Weilheim und Umgebung

Dem guten Geschmack auf der Spur

Premierenlesung des neuen Romans von Petra Durst-Benning

Ein Auftakt mit einem Paukenschlag: Rundum gelungen ist die Premierenlesung mit Petra Durst-Benning in der Weilheimer Limburghalle. Wie ein roter Faden zog sich der Titel des Romans „Kräuter der Provinz“ durch den Spätnachmittag – die realen kulinarischen Schätze der Region inklusive.

SWR-Moderator Martin Seidler beim Gespräch mit der Autorin Petra Durst-Benning. Foto: Deniz Calagan
SWR-Moderator Martin Seidler beim Gespräch mit der Autorin Petra Durst-Benning. Foto: Deniz Calagan

Weilheim. Sichtlich wohl fühlte sich SWR-Moderator Martin Seidler, bekannt durch die Fernsehsendung Kaffee oder Tee, in Weilheim. Schon im Vorfeld der Lesung schlenderte er durch das Genießerdorf mit seinen Leckereien und trat bestens gelaunt auf die Bühne, um mit Petra Durst-Benning über ihren neuesten Roman „Kräuter der Provinz“ zu plaudern. „Es ist der erste zeitgenössische Roman der First Lady des historischen Romans“, stimmte er die Gäste in der voll besetzten Limburghalle auf die nächsten Stunden ein und wollte sogleich wissen, ob solch ein kompletter Genre-Wechsel nicht ein großes Risiko berge. „Ich habe meinen Lesern und Fans vertraut – und sie sind mir gefolgt“, freute sich Petra Durst-Benning. Seit drei Wochen ist der bei Blanvalet erschienene Roman um starke Frauen 40+ in den Buchhandlungen ausgelegt und steigt seitdem stetig in der Bestseller-Liste nach oben.

Dass die Autorin sichtlich Spaß am Geschichtenerzählen in der Gegenwart hat, ist auf jeder Seite spürbar. Zum einen will sie ihre Leser gut unterhalten, zum anderen aber auch informieren und auf Schieflagen aufmerksam machen. „Wer will, soll weiterhin auf dem Land leben dürfen und können“, sagte sie. In ihrem Roman zeigt sie den strukturellen Wandel auf, dem ländliche Gebiete zurzeit ausgesetzt sind. Kaum junge Menschen wollen bleiben, wodurch es immer schwieriger wird, Infrastruktur aufrechtzuerhalten: immer weniger Busse fahren, Läden und Gaststätten schließen ihre Pforten, ebenso Schulen und Kindergärten. „In meiner Geschichte kämpfen die Leute um ihr Dorf“, erzählt Petra Durst-Benning.

Wie realistisch ihre Geschichte denn eigentlich sei, wollte Martin Seidler wissen. Der Blick auf die Marktstände samt angebotener Leckereien aus der Region sprach da schon einmal für sich. „Wer ein Lädele mit Marmelade aufmachen will, muss nicht gleich sagen: geht nicht“, machte die Autorin Mut. Baden-Württembergs Landwirtschaftsminister Bonde konnte beispielsweise für die Jahre 2014 bis 2020 EU-Fördergelder in Höhe von 1,9 Milliarden Euro für den ländlichen Raum sichern. „Es gibt 16 Förderprogramme, eines davon heißt ‚Innovative Maßnahmen für Frauen im Ländlichen Raum (IMF)‘, doch es wird kaum nachgefragt“, erfuhr sie bei ihren Recherchen zum Buch, die sie auch ins württembergische Allgäu führten. Bei dieser Reise mit ihrer Mutter blieb sie nicht unerkannt – und das ausgerechnet in der hoteleigenen Sauna nach anstrengender Recherche. „Gell, Sie sind die Frau Durst-Benning. Wir sind nämlich aus Stuttgart und kennen Sie“, habe es plötzlich neben ihr ertönt, verrät sie lachend. Auch ihre Lieblingsfigur im Roman, nach der Martin Seidler gefragt hatte, gab sie preis: „Ich habe schon immer eine große Leidenschaft für meine Nebenfiguren, die gestalte ich mit Ecken und Kanten. Unter anderem, weil er immer übersehen wird, mag ich den Metzger Edi so sehr.“

Auch bei ihrer Lesung plauderte sie immer wieder aus dem Nähkästchen und ließ ihre Zuhörer am Entstehungsprozess einer solchen teilhaben. Im Raum stand etwa eine Reise nach Maierhofen oder die Vorstellung der Protagonisten. „Dann aber habe ich beschlossen, mich auf eine Frau zu fokussieren, die nicht mal aus Maierhofen kommt – quasi nach dem Motto: Eine Kette ist immer nur so stark wie das schwächste Glied.“ Und so beginnt sie die Lesung singend mit Happy birthday. Greta Roth, hochdekorierte Werbefrau in Frankfurt, bekommt beim Morgen-Caramel-Macchiato von ihrer Freundin ein Geburtsständchen zum 44. in der Café-Bar gesungen. Dieser Tag wird zum Wendepunkt ihres Lebens, bei dem das Diätprodukt Stardust eine nicht unwichtige Rolle spielt. Dabei handelt es sich um ein (angeblich) geruchsneutrales Pulver, das über sämtliche Speisen gestreut wird, dann eine schleimige Konsistenz auf der Speise annimmt und dem hungrigen Esser nach wenigen Bissen den Appetit verdirbt – und für das Gretas Agentur die Werbekampagne samt Riesen-Etat an Land gezogen hat. „Wer nun denkt, was hat sich die Durst-Benning da wieder ausgedacht, der irrt. In einem Shopping-Kanal wurde 2013 genau solch ein Produkt angepriesen – und das war der Moment, als ich beschlossen habe, einen Gegenwartsroman zu schreiben“, erzählt Petra Durst-Benning, bekennende Genießerin.

