Weilheim und Umgebung

Der Nachtwächter ruft wieder

Weilheim erweitert sein Angebot an Stadtführungen – Neuer Flyer liegt aus

Weilheim baut sein Repertoire an Stadtführungen aus. Das buntere Angebot soll mehr Menschen ins Städtle locken. So auch der Nachtwächter.

Im historischen Kostüm führt Gunther Wagner künftig Gruppen durchs nächtliche Weilheim.Foto: Markus Brändli
Im historischen Kostüm führt Gunther Wagner künftig Gruppen durchs nächtliche Weilheim.Foto: Markus Brändli

Weilheim. „Ich gehe voraus“, sagt Gunther, der Nachtwächter, und schreitet voran in die dunkle Gasse – in einer Hand die schwere Hellebarde, in der anderen eine Laterne. „Ihr könnt kommen, der Weg ist sicher“, ruft er. Gunther, der Nachtwächter, heißt eigentlich Gunther Wagner und führt künftig Gruppen durchs abendliche Weilheim.

Der Rundgang mit dem Nachtwächter ist eine von drei neuen Stadtführungen in Weilheim. Der Ausbau der thematischen Führungen gehört zu den großen Projekten der Weilheimer Innenstadtoffensive und soll dazu beitragen, mehr Leben ins Städtle zu bringen. Einen kleinen Vorgeschmack auf die nächtliche Tour gab es für die Mitglieder des Weilheimer Gemeinderats. Für sie rundeten die Häppchen aus dem Nachtwächter-Repertoire den Zwischenbericht ab, den Sandra Schöne von der Stabstelle Innenstadtoffensive präsentierte (siehe Artikel unten).

„Weilheim hat zwar schon sehr gute stadt- und baugeschichtliche Führungen“, betonte Sandra Schöne. 45 Gruppen pro Jahr führen Wilhelm Braun und Hans Klöhn durch die historische Altstadt und zum Teil auch durch die Peterskirche. Ein größeres, bunteres Angebot mit speziellen Themenführungen soll nun aber auch andere Zielgruppen ansprechen und noch mehr Menschen nach Weilheim holen. „Die Kinderführung läuft bereits und wird gut nachgefragt“, berichtete Sandra Schöne. Passend zum großen Zähringermarkt in Weilheim geht am 1. Oktober außerdem eine Zähringer-Führung an den Start. Und ganz aktuell hatte die Nachtwächter-Führung ihre Premiere.

Dabei erfuhren die Gemeinderäte etwa, dass es in Weilheim – im Gegensatz zu anderen Städten – tatsächlich Nachtwächter gab. Von 1571 bis 1931 mussten sie zwischen 20 Uhr und 5  Uhr durch die Gassen ziehen, die Stunden ausrufen und eingreifen, wenn etwas nicht mit rechten Dingen zuging. „Sinnloses Herumlaufen oder einsame Damen, das ging nicht“, verdeutliche Gunther Wagner, der sich schon seit über zehn Jahren in der Mittelalterszene betätigt und beispielsweise beim mittelalterlichen Weihnachtsmarkt in Esslingen und beim Mittelaltermarkt im Stauferpark in Göppingen mitgewirkt hat.

Um die Nachtwächter-Führungen vorzubereiten, ist Sandra Schöne übrigens zusammen mit Gabriele Mühlnickel-Heybach vom Esslinger Kreisarchiv tief in Weilheims Geschichte eingetaucht. „Wir haben originale Berichtshefte gefunden und Einträge aus dem Statutenbuch he­rausgesucht“, so Schöne.

Geschichten, die Gunther der Nachtwächter zum Besten gibt, haben sich also auch tatsächlich so in Weilheim zugetragen und stammen aus alten Berichtsbüchern. Zum Beispiel diese: „In der Nacht von 7. Mai auf 8. Mai 1893 wurden der ledige Schreiner Kaspar Rommler und ein mir unbekannter Mensch auf der Straße vor dem hause des Michael Plessings angetroffen. Beide sangen und lärmten.“ Sie seien durch die Kirchheimer Straße gegangen und hätten noch mehr Lärm verursacht. „An der Melkerbrücke wurde beide von mir eingeholt. Als ich sie festnehmen wollte, nahmen beide Reißaus und sprangen davon.“

Die Stadt Weilheim hat einen neuen Flyer „Stadtführungen“ herausgegeben. Darin sind alle vier Rundgänge durch die Altstadt beschrieben. Informationen gibt es beim Bürgerbüro in Weilheim unter der Telefonnummer 0 70 23/10 60. Dort werden Interessierte zur Terminabsprache direkt an die Stadtführer vermittelt.

