Weilheim und Umgebung

Das geistliche WortVerblüffend anders

Mein Freund Michael verblüfft mich immer wieder. Obwohl ich ihn schon lange kenne, überrascht er mich oft damit, dass er anders reagiert, als ich es erwarte. Wenn ich mal wieder zu spät zum vereinbarten Treffpunkt komme, empfängt er mich total herzlich und erwähnt meine Verspätung mit keiner Silbe, während ich eine Standpauke oder zumindest eine spitze Bemerkung erwartet hatte. Oder wenn wir gemeinsam im Restaurant sind und der Ober zum wiederholten Mal unsere Bitte um die Rechnung überhört hat, dann lehnt sich mein Freund gelassen zurück, strahlt mich an und sagt: „Wie schön, dass wir uns noch ein Weilchen länger miteinander unterhalten können!“ Andere hätten schon längst lautstark gerufen oder wären aufgebracht zum Tresen gegangen, aber Michael nicht.

Verblüffend anders zu reagieren, ist ein Kennzeichen von Christen. Oder sollte es zumindest sein. Der Apostel Paulus hat den Christen in Rom geschrieben: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem!“ Wer in Jesus Christus seinen Halt und seinen Frieden gefunden hat, der muss nicht mehr mitmachen beim allgemeinen Missmut, der einem an allen Enden entgegenschlägt. Der kann den verschlafenen oder gar feindseligen Blicken morgens in der S-Bahn ein fröhliches Lächeln entgegensetzen. Der kann dem anstrengenden Nachbarn im Mehrfamilienhaus, der alle mit seiner Kontrollsucht tyrannisiert, freundlich den Mülleimer mit zur Abfuhr rausstellen. Der kann in der Kaffeepause, wenn alle sich mal wieder über eine komische Kollegin auslassen, von den guten Seiten jener Dame berichten.

Aus uns selbst heraus schaffen wir das nicht einfach so. Doch mit Jesus gelingt es immer besser. Denn auch er geht verblüffend anders mit uns um. Er liebt uns einfach nur, trotz unserer Macken. Und er macht uns Mut, auch unseren Mitmenschen verblüffend anders zu begegnen.

Ekkehard Graf Pfarrer in Owen

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