Weilheim und Umgebung

„Die Natur wirkt wie ein Heilpflaster“

Familie Die Holzmadener Elterninitiative für einen Waldkindergarten stößt auf große Resonanz. Klettern, Hangeln, Schwingen und Balancieren gehören laut Rudolf Hettich zu den elementaren Bedürfnissen. Von Anke Kirsammer

Tieren auf der Spur. Im Wald gibt es für Kinder viel zu entdecken.Fotos: Carsten Riedl
Tieren auf der Spur. Im Wald gibt es für Kinder viel zu entdecken.Fotos: Carsten Riedl

Das Wirbeln der Holzmadener Elterninitiative für einen Naturkindergarten trägt die ersten Früchte: Rund 30 Interessenten stehen bereits auf den Unterschriftenlisten, und der Festsaal der Gemeindehalle war am Infoabend gut gefüllt. Bürgermeisterin Susanne Jakob zeigte sich dem Projekt und der Initiative gegenüber aufgeschlossen: „Es ist schön, dass dieser Dialog aus dem Gemeindeentwicklungskonzept entstanden ist.“ Im Rahmen einer Planungswerkstatt haben sich sieben Elternteile zusammengeschlossen, die sich in der Urweltgemeinde für die Gründung eines Natur- oder Waldkindergartens starkmachen.

Susanne Jakob sieht den alternativen Kindergarten eingebettet in die Diskussion um dringend benötigte Betreuungsplätze. Einen Waldkindergarten hatte sie mehrfach in ihre Überlegungen einbezogen, bislang aber vermutet, dass es in Holzmaden nicht genügend Eltern gibt, die ihre Kinder dort anmelden würden. Ihr geht es darum, ein gutes, bedarfsgerechtes Angebot zu schaffen. Die Rathauschefin machte klar, dass Kleinkinder andere Betreuungsformen wie eine Krippe oder Tagesmütter brauchen. „Sollten wir einen Waldkindergarten einrichten, heißt es nicht, dass wir alles andere lassen“, betonte sie. Jetzt müsse man sehen, wie groß das Interesse sei.

Wie die Sprecherin der Elterninitiative, Julia Truppat, erklärte, soll kein Verein gegründet werden. Absicht ist, über die Gemeinde beziehungsweise den Kindergartenträger - die evangelische Kirchengemeinde - zu gehen. „Wir wollen, dass jeder den Waldkindergarten besuchen kann“, so Julia Truppat.

Rudolf Hettich, unter anderem Natur-Spiel-Raum-Planer und Waldkindergarten-Vorreiter, beleuchtete die Vorzüge von Kitas unterm Blätterdach. In der Arbeit als Sozialpädagoge mit sogenannten schwierigen Kindern und Jugendlichen hatte er vor Jahrzehnten gemerkt, dass die Natur wie ein Heilpflaster wirkt. Die meisten Kinder verbrächten aber derzeit den Tag in Räumen, wo sie unter voller Beobachtung seien. „Wir wissen viel zu viel von unseren Kindern. Sie haben keinen Freiraum mehr“, monierte der 64-Jährige. Für unsinnig hält Hettich, schon kleinen Kindern Medienkompetenz beibringen zu wollen und ihnen nur noch Dinge vorzulegen, die fertig sind. Jedes Kind müsse das Rad wieder neu erfinden. Auch herkömmliche Spielplätze geben gemäß dem Umweltpädagogen zu viel vor. Dort fänden Kinder oft nicht einmal einen Ast, mit dem sie irgendwo draufklopfen könnten, um ein Geräusch zu erzeugen. „Bis weit ins Grundschulalter hinein ist Spielen Leben“, betonte er. Hettich warnte davor, kleine Kinder ständig mit dem Auto irgendwohin zu fahren und sie bereits als Wissenschaftler zu sehen. Er begrüßte, dass Kleinkinder in den Fokus geraten, kritisierte aber, dass das meiste Geld in Bauten wandert, anstatt in gleichem Umfang in die Bildung von Erziehern zu investieren.

Im Wald können Kinder laut Hettich grenzenlos kreativ sein, weil sie überlegen müssen, was sie mit dem Stein, dem Stock oder dem Zapfen machen. Ein Waldkindergarten ermögliche ihnen, zu ihrem ursprünglichen Spiel zu finden. Anhand von beeindruckenden Bildern zeigte der Naturfotograf, wie intensiv Kinder sich mit Blättern, ihrem eigenen Atem, mit Bauprojekten oder mit kleinen Tieren beschäftigen und ihren elementaren Bedürfnissen wie Klettern, Hangeln, Schwingen und Balancieren freien Lauf lassen. Am Beispiel seiner Tochter wurde deutlich, dass Naturkindergärten nicht für jedes Kind geeignet sind. Dennoch ermunterte Hettich die Zuhörer, ihren Nachwuchs in den Waldkindergarten zu schicken. „Nutzen Sie die Chance.“ Auf die Frage eines Besuchers erklärte er, dass die Kinder gut auf die Schule vorbereitet seien.

Interessierte können sich per E-Mail unter naturkindergarten-holzmaden@gmx.de an die Elterninitiative wenden und sich in die Unterschriftenliste eintragen.

Der Waldkindergarten-Vorreiter Rudolf Hettich aus Wißgoldingen fordert im doppelten Wortsinn Freiräume für den Nachwuchs.
Der Waldkindergarten-Vorreiter Rudolf Hettich aus Wißgoldingen fordert im doppelten Wortsinn Freiräume für den Nachwuchs.
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