Weilheim und Umgebung

Das geistliche WortGeschenktes Leben

Welche elementare Wucht Wasser entwickeln kann, das erleben Menschen seit einer Woche in Württemberg, in Bayern, an vielen Orten. Sturzfluten, die ganze Dörfer überfluten, Autos und Häuser wegspülen. Ohne Chance waren Menschen, die vom Wasser überrascht oder von Wassermassen weggerissen wurden. Selbst ein Feuerwehrmann verlor sein Leben, wurde in die Tiefe gerissen, als er einen Menschen retten wollte.

Mich erinnern diese Bilder an Urgeschichten der Bibel. Sie sind keine historischen Berichte, sondern spiegeln menschliche Erfahrungen. Die Gefährdung des Lebens durch Wasserfluten, das ist ein Grundmotiv der alten Geschichte vom Schilfmeerwunder. Aber sie zielt nicht auf den Untergang, sondern auf eine befreiende Erfahrung: die wunderbare Rettung aus dem Wasser, aus einer lebensbedrohlichen Situation. Die Menschen des Volkes Israel auf der Flucht vor ihren Peinigern; sie finden Rettung auf dem Weg durchs Meer, das Leben wird ihnen neu geschenkt.

Diese archaische Geschichte der Rettung des Mose und des Volkes Israel aus dem Meer, auf der Flucht vor dem gewalttätigen Pharao, der mit seinem Heer in den Fluten versinkt, begleitet Menschen seit alten Zeiten. Macht ihnen Mut und Hoffnung.

Die Geschichte wiederholt sich. Heute wagen Flüchtlinge sich aufs gefährliche Meer, auf der Flucht vor Elend, Bedrückung, Krieg. Sie hoffen auf Rettung, wie sie Mose und die Israeliten erlebt haben. Sie hoffen auf ihr persönliches Wunder.

„Meine Stärke und mein Lied ist der Herr, er ist für mich zum Retter geworden.“ So singt Mose nach der Rettung aus dem Meer. Es ist der Monatsspruch für den Monat Juni (Exodus 15,2). Der Satz, mit ganzem Herzen von Mose gesungen, erinnert uns an das, was Mose erfahren hat. Er lässt uns heute mitfühlen mit denen, die wie Israel durchs Schilfmeer ihr Leben retten wollen, auf der Flucht vor Not, Unterdrückung und Gewalt, bedrängt von Militär, das sie jagt.

Das alte Lied des Mose, die Geschichte von der Rettung aus dem Meer, die von ihm und Israel erzählt wird - sie verbinden die unterschiedlichsten Menschen und geben ihnen Lebenskraft: Juden, Christen - aber auch Muslimen! Es mag Leser heute erstaunen, doch es stimmt: Die Rettung Israels am Schilfmeer vor Pharao und seinen Truppen gehört auch zu den grundlegenden Geschichten, die der Koran erzählt.

Die elementare Wucht der Wasserfluten dieser Woche erinnert uns an die archaische Erfahrung vom Schilfmeer: dass die Fluten Tod bringen – und welch Wunder das Leben ist, das uns trotz solcher Gefahr geschenkt ist.

Das Lied des Mose kann uns daran erinnern, wie Angst ums Leben und Dankbarkeit für geschenktes Leben und Rettung uns Menschen verbindet, egal ob wir Christen, Juden, Muslime sind.

Am kommenden Montag beginnt für unsere muslimischen Mitbürger der Ramadan mit seinen festlichen Abenden, der Menschen beim Fastenbrechen zusammenbringt. Auch Flüchtlinge sind dabei, wenn abends in der Moschee gemeinsam gegessen wird. Und alle Kirchheimer Muslime laden an einem Abend wieder zum Fastenbrechen auf dem Marktplatz ein.

Geschenktes Leben, von Gott geschenktes Leben, das verbindet uns als Menschen - über Grenzen von Religion und Weltanschauung hinweg.

Pfarrerin Frida Rothe

Evangelische Kirchengemeinde Gutenberg und Schopfloch

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