Weilheim und Umgebung

Den Sinn des Amtes ausgefüllt

Ehrenbürgerschaft 36 Jahre lang war Ulrich Rieker Bürgermeister von Neidlingen, 1998 ging er in den Ruhestand. Nochmals 18 Jahre später hat ihn die Gemeinde zum Ehrenbürger ernannt. Von Peter Dietrich

Eine Eichenbank als Geschenk für die ganze Gemeinde. Platz genommen haben außer dem neuen Neidlinger Ehrenbürger Ulrich Rieker (
Eine Eichenbank als Geschenk für die ganze Gemeinde. Platz genommen haben außer dem neuen Neidlinger Ehrenbürger Ulrich Rieker (rechts) auch dessen Frau Rosemarie und Klaus Däschler.Foto: Peter Dietrich

Ein „Santo subito“ – um diesen Vergleich zu wagen – war es in Neidlingen nicht. Mit diesem Ausruf hatten die Anhänger von Papst Johannes Paul II. nach dessen Tod im April 2005 die sofortige Heiligsprechung verlangt. Üblicherweise dauert der Prozess einer Seligsprechung und einer späteren Heiligsprechung in der römisch-katholischen Kirche aber viele Jahre.

Auch die Gemeinde Neidlingen hatte sich mit ihrer Ehrung Zeit gelassen. Sie verdiene es wohl kaum, als übereilt bezeichnet zu werden, sagte Ulrich Rieker über die Ehrung und zitierte in der Reußensteinhalle vor gut 150 Besuchern die Bibel: Ein jegliches habe seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel habe seine Stunde.

Der Neidlinger Gemeinderat war sich in seinem späten Vorhaben völlig sicher: Die Entscheidung für die höchste Ehrung, die eine Kommune vergeben kann, fiel einstimmig. Sie wurde dem völlig überraschten Bürgermeister im Ruhestand Anfang August zu seinem 80. Geburtstag verkündet. Die Ehrung ist sehr selten, zuletzt kamen der Unternehmer Gottlieb Stoll und der Teckboten-Redakteur Karl Kutteruf in deren Genuss. Das war 1966 und 1996.

Bürgermeister Klaus Däschler beschrieb sich im Bürgermeisteramt als „Enkel“ von Ulrich Rieker. Der „Sohn“ wäre in diesem Fall wohl Rolf Kammerlander, Neidlinger Bürgermeister von 1998 bis 2014. Jedenfalls machte Klaus Däschler deutlich, dass die Ehrung auch Rosemarie Rieker gilt: „Ohne den Rückhalt der Familie hättest du das Amt nicht ausüben können.“

Landrat Heinz Eininger hatte, als er Bürgermeister in Kirchheim war, Rieker sechs Jahre lang als Nachbarkollegen erlebt. Er lobte Riekers „ruhige und besonnene Art“ und sein zusätzliches ehrenamtliches Engagement im Obst- und Gartenbau auf Kreis- und Landesebene und im Gemeindetag Baden-Württemberg. Es sei ihm gelungen, in einer kleinen Gemeinde bewusst Prioritäten zu setzen. „Neidlingen hat sein Gesicht verändert, aber nie verloren, das war dein Verdienst.“ Ulrich Rieker habe sein Amt mit Gewissenhaftigkeit ausgeübt, er sei schlagfertig und sei sich nicht zu schade gewesen, selbst mit anzupacken. Er sei auch außerhalb der Dienststunden im Dienst gewesen und habe sich um private Probleme gekümmert.

Umfassend gekümmert hat sich Rieker auch um Schule und Kindergarten, deshalb besangen die Kinder des Evangelischen Kindergartens Wasserschloss zur Freude aller die Sage vom Reußenstein, und die Schulkinder präsentierten einen Drachentanz. Vom Schulbau im Jahr 1965 über das 19-jährige Großprojekt „Flurbereinigung“ bis zur 1200-Jahr-Feier im Jahr 1997 reichte Däschlers schön bebilderter Rückblick auf Riekers lange Amtszeit.

Warum sie so lange war, darauf gab Pfarrerin Ute Stolz eine an den Logotherapie-Begründer Viktor E. Frankl angelehnte Antwort: Rieker sei es nicht um das Streben nach Macht gegangen, sondern darum, den Sinn seines Amtes auszufüllen. „Sonst wäre er nicht so lange Bürgermeister von Neidlingen geblieben.“

Für die Neidlinger Vereine sprach Dr. Wolfgang Jaschinski. Er erinnerte daran, dass die Seniorengymnastik, an der Ulrich Rieker nach Möglichkeit teilnimmt, nur die Hälfte der in Riekers Amtszeit gebauten Reußensteinhalle nutzt: „Du wolltest eigentlich gar nicht so eine große Halle.“ Er übereichte Rieker Gutscheine für Pedelec-Touren und einen lokalen Spezialitätenkorb. Ganz lokal waren auch die Spezialitäten, die die Gemeindeverwaltung beim Gasthaus Lamm für das gemeinsame Abendessen bestellt hatte.

Um das Geschenk der Gemeinde für Rieker auf die Bühne zu tragen, brauchte es zwei Mann: Es ist eine lange Holzbank mit Gravur auf der Rückenlehne. Für einen so beständigen Bürgermeister wollte Däschler ein beständiges Geschenk: „Die Bank ist aus Eiche und hält 100 Jahre“. Ihr Platz soll vor dem Neidlinger Rathaus sein.

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