppe „Güldeste“ lud zum Aschura-Fest ins Weilheimer Bürgerhaus ein. Foto: Daniela Haußmann
Die türkische Frauengruppe „Güldeste“ lud zum Aschura-Fest ins Weilheimer Bürgerhaus ein. Foto: Daniela Haußmann