Weilheim und Umgebung

Das stille Glück des Kundigen

Pilze Im Wald ist der Tisch reich gedeckt. Die feuchtwarme Witterung in diesem Sommer beschert Sammlern und Feinschmeckern ein Ausnahmejahr. Von Bernd Köble

Pilze Sammeln mit Hans Jörg Wald Herbst
Pilze Sammeln mit Hans Jörg Wald Herbst

Im Himmel riecht es nach Rinde, Moos und feuchter Erde. Behutsam setzt Hans-Jörg Schmid einen Fuß vor den anderen, den Blick konzentriert auf den Waldboden gerichtet. Hin und wieder suchen die Augen Halt im Gelände. Licht und Schatten wechseln sich ab, ein umgestürzter Stamm, eine auffällige Senke - Erkennungsmerkmale, die signalisieren: Hier sind wir richtig. „Dort drüben“, sagt er bestimmt „da werden wir Pfifferlinge finden.“

Hans-Jörg Schmid hat nicht zu viel versprochen. Unterm saftigen Gras, das zwischen Büschen und Geäst hier den Boden bedeckt, haben die trichterförmigen Hüte nach dem Regen des Vortags einen Weg ans Licht gefunden. Mal eher blass, mal dottergelb, mal majestätisch hochragend, mal winzig und versteckt. Nachdem sich das Auge ans Muster gewöhnt hat, ist klar: Hier wimmelt es von Pfifferlingen.

Himmlisch im wahrsten Sinne zeigt sich der Sommer 2019 aus der Sicht von erfahrenen Pilzsammlern. Röhrlinge, Täublinge, Seitlinge, Pfifferlinge und Steinpilze - selten waren Angebot und Vielfalt im Wald größer als in diesem Jahr. Hans-Jörg Schmid kennt an seinem Wohnort in Owen ein jeder, als geselligen Vereinsmenschen, als Stimmenkönig im Gemeinderat. Einer, von dem man im Städtle behauptet, er höre das Gras wachsen. An seinen Lieblingsplätzen im Talwald zwischen Owen und Nürtingen weiß Schmid vor allem, wo zu passender Zeit die Pilze aus dem Boden schießen. „Hier unten“, meint er und setzt sein breitestes Grinsen auf, „bin ich mit jedem Baum per Du.“

Sammler sind verschwiegen

Pilze sammelt Hans-Jörg Schmid seit mehr als drei Jahrzehnten. Manche Orte hat ihm noch der Vater gezeigt, andere hat er sich selbst erschlossen. Jede Art hat ihren eigenen bevorzugten Lebensraum oder lebt in Symbiose mit anderen Pflanzen. Wissen, das jeder Sammler für sich behält, denn die Konkurrenz ist zahlreich und schläft nicht. In diesem Sommer sind Revierkämpfe selten. Er könne sich nicht erinnern, sagt Schmid, ein ähnlich üppiges Wachstum jemals zuvor erlebt zu haben. „Das ist, wie wenn der Bär Lachse fängt.“ Während er erzählt, kratzt er sorgfältig mit der Klinge seines Klappmessers Erdkruste vom dicken Stiel eines makellosen Steinpilzes. Seine Augen leuchten. Ein Prachtexemplar, entdeckt nur wenige Schritte entfernt von der Straße, auf der die Berufspendler an diesem Morgen achtlos vorbei rasen.

Ungewöhnlich ist das nicht, weiß Richard Höhn, der Leiter des Forstreviers in Nürtingen. Vor allem Steinpilze zeigen sich häufig wie auf dem Präsentierteller. Man findet sie direkt an Wegen oder am Waldsaum entlang stark befahrener Straßen. „Wo sich Eichen und Buchen treffen, gibt es Steinpilze“, sagt Höhn. „Man braucht halt den Blick dafür.“ Von Berufs wegen begegnet der Forstmann der Sammelleidenschaft eher mit Skepsis, auch wenn bei ihm zu Hause regelmäßig in der Pfanne landet, was der Wald aufgetischt hat. Wer sich nicht auskennt, sollte die Finger von Pilzen lassen, nicht nur im eigenen Interesse. „Manche Leute sind völlig hemmungslos“, weiß Höhn aus Erfahrung. „Da wird alles abgerupft, was sich findet, um sich hinterher beraten zu lassen.“

Für Hans-Jörg Schmid hat sich der Streifzug heute gelohnt. Im Korb liegen Steinpilze, Pfifferlinge und Lungenseitlinge, die auf Totholz gedeihen und dem Austernpilz ähneln. Darüber ein Kranz grafitgrauer Herbsttrompeten, die sich vor allem zum Trocken eignen. Das meiste davon kommt sofort auf den Tisch, denn Pilze dulden wenig Aufschub. „Etwas Butter und Petersilie“, mehr braucht es nicht“, sagt Schmid. Manchmal ist der Himmel ganz nah.

Ein Foto wie ein Gemälde: Im gedämpften Sonnenlicht unterm Blätterdach hat sich ein Trio aus Rotfußröhrlingen auf dem feuchten W
Ein Foto wie ein Gemälde: Im gedämpften Sonnenlicht unterm Blätterdach hat sich ein Trio aus Rotfußröhrlingen auf dem feuchten Waldboden breitgemacht.

Verein berät in Zweifelsfällen

Offizielle Beratungsstellen für Pilzsammler gibt es kaum. Die Pilzfreunde Stuttgart bieten am Montagnachmittag ab 16.30 Uhr in unregelmäßigen Abständen kostenlose Termine in der Stuttgarter Markthalle an. Darüber hinaus veranstaltet der Verein auch im Kreis Esslingen seit 50 Jahren Pilzführungen im Wald. Die Nachfrage ist enorm. 2019 sind sämtliche 16 Termine bis Dezember ausgebucht. Informationen des Vereins finden sich online unter www.pilzfreun.de. Von der Verwendung von Smartphone-Apps zur Pilzbestimmung raten Experten ab. Seit es die Apps gibt, ist die Zahl der Vergiftungsfälle drastisch gestiegen.bk

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