Weilheim und Umgebung

Die AfD kommt - und kaum einer geht hin

Wahlkampf Der Auftritt der AfD-Kandidatin in Weilheim ist weitgehend unbeachtet geblieben. Daran konnte auch Promi Jörg Meuthen nichts ändern. Von Bianca Lütz-Holoch

Foto: Carsten Riedl

Es ist ein gemütlicher Abend in Weilheim für den AfD-Bundessprecher Jörg Meu­then. Keine „Antifanten“, wie die AfD-Mitglieder die linken Demonstranten nennen, keine Kundgebung. Zwei Polizisten lehnen entspannt an ihrem Streifenwagen und verschwinden bald wieder. Ganz anders als am Abend zuvor in Mosbach, wo bei Meu­thens Besuch rund 300 Demonstranten durch die Innenstaat zogen und ein Großaufgebot an Einsatzkräften der Polizei sie begleitete.

Der einzige kleine Aufreger in Weilheim: Zwei Graffiti an der Wand der Limburghalle, die jemand in der Nacht zuvor halbherzig hingeschmiert hat. Bis die Gäste eintreffen, ist davon nichts mehr zu sehen. Es wirkt fast so, als hätte kaum jemand bemerkt, dass die AfD Wahlkampf in Weilheim macht. Wenig mehr als 50 Zuhörer sitzen im kleinen Saal der Limburghalle, darunter einige Parteimitglieder und Funktionäre aus anderen Wahlkreisen. Aus dem Städtle ist so gut wie niemand da.

In dieser heimeligen Atmosphäre kommt Jörg Meuthen so richtig in Fahrt. Er gibt sich sympathisch und kämpferisch zugleich, flachst und erzählt Anekdoten. Die Zuhörer hat er gleich auf seiner Seite. Wenn er einschlägige Namen oder Schlagwörter fallen lässt, johlen, buhen oder klatschen sie.

So locker und witzig Meu­thens Plaudereien verpackt sein mögen - die Zutaten sind mit Kalkül gewählt: Immer laufen seine Geschichten darauf hinaus, die „Kartellparteien“ CDU, SPD, Grüne und Linke und ihre führenden Politiker zu enttarnen. Für sie verwendet er Begriffe wie „links“, „utopiebesoffen“ und „chaotisch“. Nicht wenige Schläge gegen Merkel, Schulz und Roth, die Meuthen meist witzelnd ausführt, gehen unter die Gürtellinie. Die Medien seien „gemein“ und „unfair“ zur AfD, von der Lokalpresse über die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender bis hin zur konservativen FAZ.

Für Meuthen stecken auch die Kirchen mit drin im „linksgrünen Schlamm“. „Früher ging man mit Kreuz und Papst gegen Hammer und Sichel vor. Heute gehen Kreuz und Papst mit Hammer und Sichel gegen die einzige vernünftige Kraft im Land vor“, so Meuthen. Denn die AfD, so viel steht für ihn fest, ist die einzige demokratische Partei Deutschlands - geführt und gewählt von Menschen mit Mut.

Auch wenn der Bundessprecher immer wieder betont, dass seine Partei keineswegs nur beim Thema Zuwanderung eine Position habe, sondern über ein vollständiges Wahlprogramm verfügt, lässt er keine Gelegenheit aus, von jedem erdenklichen Politikfeld immer wieder auf die Lieblingsthemen der AfD zurückzukommen: die Bedrohung durch Flüchtlinge und „die schleichende Islamisierung Deutschlands“ - laut Meuthen die größte Gefahr. Seine Partei bezeichnet er übrigens nicht als nationalistisch, sondern als „patriotisch“: „Ein völlig unverkrampftes Ja zum Vaterland - das ist, wofür wir stehen“, sagt Meuthen.

Stets spielen der AfD-Chef und die Kandidatin im Wahlkreis Nürtingen, Vera Kosova, mit der Angst. Sie greifen die Bedrohung durch den Euro, die Terrorismus-Gefahr, die unsichere Rente und die Sozialabgaben auf. „In Deutschland liegt die Abgabequote bei 40 Prozent“, so Meuthen. In anderen europäischen Ländern seien es nur 25 oder 30 Prozent. „Und wo bleibt das ganze Geld?“, fragt er und liefert die Antwort: „Es wird genommen für die Versorgung der Flüchtlinge.“ Eine schleichende Enteignung der Sparer sagt er voraus, und dass, wenn es so weitergeht, irgendwann die grüne Flagge des Islam auf den Rathäusern der Region wehen wird. „Wir müssen die Grenzen zumachen und dürfen niemanden mehr reinlassen“, warnt Jörg Meuthen.

