Weilheim und Umgebung

Die Hagebutte ist eine Vitaminbombe

Familienbetrieb Seit fünf Generationen verarbeitet die Familie Latzko in Bad Boll Hagebutten. Die Vielfalt der Produkte ist groß – und gesund. Von Thomas Krytzner

Mit der Schaufel werden die vitaminreichen, aufgetauten Früchte den Walzen zugeführt. Foto: Thomas Krytzner
Mit der Schaufel werden die vitaminreichen, aufgetauten Früchte den Walzen zugeführt. Foto: Thomas Krytzner

An vielen Tagen in den Wintermonaten geht es auf dem Betriebsgelände der Familie Latzko in Eckwälden, einem Ortsteil von Bad Boll, richtig laut zu. Denn: Da sind Jochen und Patrick Latzko dabei, Hagebutten zu verarbeiten. Mit verschiedenen Walzen und Filtern trennen sie das Hägenmark vom Rest der Frucht. Kerne, Haut und Härchen werden entfernt und extra weiterverwendet.

Während der Produktion lüftet Patrick Latzko auch gleich das Juck-Geheimnis: „Die feinen Härchen unter der Hagebuttenhaut haben Widerhaken und sind für das Jucken verantwortlich.“

Die Ernte der vitaminreichen Früchte beginnt gegen Ende August und nimmt in der Produktionskette die meiste Zeit in Anspruch. Zurzeit bewirtschaftet der Familienbetrieb drei Hek­tar mit Hagebuttenpflanzen, will aber in zwei Jahren die Fläche verdoppeln. „Die Wartezeit bis zur ersten Ernte beträgt etwa sechs Jahre. Ganz ausgewachsen sind die Sträucher aber erst mit acht Jahren“, erläutern die Fachleute.

Für die ganze Familie ist das Geschäft rund um die kleine gesunde Frucht ein Fulltime-Job. „Wir stellen zur Ernte und der Verarbeitungszeit Aushilfskräfte ein, weil wir die ganze Arbeit nicht alleine schaffen“, sagt Jochen Latzko. Pro Tag schafft eine versierte Erntekraft bis zu 40 Kilogramm. Die Ausbeute ist allerdings gering: „Nur rund 60 Prozent der Frucht können wir für das Hägenmark verwenden, der Rest sind Kerne. Haut und Stachel.“

Seit drei Jahren hat sich das Familienunternehmen darauf spezialisiert, aus den Kernen auch Öl zu produzieren. Richtig los mit der Produktion geht es dann im Oktober, die den ganzen Winter über läuft. „Bis ins Frühjahr sind wir damit beschäftigt, aus den verschiedenen Bestandteilen der Früchte Mark, Öl oder Pulver zu produzieren.“

Kurz nach der Ernte kommen die Hagebutten ins Tiefkühllager und benötigen rund fünf Tage, bis sie für die Verarbeitung aufgetaut sind. Es folgen die Press- und Filterarbeiten, die einen Tag in Anspruch nehmen, um das Hägenmark in der gewünschten Feinheit und Form zu erhalten. An einem weiteren Tag kommt die Endverarbeitung. „Rund sieben Tage dauert es, bis die gewünschten Produkte aus der Frucht im Laden stehen.“

Zwischenzeitlich verwendet die Familie Latzko die komplette Frucht. Was nicht als Verkaufsartikel in den Laden kommt, geht als Düngemittel aufs Feld zurück. „So sparen wir uns die Düngung. Da die Pflanze sehr robust ist, müssen wir nicht spritzen und bleiben so dem biologischen Anbau treu.“

Patrick Latzko erinnert sich: „Früher verkaufte die Oma noch von Tür zu Tür. Opa hat dann auf Wochenmärkte gesetzt, und diese Tradition besteht bis heute. Rund zehn Wochenmärkte in der Region besuchen wir und verkaufen dort unsere Produkte.“ Seit Kurzem können die Hägenmark-Liebhaber auch im Online-Shop des Familienbetriebes einkaufen.

War früher die Hagebutte für viele Betriebe in der Region um die nahegelegene Gemeinde Aulendorf Geldbringer, sind es heute nur noch wenige, die sich die Vorzüge der kleinen Frucht zunutze machen. Jochen Latzko meint dazu: „Früher hat ganz Aulendorf Mark verarbeitet.“ Die Ladenkundschaft heute ist gemischt, wobei jüngere Leute eher selten sind. „Einige kaufen bei uns ein, weil sie es von der Oma kennen.“ Dafür läuft die Mund-zu-Mund-Werbung perfekt: „Beim Hagebuttenpulver brauchen wir keine Werbung. Die Wirkung scheint so enorm zu sein“, vermutet Latzko, „das Pulver geht weg wie warme Brötchen.“

Die Maschinen für die Mark-Herstellung sind allesamt speziell für den Familienbetrieb entwickelt worden. „Die gibt es nicht von der Stange und wir modifizieren die Anlagen auch, bis wir mit der Produktion zufrieden sind“, schildert Patrick Latzko den oft mühsamen Weg. Dann schaltet er wieder die laute Presse ein, um weiteren Hägenmark-Nachschub zu produzieren.

Ein ausgeklügeltes Pumpensystem befördert das Mark von Filter zu Filter. Foto: Thomas Krytzner
Ein ausgeklügeltes Pumpensystem befördert das Mark von Filter zu Filter. Foto: Thomas Krytzner
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