Weilheim und Umgebung

„Die ersten 100 neuen Bahnkilometer zahlt das Land“

Bahnstrecke Es gibt Chancen für eine schnelle Reaktivierung der Voralbbahn von Göppingen nach Bad Boll.

Die Bahnstrecke nach Bad Boll ist der Natur noch vollends ausgesetzt. Foto: Markus Brändli
Die Bahnstrecke nach Bad Boll ist der Natur noch vollends ausgesetzt. Foto: Markus Brändli

Region. Immer wieder lädt der Verkehrsclub Deutschland (VCD) zu Diskussionen über die Reaktivierung regionaler Bahnstrecken. Im Landkreis Göppingen hatte er das Interesse unterschätzt: Weil die Zoom-Lizenz nur 100 Teilnehmer erlaubte, mussten weitere Interessenten draußen bleiben.

Der VCD-Landesvorsitzende Matthias Lieb erläuterte sowohl die Gründe für den Bau der Nebenstrecken als auch für deren Einstellung. Die Voralbbahn wurde für den Milchtransport, die Genossenschaftsbrauerei in Holzheim und den starken Arbeiterverkehr nach Göppingen gebraucht. Als 1914 im Landtag über den Bau diskutiert wurde, gehörte auch die Weiterführung nach Weilheim dazu. Die Strecke wurde zwar 1926 ohne diese Weiterführung eingeweiht, aber Bad Boll vorsorglich als Durchgangsbahnhof angelegt.

1983/1984 fuhr die Deutsche Bahn im Schienenpersonennahverkehr ein Rekorddefizit von vier Milliarden Mark ein und bekam strenge Sparvorgaben. Das ging nicht ohne Stilllegungen. 1989 fuhr der letzte Schienenbus nach Bad Boll, auf der Hohenstaufenbahn nach Schwäbisch Gmünd war schon fünf Jahre vorher Schluss.

1990 ging die Zuständigkeit für den Schienennahverkehr auf die Bundesländer über. „Für diese Strecken kam das zu spät“, sagte Matthias Lieb. Heute seien die Voraussetzungen ganz anders: Es wohnten viel mehr Menschen entlang der Strecken, und im Verkehr wolle das Land bis 2030 eine Halbierung der CO2-Emissionen erreichen.

Beide Strecken kamen in einer Analyse des Landes auf ein hohes Fahrgastpotenzial. Das gelte für die Gesamtstrecke von Göppingen bis Kirchheim und für die Strecke von Göppingen nur bis Bad Boll, aber nicht für die Strecke Kirchheim - Weilheim allein. Für die Ortsdurchquerungen in Bad Boll und Weilheim biete sich ein Stadtbahnbetrieb mit Radien ab 25 Metern an.

„Alle Gemeinden außer der Stadt Göppingen haben ihre Streckenabschnitte gekauft“, sagte Hans-Rudi Bührle, Bürgermeister von Bad Boll. Damit ließe sich das Problem vermeiden, vor dem gerade die Zabergäubahn Lauffen-­Leonbronn steht: Sie gehöre noch der Deutschen Bahn, berichtete ein Teilnehmer, sie wolle die Strecke für die Reaktivierung selbst sanieren. Das werde richtig teuer. Dass andere, etwa die Karlsruher AVG, viel günstiger bauen, ist in Fachkreisen allgemein bekannt.

Noch ein Vorteil: Die Trasse der Voralbbahn wird nicht für den Radverkehr gebraucht, es gibt genügend Alternativen. Die Hohen­staufenbahn hingegen ist zum Bahntrassenradweg geworden. Bei einer Reaktivierung müsste entweder die Bahnlinie oder der Radweg eine neue Trasse bekommen oder beide müssten nebeneinander Platz finden.

Mehrere Teilnehmer regten eine Verknüpfung mit der Neubaustrecke nach Ulm an, mit einer „Weilheimer Kurve“ oder einem Halt zum Umsteigen. Dies kann aber höchstens eine langfris­tige Perspektive sein. Auf eine näherliegende Verknüpfung wies der bahnpolitische Sprecher der Grünen, MdB Matthias Gastel, hin: Ende künftig eine Filder-S-Bahn in Kirchheim, gebe das für einen Anschluss Richtung Göppingen nochmals ganz neue Perspektiven.

90 Prozent der Kosten für die Reaktivierung würde der Bund bezahlen, weitere etwa sechs Prozent das Land, sagte Matthias Lieb. Für die ersten im Land reaktivierten 100 Bahnkilometer übernehme das Land auch noch die Betriebskosten nach dem Landesstandard, also einen Stundentakt, in der Hauptverkehrszeit einen Halbstundentakt. Es lohne also, sich zu ­beeilen. ­Peter Dietrich

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