Gemeinsame Sache Genießerdorf

Neues ausprobieren - sich beispielsweise mal an Ziegenkäse wagen - ein gutes Tröpfchen genießen und mit Erzeugern oder dem Nachb
Neues ausprobieren - sich beispielsweise mal an Ziegenkäse wagen - ein gutes Tröpfchen genießen und mit Erzeugern oder dem Nachbarn plaudern, diese Möglichkeit bot das Genießerdorf in der Limburghalle. Foto: Deniz Calagan

Weilheim. Während die einen magisch von den Pralinen angezogen wurden, steuerten die anderen zielsicher die Stände mit den guten

Tröpfchen an. Davon gab es gleich mehrere – vom bodenständigen Most über die Limburg-Weine samt Täles-Secco bis hin zu Hochprozentigem wie Edelbrände und Schwäbischer Whisky. Holzofenbrot, Nudelkreationen, Kartoffeln und Mehl fanden ebenso ihre interessierten Käufer wie Walnussöl, Ziegenkäse und -wurst, Honig, Marmelade und Wurstwaren. Damit die Gäste sich zurechtfanden, gab es einen Einkaufsführer, der alle Marktbeschicker samt ihrer Angebote auflistete. Viele Besucher nutzten die Möglichkeit, mit den Erzeugern ins Gespräch zu kommen und so mehr über Herkunft und Verarbeitung der angebotenen Lebensmittel zu erfahren. Und natürlich durften Kräuter im Genießerdorf nicht fehlen.

In „Kräuter der Provinz“ von Petra Durst-Benning geht es darum, etwas Neues zu wagen, gewohnte Pfade zu verlassen – und Träume wahr werden lassen. Die Figuren im Roman rund um Bürgermeisterin Therese nehmen dafür allen Mut zusammen und machen mit viel Schwung und Elan, neuen Ideen und (wieder-)entdecktem Selbstvertrauen aus dem verschlafenen Maierhofen im württembergischen Allgäu ein Genießerdorf – denn das ist ihre Vision. Diesem Leitgedanken folgte die gesamte Premierenveranstaltung. „Wir haben die Autorenlesung hier in Weilheim neu definiert“, sagte Petra Durst-Benning sichtlich stolz. Zum „Wir“ gehören Ellen Keller-Bitzer, Leiterin der Weilheimer Stadtbücherei, und Sandra Schöne vom Stadtmarketing Weilheim. Und so war es nur selbstverständlich, dass Moderator Martin Seidler die beiden vor Tatendrang strotzenden Frauen ans Rednerpult bat. Es war vom konspirativen Treffen der drei in einer gemütlichen Weilheimer Gaststätte zu hören. Es lieferte den Impuls, passend zum Romangeschehen ein Genießerdorf in der Limburghalle entstehen zu lassen. „Wir planen seit rund einem Jahr, sprühen vor Ideen und arbeiten Hand in Hand. Das wird nicht unsere letzte gemeinsame Veranstaltung sein“, versprach Sandra Schöne.

Das Genießerdorf war nicht nur passender Rahmen für die Lesung, sondern gleichwertiger Part. Ein liebevoll gestalteter Marktplatz, der im hinteren Teil der Limburghalle aufgebaut war, machte Lust auf den guten Geschmack und zeigte die Vielfalt ehrlich hergestellter Produkte aus der Region.

Über die Doppelpremiere freute sich auch Bürgermeister Johannes Züfle. Den vielen Durst-Benning-Fans außerhalb Weilheims stellte er kurz und prägnant sein Städtchen vor – inspiriert durch die Lektüre des Romans, in dem es um starke Charaktere geht. Auf der Suche nach dem Charakter seiner Stadt kam er auf drei „Gs“: Die Geologie verkörpert die Limburg mit ihrem harten Gesteinskern, dem Überbleibsel des einstigen Vulkans. Es folgte die Geschichte. „Wir sind Zähringerstadt und somit mit Freiburg und der schweizerischen Hauptstadt Bern verbunden“, erklärte der Schultes. Der Grund: Die Stammburg des Geschlechts, heute das Haus Baden, krönte die Limburg. Zum Schluss nannte er den Genuss. „Der hat auch ein bissle mit der Limburg zu tun. Auf der Südseite gibt es Weinberge, und die restlichen Hänge sind Streuobstwiesen“, sagte Johannes Züfle und nannte eine Zahl: Auf Weilheimer Markung stehen rund 50 000 Obstbäume, deren vielfältige Erzeugnisse reichlich Absatz fanden.

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