Weilheim und Umgebung
Dem Holocaust ein Gesicht und eine Stimme gegeben

Gedenken Mit einem Theaterstück und einer Fotoausstellung erinnern Schüler und Lehrer des Schulzentrums Wühle an die Reichspogromnacht 1938. Von Thomas Zapp

Mit einer Mischung aus Trauer und Weisheit blickt die 95-jährige Eva auf die Zuschauerinnen und Zuschauer. Die spätnachmittägliche Sonne taucht das Szenario auf dem Hof der Realschule Weilheim in ein melancholisches Licht, dem Anlass angemessen. „Auf der ganzen Welt gibt es nichts, was euch gehören würde. Nur die Hoffnung, auf die richtige Seite selektioniert zu werden“, erzählt die 16-jährige Schauspielerin Katharina vor dem überlebensgroßen Porträt der Holocaust-Überlebenden Éva Pusztai-Fahidi aus deren Kindheitserinnerungen im KZ Auschwitz-Birkenau. „Gegen das Vergessen“, so der Titel des Theaterstücks, führt das Jugendensemble des Stuttgarter Theaters „Lokstoff“ an diesem Nachmittag des 9. Novembers, dem 83. Jahrestag der Reichspogromnacht, auf. Vor den 20 Porträts von Holocaust-Überlebenden des Fotokünstlers Luigi Toscano sprechen eine Schauspielerin und ein Schauspieler Gesprächsprotokolle nach, im Wechsel mit Tonaufnahmen der reellen Personen.

Dieser dramaturgische Kniff schafft eine besondere Intimität innerhalb der Dreierkonstellation aus Zuhörern, Schauspielern und den abgebildeten Menschen. Möglich machen das Kopfhörer, die jeder Gast zuvor bekommen hat: Mit ihnen ist die Umwelt ausgeschaltet und eine Konzentration auf das gesprochene Wort erst möglich. Gesprochen wird meist leise, umso eindringlicher ist der Inhalt. Es sind die Details, die berühren: Die Puppe, die Éva vergisst, als sie mit ihrer Familie von der Gestapo abgeholt wird, die ewig lange Fahrt im Viehwaggon, der Schuh, der im Schlamm des KZ stecken bleibt und die Gedanken der erwachsenen Éva, als sie 59 Jahre später zurückkehrt an den Ort des Grauens. „Ich hatte Angst vor der Begegnung“, hört man ihre Stimme sagen. Und tatsächlich war die Rückkehr erschütternd, aber aus einem anderen Grund: „Was ich sah, berührte mich nicht. Hier bin ich nie im Leben gewesen.“ Die Wiesen blühten, es roch gut, Auschwitz war zu einer Touristenattraktion geworden. Doch sie ist trotzdem erleichtert, sich der Vergangenheit gestellt zu haben. „Ich kann nicht verstehen, wie ich 59 Jahre so gelebt habe“, hört man sie sagen. Denn erklären, schildern, vermitteln, erinnern: Das können nur noch wenige, und wie lange noch?

Auch Amira Gezow, geboren 1930 als Charlotte Siesel, bekommt eine Stimme, im Wechsel mit Schauspieler Simon. Sie erzählen im Wechsel, wie Charlotte mit ihren Eltern von Mannheim zunächst in ein Lager nach Frankreich kommt. Und die Deportation nach Auschwitz scheiterte zunächst an fehlenden Papieren. Dazu dieser Satz, der den Wahnsinn des Nazi-Horrors zusammenfasst: „Man konnte nicht zum Töten gefahren werden ohne Papiere.“ Als dann doch der Tag kam, rannte sie zu ihren Eltern an den Eisenbahnwagon und wurde von ihrem Vater wieder weggeschickt: „Du musst hierbleiben“, beschied er seiner Tochter. „Bis heute hört sie die Züge in der Nacht wegfahren und wie die Kinder in der Baracke weinten“, erzählt der Schauspieler. Charlotte überlebte, kam über Pflegeeltern in die Schweiz und zog später nach Israel, wo sie sich Amira Gezow nannte. Vier Kinder, acht Enkel und acht Urenkel hat sie heute.

Wendung um 180 Grad

Dann sorgt das Lokstoff-Ensemble für Bewegung: Die Rahmen der zwei Fotografien von Éva und Amira werden auf die Bühne auf dem Brunnen des Schulhofs gestellt, Zuschauerinnen und Zuschauer müssen sich um 180 Grad drehen. Zwei Darstellerinnen unterhalten sich: Es geht um Hunde, die getötet werden, weil sie die falsche Fellfarbe haben. Es geht um Zeitungen, die geschlossen werden, um „braunen Nachrichten“ Platz zu machen, und um Bücher, die verbrannt wurden. Die beiden Protagonistinnen zeigen zunächst Verständnis „für die Maßnahmen“. Bis ihnen klar wird: Sie selbst könnten die Nächsten sein, obwohl sie ihre Tiere mit dem „falschen“ Fall eingeschläfert haben. „Wir hätten Nein sagen müssen“, ist einer der Sätze, die hängen bleiben.  

Bei den Schülern sorgte die Aufführung für nachhaltigen Eindruck. „Man sieht Menschen, blickt ihnen in die Augen“, sagt Zehntklässler Rafael, der sowohl das Theaterstück als auch den Besuch des Fotokünstlers Luigi Toscano in Weilheim mit der Videokamera dokumentiert hat. Erschreckende Aktualität hat das Thema für Schülerin Emma: „Auf dem Brunnen des Schulhofs war ein Hakenkreuz geschmiert.“  Auch Rassismus komme vor, aber nicht immer sage man etwas zum richtigen Zeitpunkt, sagt sie. Für die federführenden Lehrerinnen Christine Lay und Maike Zeeh sind Ausstellung und Theaterstück ein Erfolg: „Das hat die Schüler sehr berührt. Weil sie nicht mit dem erhobenen Zeigefinger ermahnt werden“, sagt Christine Lay.

 

Ausstellung und Theater unter freiem Himmel

Vorstellungen für alle gibt es auf dem Schulgelände Wühle am Sonntag, 14. November. Dann tritt des Ensemble Lokstoff mit dem Stück „Erinnern für das Morgen“ in Kombination mit der Fotoausstellung um 11 und 13 Uhr auf. Karten gibt es noch bis Samstag, 13. November, in der Weilheimer Buchhandlung „Das Buch“, Obere Mühlstraße 10. Restkarten gibt es noch am Veranstaltungstag vor Ort. Bei nasser Witterung findet das Theaterstück in der Aula der Realschule statt. Es gelten die am Veranstaltungstag gültigen Regeln der Corona-Verordnung.

Die Ausstellung des Fotokünstlers Luigi Toscano, „Gegen das Vergessen“, mit 40 Porträts von Überlebenden des Holocaust ist noch bis Freitag, 19. November, auf dem Schulgelände des Bildungszentrums Wühle zu sehen. Sie ist frei zugänglich und kann kostenlos besichtigt werden. „Dem Vergessen etwas entgegensetzen“ und sich zu fragen „Wie konnte es soweit kommen?“, fordert Weilheims Bürgermeister Johannes Züfle in seiner Begrüßungsrede. Er ist stolz, dass Weilheim als Ausstellungsort in einer Reihe mit „New York, Paris, Berlin“ steht. Als „Grundlage für künftige Generationen“ sieht Robin Fehmer, Schulleiter der Realschule Weilheim, diese Art der Begegnung mit den Opfern des Holocaust. zap