Weilheim und Umgebung

„Der Katechismus des Juden ist sein Kalender“

Arnold Kuppeler spricht über jüdisches Leben in Synagoge und Haus

Mit Gesängen, Ritualgegenständen und einer Lesung aus seinem Modell einer Thorarolle führte Arnold Kuppler, Pfarrer  i. R., im katholischen Gemeindehaus Weilheim in die Praxis der jiddischen Jahresfeste ein.

Arnold Kuppler fährt während seiner Liturgie flink mit dem Zeigestab über den unpunktierten hebräischen Text. Foto: Sabine Acker
Arnold Kuppler fährt während seiner Liturgie flink mit dem Zeigestab über den unpunktierten hebräischen Text. Foto: Sabine Ackermann

Weilheim. Es ist still. Alle hören fasziniert zu und verfolgen den Jad – Zeigestab –, den Arnold Kuppler während seiner Liturgie flink über den unpunktierten hebräischen Text der fünf Bücher Mose gleiten lässt. Aus dieser Thorarolle wird in jüdiscwhen Gottesdiensten gelesen, wobei es eher einem Singen nach einer bestimmten Kantillation gleichkommt. Wenngleich wohl kaum jemand den Inhalt versteht, sind die etwa zwei Dutzend Besucher beeindruckt.

Mit dem evangelischen Pfarrer i. R. konnte die katholischen Kirchengemeinde Sankt Franziskus einen Referenten gewinnen, der sich seit fast vierzig Jahren mit dem jiddischen Glauben beschäftigt. „Der Katechismus des Juden ist sein Kalender, eine von allen Juden anerkannte Glaubenslehre gibt es nicht. Aber in der Feier der Feste spiegeln sich alle Themen jüdischen Lebens wider“, sagt Arnold Kuppler, der für jeden eine Auflistung des jüdischen Festkalenders mitgebracht hat. Alle Jahresfeste beherbergen feste Bräuche, Gesänge, Ritualgegenstände sowie das bewusste Feiern im Rhythmus der Zeiten.

Der jüdische Lunisolar-Kalender ist ein Mond-Sonnenkalender, die Monate werden nach dem Mond und das Jahr nach der Sonne berechnet, dadurch sind es nur 353 bis 355 Tage. Um den Unterschied zum Sonnenjahr auszugleichen wird im 19-jährigen Zyklus jedem 3., 6., 8, 11., 14., 17. und 19. Jahr ein zusätzlicher zweiter Monat „Adar“ eingeschoben. Ferner beginnt der 24-Stunden-Tag am Abend mit Einbruch der Nacht, die Woche zählt sieben Tage, wobei die ersten sechs Tage namenlos sind. „Diese werden durch die sechs ersten Buchstaben des hebräischen Alphabets oder mit den entsprechenden Ordinalzahlen bezeichnet, der siebte Tag heißt dann Sabbat, die Woche beginnt daher mit dem Sonntag“, erklärt der 73-jährige Experte aus Gammelshausen.

„Leschana towa tikatewu“, was übersetzt heißt „Mögest du zu einem guten Jahr ins Buch des Lebens eingeschrieben werden“, wünschen sich die Juden am 1. Tischri, Neujahr, das entweder im September oder Oktober beginnt. Zehn Tage danach wird Jom Kippur, der Versöhnungstag, gefeiert, und am 15. Tischri folgt das Fest der Freude, der Einheit, des Ausruhens und der Wiederherstellung der Gemeinschaft, kurzum das Laubhüttenfest. Nicht nur dazu hat Arnold Kuppler verschiedene Ritualgegenstände, wie unter anderem einen Sederteller zum Pessach-Fest und auch einen Gebetsriemen, mitgebracht. Überhaupt ist der Geistliche voll in seinem Element, wenn er kurzweilig in die jiddischen Bräuche und Gepflogenheiten eintaucht und diese seinem interessiert zuhörenden Publikum zum Besten gibt. So ist es in manchen Gemeinden üblich, dass aus der bei der Beschneidung benutzten Windel ein Torawimpel – Mappa – gefertigt wird. Auf dieses Band, das um die Thorarolle gewickelt wird, sind der Geburtstag des Kindes sowie Segenswünsche gemalt oder gestickt.

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