Weilheim und Umgebung

Die Welt, wie sie einer Großfamilie gefällt

Landwirtschaft Die Schwestern Mareike Voggel und Julia Schönrock arbeiten und leben mit ihren Familien und jeder Menge Tiere auf der Herzogenau – und genießen ihr arbeitsreiches Leben. Von Iris Häfner

Herzogenau Bauernhof Kühe
Foto: Carsten Riedl

Aus der Zeit gefallen? Von wegen! Mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Tatsachen haben die Schwestern Mareike Voggel und Julia Schönrock gemeinsam mit ihren Familien an ihrem Traum festgehalten und ihr kleines Paradies am Albtrauf geschaffen. Dieses schöne Fleckchen Erde liegt unterhalb des Boßlers in der Nähe des Deutschen Hauses. Eine ordentliche Portion Mut und Durchhaltevermögen war allerdings nötig, um die Herzogenau ihren Vorstellungen entsprechend verwirklichen zu können.

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Schon auf dem Weg zur Hofstelle sind die ersten Bewohner zu bewundern. Bar jeder Hektik liegen die Rinder wiederkäuend auf der saftigen Weide. Noch ist es eine bunte Herde. Petra, die Pinzgauerin, sticht dank ihrer dunklen, rotbraunen Flecken aus dem üblichen, helleren Fleckvieh heraus. „Die kann man sogar reiten“, verrät die vierjährige Hannah. Kuh Kati dagegen schmust sehr gerne und stellt diese liebenswerte Eigenschaft beim Besuch auf der Weide deutlich unter Beweis.

Herzogenau Bauernhof Kühe
Foto: Carsten Riedl
Herzogenau Bauernhof Kühe
Foto: Carsten Riedl

Welches Zuchtziel Mareike Voggel anstrebt, die ihren Master in Agrarwissenschaften, Tierwissenschaft und Verhaltensphysiologie in der Tasche hat, wird jedoch schnell deutlich: Mittelfristig soll ihre Herde ausschließlich aus Limpurger Rindern bestehen. „Ich schätze die alte Rasse sehr, sie ist robust und die Kühe haben gute Mutterqualitäten. Sie geben relativ viel Milch, man könnte sie auch melken - was ich aber nicht mache“, zählt sie die Vorteile der alten Rasse auf. Benannt ist sie nach der einstigen Grafschaft, die sich zwischen Schwäbisch Hall, Schwäbisch Gmünd und Ellwangen erstreckte. Gaildorf, im Schwäbischen Wald gelegen, war das Zentrum. Die Tiere sind von mittlerer Größe, sodass sie auch hangtauglich sind, und haben ein ruhiges Temperament. Der weibliche Nachwuchs wird zum Aufbau der Herde gebraucht, die Jungs werden relativ früh kastriert. Mindestens 36 Monate haben die Weideochsen hinter sich, ehe sie den Weg zum Schlachter antreten.

Sofagefühl beim Reiten auf der Kuh

Im Sachen Gewicht stehen Toni und Herr König den Kühen in nichts nach. „Das ist ein absolutes Sofagefühl, wenn man auf ihnen reitet“, beschreibt Julia Schönrock die Reiteigenschaft der beiden Kaltblüter, vor denen auch fremde Kinder keine Angst haben. Die sanften Riesen strahlen Ruhe und Gelassenheit aus, erst recht beim Grasen. Da wird der Größenunterschied augenscheinlich: Mancher Knirps ist kleiner als der Kopf, wenn sie den Füchsen über die Stirn streichen. Auch wenn beide Schwestern passionierte Westernreiterinnen sind, fallen die Pferde in das Resort von Julia Schönrock. Auf ihren Pferden bietet sie Reittherapie an. Das nötige Rüstzeug hat sie sich als Sozialpädagogin unter anderem auf dem Michaelshof erworben. „Soziale Landwirtschaft“ kennt sie also von der Pike auf. Zudem hat sie verschiedene Kurse besucht, denn neben der umfangreichen Theorie steht bei ihr die Praxis mit all ihren Facetten im Vordergrund. Die Menschen sind ihr wichtig - und natürlich die Pferde. Sie sollen bestens vorbereitet sein und selbst Spaß an der Arbeit mit den Reitern haben.

