Weilheim und Umgebung

Das Karussell steht immer noch still

Wirtschaft Die Schausteller-Familie Franck aus Bissingen demonstriert heute mit rund 1000 Kollegen in Stuttgart für eine Wiederbelebung der Volksfeste. Seit fast fünf Monaten ist ihr Umsatz gleich null. Von Thomas Zapp

Die Töchter Anna und Lara mit Freund Edmund auf der Leiter sowie Marion und Doreen Franck lachen die Sorgen weg. Foto: Jean-Luc
Die Töchter Anna und Lara mit Freund Edmund auf der Leiter sowie Marion und Doreen Franck lachen die Sorgen weg. Foto: Jean-Luc Jacques

Normalerweise wäre Doreen Franck in diesen Tagen auf dem Weg vom Seehasenfest in Friedrichshafen zum Sommerfest in Urach, um dort gebrannte Mandeln zu verkaufen und Jung und Alt Bälle oder Pfeile werfen zu lassen. Doch die Feste finden nicht statt, so wie alle Volksfeste, Schützenfeste, Kirben und Kirmes während der Corona-Krise. Die sind aber die Geschäftsgrundlage für die 56-jährige Bissingerin und ihre Familie. Für die Schausteller herrsche ein „Berufsverbot“, meint sie. Deswegen ist sie heute mit ihrer Mutter Marion und den Töchtern Anna, Lara und deren Freund Edmund mit 1000 weiteren Schaustellern auf der Demonstration in Stuttgart, die unter dem Motto „Das Karussell muss sich weiterdrehen“ mit einem Wagen-Korso auf dem Wasen beginnt und mit einer Kundgebung in der Innenstadt endet. Sie fordern Lockerungen der Auflagen, wie man es für Freibäder oder Einkaufszentren gemacht hat.

„Dort haben sich viele Politiker angekündigt“, sagt Doreen Franck. Reden hat sie auch schon bei den beiden Demonstrationen in Berlin und München gehört. „Aber wenn die vom Podium herabsteigen, haben sie uns vergessen“, glaubt sie. Die Bissingerin führt in sechster Generation ein Fahrgeschäft der „Schaustellerbetriebe Franck“, ihre Mutter Marion ist auch mit 75 noch dabei, hat sogar einen eigenen Stand. Die Saison geht für die Familie Franck normalerweise von Anfang Februar bis zum Ende des Stuttgarter Weihnachtsmarkt am 23. Dezember, sie beschickt bundesweit 21 Veranstaltungen von Basel bis Wanne-Eickel, manchmal bis zu drei Wochen. Aber in diesem Jahr herrscht seit dem Märzenmarkt in Kirchheim Zwangspause. Die Soforthilfen verschlingen die Versicherungen. Außerdem hatte die quirlige Mittfünfzigerin erst im Winter in ihre Wagen investiert, sie neu gestrichen und beklebt, neue Elektrik eingebaut. Dann hat sie Haus und Garten aufgeräumt. „Der Keller war noch nie so ordentlich“, sagt sie lachend. Der Humor kann die Verzweiflung aber nur sporadisch verdrängen. „Hundert Prozent Umsatzeinbußen“ hat sie seit März zu beklagen und Signale, wie es weitergehen soll, haben sie und ihre Berufskollegen noch nicht bekommen. Bis Ende Oktober sind Großveranstaltungen untersagt, die ersten Weihnachtsmärkte sind bereits abgesagt, Stuttgart allerdings noch nicht. „Es gibt ein fertiges Konzept vom Schaustellerverband, in Düsseldorf und Dortmund finden erste Veranstaltungen statt“, sagt Doreen Franck. Sie sehen Zugangsbeschränkungen vor, Desinfektionsstände und weniger Schausteller, Eintrittskarten gibt es im Vorverkauf. „Pop-up-Freizeitparks“ nennen das Konzept einige Veranstalter. Es wäre ein kleiner Anfang, aber immerhin käme etwas Geld in die Kassen. Es ist momentan der einzige Hoffnungsschimmer am grauen Schaustellerhimmel.


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