Eine Menge im Städtle bewegt

Weilheim. Es ist noch nicht einmal Halbzeit – und fast alle Projekte laufen oder sind schon abgeschlossen: die Gründung eines Kinovereins oder neue Stadtführungen etwa. Keine Frage: Was Sandra Schöne von der Stabstelle Innenstadtoffensive in gut 16 Monaten auf die Beine gestellt hat, kann sich mehr als sehen lassen.

Dementsprechend viel Lob gab es für sie auch, als sie dem Gemeinderat einen Zwischenbericht ablieferte. Steffen Meckes (SBV) zeigte sich beeindruckt: „Ich hätte nie gedacht, dass man in der Zeit so viel bewegen kann.“ Karl Mohring (FWV) pflichtete ihm bei: „Es ist toll, was geleistet wurde.“ Auch Rainer Bauer (UWV) kam trotz anfänglicher Skepsis nicht umhin, der Arbeit von Sandra Schöne Anerkennung zu zollen.

Dass das Städtle ein Problem hat, war schon lange klar gewesen: „Zu wenig Leben, viel Leerstand und ein ungutes Gefühl, das man nicht in Worte fassen kann“, beschrieb es Bürgermeister Johannes Züfle. „Jahrelang haben wir uns schwergetan, eine Lösung zu finden.“ Schließlich holte sich Weilheim ein externes Beratungsinstitut ins Boot. Es wurden die Gewerbetreibenden befragt, Projektgruppen eingerichtet und Workshops angeboten. Heraus kam ein Konzept zur Innenstadtbelebung mit sechs Kernprojekten. Die Stadt richtete die auf drei Jahre befristete Stab­stelle Innenstadtoffensive ein und besetzte sie mit Sandra Schöne, seit 2012 auch ehrenamtliche Vorsitzende des Stadtmarketingvereins.

„Wir haben uns für eine liebevolle Belebung der Innenstadt entschieden“, beschrieb es Sandra Schöne. Ein Teil davon war die Gründung des Kino- Kunst und Kulturvereins, der seit Kurzem sein „Kinole“ in der Häringer Straße betreibt und weitere Kulturveranstaltungen organisiert. Er ist nicht nur äußerst engagiert, sondern auch ein Selbstläufer geworden. „Für die Innenstadtoffensive fällt da nichts mehr an“, so Schöne.

Weit gediehen ist auch das Anliegen, Bewegung in die Innenstadt zu bringen. Nächste Woche wird der Evopäd-Parcours in den Hofgärten eingeweiht. „Er wird jetzt schon gut angenommen“, freut sich Sandra Schöne. „Und die Grünanlage haben wir auch aufgewertet.“ Zwar steckt jede Menge Arbeitszeit in dem Projekt. Weitere Kosten sind der Innenstadtoffensive aber nicht entstanden. „Wir haben alles über Sponsoren finanziert“, so Schöne. Für Bewegung sorgen sollen außerdem neue Spielgeräte in der Innenstadt.

In trockenen Tüchern sind zudem der Ausbau der Stadtführungen (siehe oben) und der Zähringermarkt. Er findet am Samstag, 1. Oktober, auf dem Marktplatz statt. Ein Mittelaltermusiker ist ebenso bestellt wie die Marktbeschicker, eine Theatergruppe probt und die Nähstube arbeitet an Zähringerwimpeln und -kostümen.

Bei den Gewerbetreibenden nicht punkten konnte Sandra Schöne mit der Idee, einen zweiten verkaufsoffenen Sonntag oder eine lange Einkaufsnacht anzubieten. Jetzt ist angedacht, die Läden während des nächsten Künstlermarkts länger zu öffnen. „Aber da verhandeln wir noch mit den Ladenbetreibern.“

Bleibt noch ein Projekt: Marketing mit Augenzwinkern. Ob Zähringerbrot oder Richwara-Salat, Kaffeebecher oder Einkaufstüten mit Wappen – all das möchte sich Sandra Schöne in den kommenden Monaten vorknöpfen. „Ich bin zuversichtlich, dass ich das hinkriege“, sagte sie.

Das gilt übrigens auch für das Leerstandsmanagement, das sie unter ihren Fittichen hat. Zwar sind neue Gaststätten und ein Atelier in die Marktstraße gezogen. Dennoch waren sich die Gemeinderäte einig, dass es da noch Verbesserungsbedarf gibt. „Das ist ein schwieriges Thema, denn die Läden sind in privater Hand“, räumte Sandra Schöne ein. Wenn jemand nicht vermieten wolle, habe sie keine Chance. „Da sollten vielleicht auch andere ein bisschen Druck ausüben“, forderte sie Gemeinderäte und Bürger auf.

„Wir sind auf dem richtigen Weg“, lautete Johannes Züfles Fazit. In Sachen Leerstände verwies er auf einen Satz des Beraters: Erst kommt die Belebung, dann folgen die Läden.

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