Weilheim und Umgebung

Der Karlestag beweist: Karl war Kult

Karlesverein Am 28. Januar ist Namenstag für Karl. Die Neidlinger haben diesen Tag besonders gefeiert: Im Jahr 1965 wurde ein „Karlesverein“ gegründet. Von Peter Dietrich

Immer mehr moderne Namen, immer wenige Karle im Ort? Damit wollten sich anno 1965 einige Neidlinger Träger dieses Namens nicht abfinden. Sie wollten diesem Namen wieder zu mehr Geltung verhelfen. So gründeten sie den Karlesverein. „Das war ein e.e.V.“, sagt Karl-Martin Kutteruf, Jahrgang 1959 und bei den Treffen von Anfang an dabei. Das Kürzel versteht nur ein Schwabe, gemeint ist ein „ed (hochdeutsch: nicht) eingetragener Verein“. Dennoch wurden freiwillige Beiträge eingesammelt, und bei den jährlichen Treffen erstattete der Kassier seinen Kassenbericht.

Zu den Ausgaben des Vereins gehörte ein namenspolitisches Förderprogramm: „Wer in Neidlingen seinem Sohn den Namen Karl gab, bekam vom Verein eine Prämie“, sagt Karl Burkhardt, Leiter des Neidlinger Bauhofs, „waren es 20 oder 50 Mark?“ Sein Opa, der ebenfalls Karl Burkhardt hieß, hatte auch noch am Karlestag Geburtstag.

Die Feier des Karlestages wurde normalerweise nicht aufs Wochenende verschoben, sondern fand auf den Tag genau auch an Abenden unter der Woche statt. Das Wochenende hatte noch nicht den Stellenwert wie heute, viele Karle waren Bauern, und die Kuh gab auch am Sonntag Milch. „Es begann um sieben oder halb acht Uhr und ging dann lange“, sagt Klara Kutteruf, Witwe von Karl Kutteruf. Nur für 1973 gibt die Rückseite eines alten Fotos den 30. Januar an.

Im Jahr 1967 fiel der 28. Januar auf einen Samstag. Der Teckbote berichtete, das Treffen habe bis in den neuen Tag gedauert. Die jungen Karle durften aber nur bei der ersten Hälfte dabei sein, mit Extratisch. An diesen jährlichen Karlestagen im Gasthof Lamm gab es neben gutem Essen viele Musikstücke, Anspiele und Gedichte, Diavorträge über die Heimat, Wettkämpfe mit dem Wurfspieß, Geschicklichkeitsspiele und einiges mehr. „Ich habe mal eine alte Bäuerin gespielt“, erinnert sich Klara Kutteruf.

Ihr Ehemann Karl Kutteruf, Vater von Karl-Martin Kutteruf, war einer der Gründer des Vereins, zugleich berichtete er als Redakteur des Teckboten darüber und beschrieb den Verein in seinem Buch „Neidlingen im 20. Jahrhundert“. Er ist auch der Dichter des Karlesliedes, das bei den Treffen mit Inbrunst gesungen wurde: „Ihr Frauen denkt bei Tag und auch bei Nacht: Mein Karl, der hat mich glücklich g’macht.“

Exakt 50 solcher potenzieller Glücklichmacher von jung bis alt sind auf einem historischen Foto versammelt, aufgenommen im Gasthof Lamm. Zeitweise trugen mindestens zehn Prozent der männlichen Neidlinger den Namen Karl. Gleich zur Vereinsgründung am 28. Januar 1965 kamen 50 Karle, von einem solchen „Rücklauf“ auf eine Einladung können heutige Werbetreibende nur träumen.

Als Höchstzahl nennt Kutteruf die Zahl 66, inklusive der vor Ort Geborenen und Weggezogenen und der Karolinen. Lebenspartner mit anderen Namen waren bei der Feier des Karlestages aber ebenfalls willkommen. Zu den Karlen des Vereins zählten auch zwei Herren, die es durch Heirat in die weite Welt hinaus verschlagen hatte, bis nach Hepsisau.

Mitte oder Ende der 1970er-Jahre ist der Karlesverein dann sanft entschlafen, durch die fehlende Eintragung beim Amtsgericht war Genaueres nicht festzustellen. Wie sieht es heute aus, wie viele Karle gibt es denn in Neidlingen? Das wie immer hilfreiche Rathaus hilft weiter: Bei den Herren sind, Karl als Zweitnamen mitgerechnet, derzeit 48 Personen zu verzeichnen. Mindestens 13 dieser Herren zählten einst zum Karlesverein, der jüngste Neidlinger Karle heißt Karl Lukas und wurde 2011 geboren. Bei den Damen sind aktuell mindestens fünf Funde zu nennen, die auf die Namen Karoline, Karolin, Karolina und Karla hören oder diesen als Zweitnamen tragen.

Im Neidlinger Gemeinderat ist derzeit - zumindest was die Rufnamen angeht, Weiteres wurde nicht überprüft - kein einziger Karl und auch keine Karolin vertreten. Dabei trugen früher von zehn Gemeinderäten vier den Namen Karl. Fünf Vereine, berichtete Kutteruf, hätten einen Karl zum Vorsitzenden. Die Krone des Ganzen bildete die damalige Molkereigenossenschaft. Sie hatte nicht nur einen Karl zum Vorsitzenden, auch sechs von sieben Vorstands- und Ausschussmitgliedern hießen so.

Natürlich regte ein derart erfolgreicher Verein auch Nachahmer an. Doch die Plagiatoren waren weit weniger erfolgreich. „Es sollte ein Jörg-Verein gegründet werden“, sagt Karl-Martin Kutteruf. „Aber er kam nie zustande.“

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