Weilheim und Umgebung

Der Hirsch spielte eine zentrale Rolle

Serie Das Weilheimer Gasthaus und sein Bierkeller lockten einst zahlreiche Gäste an. Später wurden dort Kriegsgefangene untergebracht. Davon zeugt auch ein Originalbrief. Von Bianca Lütz-Holoch

Das Gasthaus Hirsch war einst Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens in Weilheim. In der Wirtschaft traf man sich, im Saal wurden Kulturveranstaltungen ausgerichtet. Eine eigene Brauerei gehörte ebenso zu der Gaststätte wie ein Bierkeller und eine Eisfabrik zum Kühlen des Bieres. Das war bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts so, wie im Weilheimer Heimatbuch „Die Geschichte der Stadt an der Limburg“ zu lesen ist. Zu den Hochzeiten des Hirsch führt auch der gesamte Verkehr an der Gaststätte vorbei - die übrigen Durchgangsstraßen waren um die Jahrhundertwende noch nicht ausgebaut.

Mit den weltpolitischen Ereignissen änderte sich auch die Rolle der Gaststätte in der Marktstraße. „Über die Kriegszeit war das Haus mit Kriegsgefangenen aus verschiedenen Nationen gefüllt, die in der Weilheimer Landwirtschaft arbeiten mussten“, berichtet der Weilheimer Stadtführer Wilhelm Braun. Er hat sich in die Geschichte der Weilheimer Gastwirtschaften eingearbeitet und bereits zwei Führungen zu dem Thema angeboten.

Zuletzt ist er im Staatsarchiv Ludwigsburg auf einen Originalbrief aus dem Jahr 1946 gestoßen, der eben jenes Kapitel des Hirsch dokumentiert. Verfasst ist das Schreiben in französischer Sprache und stammt von einem Kriegsgefangenen, der fünf Jahre in Gefangenschaft in Weilheim verbracht hat. „Er war wie viele andere auch im Hirsch untergebracht und arbeitete tagsüber in der Landwirtschaft“, erläutert Wilhelm Braun. Adressat war der damalige stellvertretende Bürgermeister, der im Zuge der Entnazifizierung offenbar um den Brief gebeten hatte. „Es freut mich, Ihnen schreiben zu können, dass Sie immer sehr gut zu uns waren und alles getan haben, was Sie konnten, damit wir es angenehm haben“, heißt es in dem Dokument. So habe man stets die Versorgung der Gefangenen sichergestellt und es ihnen auch ermöglicht, den Hof zu wechseln, als es ihnen an ihrer Arbeitsstelle nicht gut ging.

„Nach Kriegsende wohnten dann viele Heimatvertriebene und Flüchtlinge im Hirsch“, weiß Wilhelm Braun. 1966 wurde die Gaststätte an einen Griechen verpachtet. 1984 pachtete Konstantinos Kiriakidis, ebenfalls ein Grieche, den Hirsch und kaufte das Haus im Jahr 2009. Er führt die Gastwirtschaft bis heute.

Die Anfänge des Hirsch reichen unterdessen bis ins Jahr 1805 zurück. Als erster Wirt der Schildwirtschaft schriftlich belegt ist Jacob Heinrich Bauer. Von 1838 an gehörte laut Weilheimer Heimatbuch auch der Bierkeller in der Häringer Straße zum Gasthaus Hirsch. Der Hirschkeller galt als beliebtes Ausflugsziel an Sonn- und Feiertagen. Viel genutzt wurde offenbar auch die Kegelbahn, die allerdings 1853 von einem Hochwasser weggeschwemmt wurde. „Ab dem Jahr 1969 wurde der Bierkeller vom Besitzer Karl Schuhmacher nur noch an den Wochenenden betrieben“, blickt Wilhelm Braun zurück. Ende der 70er-Jahre sei er dann ganz eingestellt worden.

Über die Serie „Alte Gastwirtschaften“

Serie Für eine Stadtführung hat Wilhelm Braun rund ums Thema „alte Gaststätten in Weilheim“ recherchiert. Einige dieser Wirtschaften stellt der Teckbote in einer Serie vor.

Quellen Als Basis dienen Informationen aus Archiven und Chroniken. Vieles ist aber auch mündlich überliefert und entstammt Gesprächen mit Nachkommen der ehemaligen Gaststättenbesitzer und Erinnerungen ortskundiger Bürger. Die Artikel der Serie sind deshalb nicht mit wissenschaftlichen Arbeiten gleichzusetzen.

Kontakt Wer weitere Informationen zu alten Gaststätten in Weilheim hat, kann unter 0 70 21/97 50-22 gerne telefonisch Kontakt mit der Redaktion aufnehmen.bil

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