Weilheim und Umgebung

Die Letzte ihrer Art

Foto: Peter Dietrich
Foto: Peter Dietrich

Liebe Neidlinger Telefonzelle, du warst die Letzte deiner Art in Neidlingen. Einsam ist es um dich geworden in den letzten Jahren. Sinkt dein Umsatz unter 50 Euro im Monat, darf die Telekom dich abbauen. Du lagst weit unter diesem Richtwert, also musst du deinen gewohnten Standort in der Gießenstraße 2 verlassen.

Du warst ein durchaus modernes Exemplar, ein TelH90 in Magenta-Grau, dein Name steht für „Telefonhäuschen 1990“. Du hattest eine Innenbeleuchtung und obendrauf einen Leuchtkasten mit dem großen T. Damit dich ein Ortsfremder auch mitten in der Nacht finden konnte: Hallo, in mir kann man telefonieren.

Solche wie dich können Liebhaber jetzt bei der Telekom kaufen, ab etwa 600 Euro. Sie müssen euch aber selbst abholen, und ihr seid bis zu 350 Kilogramm schwer. Im Neidlinger Gemeinderat haben sie alle deinem Abbau zugestimmt, kein einziger hat dich verteidigt. Sie haben darüber gespottet, was ein Käufer mit dir so alles machen könnte - dich etwa zu einer Duschkabine umbauen.

Aber ehrlich, wann habe ich selbst dich das letzte Mal benutzt? Das ist schon viele Jahre her, längst habe ich statt der Telefonkarte ein - inzwischen auch schon wieder furchtbar altertümliches - Klapphandy dabei.

Am frohesten war ich mal über eine deiner Kolleginnen in Irland. Sie war der einzige Unterstand, den ich bei einem heftigen Platzregen finden konnte, und das halbe Fahrrad passte auch noch mit rein. Unangenehmere Erinnerungen an dich und deine Kolleginnen gelten dem Gestank, weil andere in dir das Rauchen nicht lassen konnten, den zerfledderten Telefonbüchern und dem üblen Vandalismus.

Ein Ehrenplatz in der „Liste der vergessenen Dinge“ ist dir jedenfalls sicher, liebe Telefonzelle. Zusammen mit der Trockenhaube und dem Korrekturband, mit Lohntüte, Dreigang und Pappfahrkarte.

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