„Die Kultur in unserem Land ist durch politische Fehlentwicklungen so bedroht, wie noch nie seit Bestehen der Bundesrepublik“, skandiert unterdessen Vera Kosova. Deutschland habe sich dramatisch verändert, seit sie aus Usbekistan eingewandert sei. Auf dem Kieker hat sie nicht nur Angela Merkel, die „scheinheilige kinderlose Mutti“, sondern auch eine Politikerin, die ebenso wie sie einen Migrationshintergrund hat: die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz und ihre Aussage, eine deutsche Kultur sei jenseits der Sprache nicht identifizierbar. Die Staatsministerin habe wohl noch nie von Mörike, Hegel, Carl Benz und Robert Bosch gehört, donnert die Direktkandidatin der AfD. „Leben wir denn noch in einer Demokratie? Oder ist Deutschland so weit nach links gerückt, dass es mehr und mehr der DDR ähnelt?“, fragt sie und sieht den antifaschistischen Bauernstaat aus Ruinen wieder auferstehen.

Die deutsche Kultur nicht zu erkennen - für Meuthen ein Fall von „Grenzdebilität“. „Der notorische Hass auf das Eigene bei Romantisierung des Fremden ist eine schlimme Pathologie“, diagnostiziert er. Einziges Heilmittel aus seiner Sicht: die AfD. Im Wahlkreis Nürtingen soll es die junge Ärztin Dr. Vera Kosova richten.

„Ich würde mir natürlich wünschen, dass wir bei 30 oder 40 Prozent rauskommen“, blickt Jörg Meuthen auf die Bundestagswahl. So unrealistisch, das zu glauben, ist er aber nicht: „Wichtig ist erst einmal, dass wir ins Parlament kommen. Schlimms­tenfalls landen wir in der Nähe der Fünf-Prozent-Hürde, wenn es besser läuft bei sieben, neun oder elf Prozent.“

„,Deutschland den Deutschen‘ ist nicht falsch, aber kontaminiert“

Veranstaltung mit Prof. Meuthen in Weilheim/Teck in der  Limburghalle. Mit dabei ist die Direktkandidatin Dr. Vera Kosova. Organ
Foto: Carsten Riedl

Schlagzeilen hat die AfD zuletzt vor allem mit ihrem Whats-App-Chat in Sachsen-Anhalt und schlechten Umfragewerten gemacht. Der Teckbote hat dazu AfD-Bundessprecher Jörg Meuthen befragt.

Thema Whats-App-Chat: Wie stehen Sie zur Aussage „Deutschland den Deutschen“ und zur Forderung nach Ende der Pressefreiheit?

Jörg Meuthen: Das eine geht gar nicht. Eine Einschränkung der Pressefreiheit ist definitiv gegen unsere Programmatik. Das kommt auch nicht von einem namhaften AfD-Mitglied. Die andere Äußerung stammt von André Poggenburg (AfD-Landesvorsitzender in Sachsen-Anhalt) selbst und ist deshalb sensibler. Der Satz „Deutschland den Deutschen“ an sich ist ja nicht falsch. Wenn ich beim Bundesparteitag sage „Dies Land ist unser Land“ ist das inhaltlich ganz ähnlich. Und was soll man denn sonst sagen: „Deutschland den Marokkanern“? Oder: „Deutschland den Argentiniern“? Aber „Deutschland den Deutschen“ als Aussage ist kontaminiert, weil die NPD sie verwendet hat. Deswegen ist es außergewöhnlich unklug, den Satz zu äußern. Es erweckt den Eindruck, wir seien äußerst rechtsaußen.

Sind Sie das denn nicht?

Meuthen: Wir sind konservativ, und zwar dezidiert konservativ, wir sind freiheitlich, wir sind patriotisch. Das sind die drei zentralen Attribute. Aber man versucht uns permanent an die Backe zu kleben, wir seien rechtsextrem. Und wenn dann noch einzelne Versprengte in den Chats Wörter wie „Machtergreifung“ verwenden, dann ist der Schaden, der daraus erwächst, unermesslich.

Laut Allensbach-Institut liegen die Umfragewerte der AfD auf Bundesebene aktuell bei 6,5 Prozent. Ist die Partei auf dem absteigenden Ast?

Wir haben im Moment ein Problem: CDU und FDP - Parteien aus dem ursprünglich bürgerlichen Lager - gelingt es, Wasser auf ihre Mühlen zu lenken. Wir sind die Schmuddelkinder, und sie versuchen, sich als die Seriösen darzustellen. Das ist wenig glaubwürdig. Die CDU hat das alles verbockt. Und jetzt wird der Bock zum Gärtner gemacht. Die beiden Parteien stellen sich als diejenigen dar, die das in Ordnung bringen - und kommen damit bei den Menschen auch durch.

Wie ist denn Ihr aktuelles Verhältnis zu Frauke Petry?

Professionell. Wir tun unsere Arbeit im Dienste der Partei, und dahinter haben alle Befindlichkeiten zurückzustehen.

Bianca Lütz-Holoch

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