Weilheim und Umgebung

Die Kunst liegt in der „Möglichkeit“

Andreas Mayer-Brennenstuhl referiert über den sozialen und pädagogischen Wert des Großprojekts

Andreas Mayer-Brennestuhl sprach über die therapeutische Funktion der Kunst.Foto: Markus Brändli
Andreas Mayer-Brennestuhl sprach über die therapeutische Funktion der Kunst.Foto: Markus Brändli

Bissingen. Zum Eröffnungswochenende des Kunst- und Aktionspfads gab es am Randecker Maar nicht nur

Andreas Volz

volles Programm und Musik – mit Akkordeonweltmeister Matthias Matzke sowie mit dem Musikverein Neidlingen –, sondern auch am Sonntag herrlichstes Wetter. Das alles zusammen lockte bereits zum Auftakt rund 2 000 Besucher auf die Alb. Ansehnlich war auch die Schar derer, die sich auf die mehr als vierstündige „wandernde Vernissage“ mit Professor Andreas Mayer-Brennenstuhl von der Hochschule für Kunsttherapie Nürtingen eingelassen hatten.

Bei der Vernissage zeigte Andreas Mayer-Brennenstuhl gemeinsam mit den anwesenden Künstlern am praktischen Beispiel, was er bereits zum Auftakt tags zuvor theoretisch angedeutet hatte. Aus der Sicht des Künstlers und des Kunsttherapeuten sprach er davon, wie wichtig es ist, Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, dass sie zeigen, was sie können. Er selbst hatte gemeinsam mit Jugendlichen der Ziegelhütte am Projekt „Kabeltrommeln“ gearbeitet, und speziell in der Beteiligung der Jugendlichen, aber auch in der Beteiligung von „Hobby“-Künstlern aus der Umgebung sieht er den wesentlichen Unterschied zum einstigen „Großen Alb-Gang“: Damals waren es ausschließlich „Profi-Künstler“ gewesen, die sich und ihre Arbeiten in der Natur öffentlich präsentiert hatten.

Beim Kunst- und Aktionspfad dagegen seien alle vereint, die sich künstlerisch ausdrücken – vom professionellen Künstler bis hin zum Jugendlichen, der unter Anleitung an einem partizipativen Kunstprojekt mitarbeitet. Es kommt also außer dem künstlerischen Aspekt noch ein sozialer und ein pädagogischer Gedanke hinzu. Das setze die Idee eines „erweiterten Kunstbegriffs“ um, den Joseph Beuys beprägt hat.

Andreas Mayer-Brennenstuhl bezeichnet Kunst als „den Ort, an dem wir die Entwicklung unserer Fantasie erleben können“. Den Menschen zeichne insbesondere der „Möglichkeitssinn“ aus: „Wir können uns Dinge vorstellen, die nicht mehr da sind, und Dinge, die es noch nicht gibt.“ Und selbst für die Realität gelte: „Alles könnte auch ganz anders sein.“

In der Kunst lasse sich alles das ausdrücken – Vergangenes, Zukünftiges oder auch ganz anderes. Und gerade der „Möglichkeitssinn“, der genau das erst ermöglicht, sei „jedem Menschen gegeben“. Jeder gestalte täglich ein eigenes Werk: seine eigene Biografie. Dieses Werk stelle an jeden den Anspruch, Selbstverantwortung zu übernehmen und ein freier Mensch zu werden. Dabei gilt für das Leben wie für die Kunst: „Wir können auch scheitern.“ Künstlerische Freiheit bedeute somit nicht nur, dass ein Künstler schaffen kann, was er will, sondern auch, dass er in seiner Arbeit Verantwortung übernimmt – für sich und für sein Werk.

Zur Biografie gehören indessen auch schwierige Themen, was Andreas Mayer-Brennenstuhl nicht verschweigen möchte: Ängste, vielleicht sogar Traumatisierungen. Traumata lassen sich sogar über mehrere Generationen weitergeben und vererben, betonte er. Der therapeutische Ansatz besteht darin, diese Ängste und Traumata „ins Licht des Bewusstseins zu rücken“. Für den Nürtinger Kunsttherapeuten steht eindeutig fest: „Auch das ist eine Aufgabe der Kunst.“

Die Kunst hat also eine therapeutische Dimension – sowohl für die Künstler als auch für die Betrachter. An dieser Stelle kommt Andreas Mayer-Brennenstuhl abschließend wieder auf die Jugendlichen und die vielen partizipativen Kunstprojekte des Skulpturenpfads am Randecker Maar zu sprechen: „Das Mitarbeiten an diesen Kunstwerken ist besonders wichtig, auch und vor allem für junge Menschen, um den Weg des Lebens selbständig gehen zu können.“