Herzogenau Bauernhof Kühe
Foto: Carsten Riedl
Herzogenau Bauernhof Kühe
Foto: Carsten Riedl

Zu ihren Klienten zählen in Sprache oder Bewegung entwicklungsverzögerte oder verhaltensauffällige Kinder. „Kinder haben Spaß mit Pferden. Ich arbeite am liebsten einzeln mit ihnen. So kann sich Vertrauen aufbauen“, erklärt Julia Schönrock. Auch Erwachsene schätzen ihre Stunden, „um mal reinzuschnuppern“. Einige kommen immer wieder einfach so auf den Hof. „Ihnen tut es gut, aus dem Alltag rauszukommen. Hier, bei der Arbeit und den Tieren, bekommen sie den Kopf frei“, nennt sie Gründe für die Motivation der freiwilligen Helfer. Zu denen gehören auch die Mädels vom Federhof in Weilheim. „Die sind Gold wert bei unseren Sommerfreizeiten“, können sich die jungen Reiterinnen der Wertschätzung von Julia Schönrock sicher sein. Ein großes Tipi steht mitten auf der Pferdeweide. Umgeben von Wiesen und Wäldern lässt es sich hier wunderbar in den Wilden Westen mit Cowboys und Indianern träumen. Sarah Wittke ist die Chefin des Federhofs. Die Sozial- und Reitpädagogin ist Freundin und Kollegin von Julia Schönrock. „Wir sind regelmäßig im Austausch“, freut sie sich über die gute Zusammenarbeit.

"Wir haben mehrere Standbeine"

Auch fröhliches Gegacker ist auf der Herzogenau zu hören. „Die Hühner haben sich irgendwie eingeschlichen“, sagen die Schwestern und lachen. Belohnt wird die Großfamilie, zu der auch der wenige Wochen alte Oskar und der zweijährige Theo gehören, mit leckeren Eiern. Mammutbäume schützen das Federvieh vor Greifvogelangriffen. So können sie genüsslich ein Sandbad zwischen dem Albgestein nehmen und gefahrlos über die Leiter in ihren Stall stolzieren. Unter ihnen haben die Schweine ihr Quartier. Nicht zu vergessen bei der ganzen Menagerie sind die tierischen Landschaftspfleger: Schafe und Ziegen. Sie halten die schwer zu bewirtschaftenden Hänge von Gestrüpp frei und das Gras kurz.

„Wir haben mehrere Standbeine. Entgegen dem derzeitigen Trend setzen wir auf Vielfalt“, erklärt Mareike Voggel. Eigentlich betreibt sie einen Biohof, hat sich jedoch nicht zertifizieren lassen. „Wir produzieren regional. Ich will kein biozertifiziertes Zusatzfutter aus Afrika, sondern beziehe das Futter, das ich nicht produzieren kann, von Höfen aus der Region - und das ist nicht immer bio“, erklärt sie. Froh sind die beiden Powerfrauen über die Unterstützung ihrer Männer Armin und Marco. „Ohne sie und unseren Vater würde unsere Arbeit hier nicht funktionieren“, sind sie sich einig. Vor allem wenn es ums Umbauen und Bauen geht sind die Künste von Vater Karl-Hermann Voggel gefragt, der beruflich alte und denkmalgeschützte Gebäude saniert. Eine fehlt jedoch im Familienverbund: „Die Mama war die treibende Kraft. Sie hat immer fest daran geglaubt, dass wir auf die Herzogenau ziehen“, denken die Schwestern mit Wehmut, aber auch mit großer Dankbarkeit an ihre verstorbene Mutter. Sie ist jedoch weiterhin präsent - und sei es durch die moderne Kuckucksuhr, die im luftigen Reiterstüble hängt.